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Das Meer heilt die wunde Seele

(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Von Piraten entführt wird die Hauptfigur in Yasmina Khadras neuem Roman »Die Landkarte der Finsternis«. Entstanden ist eine Parabel auf das Eingesperrtsein in sich selbst.

Eine Frau – ein Mann. Sie ist sein Universum, er ihres. Er ist Arzt in Frankfurt, sie erfolgreiche Marketingmanagerin. Alles bestens. Doch dann trübt sich das Glück plötzlich ein. Die Frau zieht sich von dem Mann zurück, lässt ihn nicht mehr an sich heran. Eines Tages findet er sie tot in der Badewanne. Kurt Krausmann versinkt in einem Meer von Einsamkeit und der quälenden Frage nach dem Warum. Die hilflosen Versuche der Tröstung durch Freunde dringen nur bis ans Ohr, gelangen aber nicht ins Herz.

Erst als der Industrielle Hans Mackenroth, der auch vor einigen Jahren seine Frau verloren hat, Kurt einlädt, mit ihm einen Segeltörn zu unternehmen, wird die Trauer erträglicher. Es ist das Meer, das Kurts wunder Seele Linderung verschafft. Stundenlang steht er am Bug der Jacht und blickt hinaus auf die endlosen Weiten, wird sich seiner Kleinheit und Nichtigkeit bewusst. Die stört ihn jedoch nicht, sondern im Gegenteil, macht ihm bewusst, wie unwichtig auch sein Schmerz ist im Angesicht der schieren Unendlichkeit der Wassertropfen.


Von den Piraten verschleppt. Doch auch dieses kleine Glück währt nicht lang. Eines Nachts werden die beiden Männer vor dem Horn von Afrika von Piraten überfallen und verschleppt. Sie durchleben die Hölle weißer Gefangener in den Händen von marodierenden Banden, die versuchen, mit Menschenhandel, Raub und Plünderung zu überleben. Während Kurt zu Beginn nur Verachtung und Hass für seine Entführer empfindet, lernt er sie nach und nach zu verstehen. Es ist jedoch nicht das klassische Stockholm-Syndrom, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass all sein zivilisiertes Denken und Handeln ein Luxus ist, den sich reiche, sorglose Europäer leisten können. Ändert sich die Lage, geht dieser Luxus schnell verloren. Das lässt der Autor als Entschuldigung jedoch nicht gelten. Vielmehr zeigt er, dass die Menschen auch unter widrigen Umständen Handlungsspielräume haben, dass auch die Schwachen nicht immer schwach sein müssen.

Yasmina Khadras Buch erfüllt eine Forderung, die immer wieder an die Literatur gestellt wird: Er wendet sich aktuellen Themen zu, Themen, die über das rein Selbstreferenzielle hinausgehen. Eindrucksvoll seziert Khadra den schwelenden Konflikt zwischen Afrikanern und Europäern, den die Weißen zur eigenen Gewissensberuhigung gern als beendet ansähen. Der Text wirbt jedoch nicht für Sympathie für die Entführer, stellt sie nicht als Menschen dar, die keinen anderen Ausweg haben. Sozialromantik hat in Khadras Buch keinen Platz.

Formal ist der Text als Novelle angelegt. Der Widerpart des Icherzählers Kurt ist der Franzose Bruno, der ebenfalls von den Piraten gekidnappt wurde. Er begann einst ein Ethnologiestudium, fuhr nach Afrika und kehrte nicht wieder nach Europa zurück. Bruno vermittelt Kurt ein anderes, größeres Bild von Afrika in all seiner Buntheit und Vielfalt.

Paul Heyse postulierte einst in Anlehnung an Boccaccios „Falkennovelle“ aus dem „Decamerone“, dass jede Novelle einen „Falken“, ein Dingsymbol, aufweisen müsse. Suchte man dieses in Khadras Buch, könnte man dem Meer diese Funktion zuordnen. Schon zu Beginn des Textes, wenn Kurt und Hans auf ihrem Boot durch die Wellen gleiten, ist es von zentraler Bedeutung. Dann werden die Piraten, die Freibeuter, zum Sinnbild – genauso unbezähmbar und unberechenbar wie die Ozeane. Später wird die Wüste – ein Meer ohne Wasser – zur Metapher für Unendlichkeit und unüberbrückbare Distanzen.


Parabel. Das Besondere an dem Text ist, dass Khadras Sprache exakt dem Duktus des Geschehens folgt. Die erstickende Öde des Gefangenendaseins wird in lakonisch nüchternen Sätzen geschildert. Spitzt sich die Lage zu – etwa wenn es zu Konflikten innerhalb der Piratengruppe kommt oder der Kommandant ausrastet –, wird auch die Sprache eruptiver, entlädt sich die Spannung in längeren, auch mit Adjektiven aufgefetteten Satzkompositionen und drastischen Bildern.

Seltsamerweise findet eine Identifikation mit dem Icherzähler trotzdem nur selten statt, bleibt man als Leser außen, sieht man ihm eher zu, wie er stolpert und sich wieder aufrichtet. Das mag daran liegen, dass die Figur selbst wenig Nähe zulässt. Erst als sich Kurt wieder verliebt, öffnet sich die Auster. Sonst überwindet Kurt die Grenzen des eigenen Ichs kaum. Das ist es wohl, was Khadra hier geschrieben hat: eine Parabel über das Eingesperrtsein in sich selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)