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Ich bin der Ozean, ich bin die See: Pop vor den Gezeiten

(c) EPA (FABIAN�STOFFERS)
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Von den Beach Boys stammt der tiefste Song über das Meer und den Tod. Doch auch Neil Young, The Who und viele andere besangen ihre ozeanischen Gefühle.

„I'm an accident“, singt der gewaltige Neil Young im gewaltigsten seiner Songs, „I'm a drug that makes you dream, I'm an aerostar, I'm a cutless supreme.“ Eine riesenhafte Aufblähung des sängerischen Ichs, in dem sich die gesamte Welt spiegelt. Doch am Ende wiederholt er nur mehr, wieder und wieder: „I'm the ocean, I'm the giant undertow, I'm the ocean,...“

Das Ich als Meer im Sog der Gezeiten. Ein anderer Großer des Pop, Pete Townshend, Autor und Gitarrist der Band „The Who“, hat auf dem Album „Quadrophenia“ (1972) die Persönlichkeit seines Helden Jimmy, eines Mods, den die Zeit überholt hat, in vier Personen geteilt. Wenn sie zusammenfinden, dann im ersten, von Meeresrauschen einbegleiteten Track „I Am the Sea“, und im letzten Song, „Love Reign O'er Me“: Hier regiert die Liebe und regnet zugleich, am Strand vom Brighton, wo Jimmy dann doch alles überlebt hat, nachdem er sich in „Drowned“ schon in die Fluten zu stürzen gedroht hat: „Let me flow into the ocean, let me get back to the sea...“

Was Freud nicht verstand. „I'm the Ocean“ und „I Am the Sea“, Überhöhung und Auflösung des Ich: Nimmt man die beiden Motive zusammen, ist man wohl sehr nahe an dem „ozeanischen Gefühl“, das Sigmund Freud im „Unbehagen in der Kultur“ schildert, nicht ohne zu betonen, dass er selbst es nicht zu begreifen imstande sei. Ein „ausgezeichneter Mann“ (dahinter verbirgt sich der Schriftsteller und Pazifist Romain Rolland) sehe dieses Gefühl als „eigentliche Quelle der Religiosität“. „Diese sei ein besonderes Gefühl“, schreibt Freud, „das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der ,Ewigkeit‘ nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam ,Ozeanischem‘.“

Man kann die Größe des Ozeans auch kleinlaut sehen. „Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den Vorzug geben?“, lässt Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ seinen schon dem Tod geweihten (und durch die Schopenhauer-Lektüre gegangenen) Thomas Buddenbrook fragen. Und antworten: „Auf der Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen heranwälzt, träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah...“

Diese Lebensmüdigkeit am Meer – die Thomas Mann dem Lebensmut des Bergfreunds gegenüber stellt – kann man z.B. in „Swim Until You Can't See Land“ von der schottischen Band Frightened Rabbit hören. Hier droht der Sänger in der Nordsee zu verschwinden, wissend: „The sea has seen my like before.“ Oder in „Ocean“ von Velvet Underground, wo die Wellen – zugleich mit der hymnisch lärmenden Musik – alles wegspülen.


„Catch a Wave“. Ja, auch Lou Reed, dieser Parade-Großstädter, hat über das Meer geschrieben. Doch der wichtigste Pop-Poet der See ist und bleibt gewiss Brian Wilson, der Kopf der Beach Boys. Seine frühen Surf-Songs wie „Surfin'“, „Surfin' USA“ oder „Catch a Wave“ sind helle Hymnen auf das Meer, den Sommer und das Leben, verfasst von einem, dem selbst ständig die Depression drohte, der vor dem Strand in die Dunkelheit und Einsamkeit seines Zimmer floh („In My Room“, 1963). Acht Jahre später, auf dem Album „Surf's Up“, warnten seine Bandkollegen in „Don't Go Near the Water“ vor der Umweltverschmutzung; Brian Wilson, längst in psychiatrischer Behandlung, schrieb indessen „'Til I Die“, einen Song, der wie kein anderer Tod und Meer vereint. „I'm a cork on the ocean, floating over the raging sea“, heißt es darin, „how deep is the ocean?“. Es folgen zwei andere Bilder, ein Stein in einer Lawine und ein Blatt im Wind, doch der Kork auf dem Meer bleibt das eindringlichste von den Dingen, über die die Beach Boys schließlich in feierlichem Kanon singen: „These things I'll be until I die.“

Er habe sich beim Schreiben dieses Songs „schiffbrüchig auf einer existenziellen Insel“ gefühlt, erklärte Brian Wilson. Seine Kollegen waren nicht gleich begeistert. Um es ihnen recht zu machen, änderte er Zeilen ins Positive, machte aus „It kills my soul“ „It fills my soul“ und aus „I lost my way“ „I found my way“. Doch dann bestanden die anderen erst recht wieder darauf, die alten Verse beizubehalten. So oder so, sie sangen sie mit so viel Andacht, als ob sie verstünden, was Brian Wilson beabsichtigt hatte: „Ich wollte, dass jede Note so klingt, als ob sie in der schieren Größe des Universums verschwinden würde.“ Genau darum bleibt der Song, so ist das mit dem Meer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)