Popfest Wien. Am ersten Abend war zumindest das Hauptprogramm geradezu programmatisch durchschnittlich.
You are a vampire“, klagte der Sänger der Steaming Satellites wieder und wieder, „You keep on sucking me dry“. Nun, das mag sozusagen die Leideform des „Lemon Song“ von Led Zeppelin (auf die der Pressetext der Band kühn anspielt) sein, aber es ist zumindest halbwegs originell. Das kann man von der Musik dieser jungen Salzburger Gruppe nicht behaupten: Bluesrock, wie er altväterlicher kaum sein kann, vorgetragen mit heiserer Stimme und grundsätzlich im mittleren Tempobereich. Led Zeppelin in der Schonkostvariante.
Seltsam, dass der selbst im Elektronikbereich aktive Patrick Pulsinger, der heuer erstmals das Popfest kuratiert, sein Programm mit einer so faden Rockband eröffnete. Natürlich war klar, dass man auch alle jene bedienen muss, die das klassische Gitarrenformat gewohnt sind, aber selbst in diesem gäbe es doch viel Originelleres als eine Band, die geradezu streberhaft darauf bedacht scheint, niemanden zwischen 14 und 84 irgendwie zu verstören.
Es wäre zynisch zu sagen, dass das so sein muss bei einem Popfest, das keinen Eintritt verlangt. Genau deshalb könnte man den neugierigen Massen – auf den Karlsplatz gekommen waren am Donnerstag 20.000 Besucher – ja etwas zumuten, das sie aus ihrem hochsommerlichen Chill-Modus herausreißt. Schlimmstenfalls würden halt manche kurz aufs Plaudern vergessen...
Beim Auftritt von Bauchklang kam immerhin mehr Stimmung auf: Dieses Ensemble aus St.Pölten macht rührige Dancefloor-Musik mit einem starkem Schuss Sonnenschein-Reggae (und den entsprechend solaren Botschaften, etwa dem Aufruf, auf eine „new kind of humanity“ zu setzen), und es macht sie a cappella, ohne Instrumente, nur mit den Stimmen. Das hat natürlich etwas Kunsthandwerkliches (bzw. Kunstmundwerkliches) an sich, funktioniert aber gut: Man ertappt sich immer wieder dabei, wie man nachsieht, ob diese Klänge wirklich alle nur oralen Höhlen entspringen. Von einem Ereignis, von dem man „noch den Enkeln erzählen wird“, wie der glückliche Kurator Pulsinger (der das aktuelle Bauchklang-Album produziert hat) rief, kann freilich nicht die Rede sein.
Noch weniger beim Duo HVOB: Sein Elektro-Disco mit Latin-Touch war rhythmisch agil, strahlte aber durchgehend diesen gewissen lauwarmen Optimismus aus, den Barbetreiber schätzen, weil er zum Konsumieren und zum (nicht allzu wilden) Tanzen animiert und zugleich die Gemüter beruhigt. So wirkte er auch vor der Karlskirche.
Gewiss, das Popfest-Nachtprogramm in übervollen Locations war origineller; doch am Hauptort kann es nur spannender werden in den nächsten Tagen (bis 28.7.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2013)