Schnellauswahl

Wer das Meer regiert, regiert noch immer die Welt

(c) EPA (L(Phot) JAY ALLEN / BRITISH MINI)
  • Drucken
  • Kommentieren

Die letzten unverteilten Räume des Planeten, reiche Bodenschätze und die Lebensadern des Welthandels: Die strategische und wirtschaftliche Bedeutung der Ozeane ist kaum zu überschätzen.

So stolz auf unsere Helden!“ „Ich liebe die Navy!“ Als die größte Seemacht des Planeten in der Vorwoche in Norfolk, Virginia, einen ihrer atomgetriebenen Kampfkolosse anwarf, stapelten sich auf der Facebook-Seite der US-Navy patriotische Liebesbekundungen. Der Flugzeugträger USS Harry S. Truman ist wieder in See gestochen, bis zu neun Monate soll er im mehr als 11.100 Kilometer entfernten Persischen Golf und auf der Straße von Hormus Präsenz zeigen. Abschreckung als Machtinstrument – wie im Kalten Krieg.

Die Formel dahinter ist simpel, schon die alten Griechen und Römer kannten sie, das „British Empire“ trieb ihre Anwendung zur Perfektion: Wer eine Weltmacht sein will, muss eine Seemacht sein. Und heute? Ist Neptuns Dreizack fest in der Hand der USA und die alte Formel hochaktuell. Die wichtigsten Handelsstraßen, die Möglichkeit, Macht ans andere Ende der Welt zu projizieren, und die letzten unverteilten Räume des Planeten, das ist die Mischung, die die Schauplätze der Ozeane so bedeutsam macht. Und die Straße von Hormus ist einer davon.


China hängt am Tropf. Ein Fünftel des weltweiten Ölhandels wird durch die teils nur 55 km schmale Meerenge zwischen Iran und Oman gezwängt. Das Nadelöhr ist eine Lebensader des Seehandels, an dem wiederum die Weltwirtschaft hängt. Rund 80Prozent des globalen Handels werden über die Ozeane verschifft. Bis 2030 wird sich dieser Handel auf 21 bis 24 Mrd. Tonnen mehr als verdoppeln, prophezeit Schiffsgutachter Lloyd's Register in einer Studie. Geschuldet ist das vor allem China, das seine Wirtschaft bis dahin mit dreimal so viel Öl schmieren muss.

Schon heute hängt der Rote Drache am Tropf des Mittleren Ostens. Auch deshalb rüstet sich Peking seit dem vergangenen Jahrzehnt mit beschleunigtem Tempo zur regionalen Seemacht hoch und ließ mit viel Pomp seinen ersten Flugzeugträger zu Wasser. Die Verteidigung der nationalen (Energie-)Sicherheit in fernen Ozeanen ist mittlerweile auch in China Militärdoktrin. Zumal das Interesse der USA an der Sicherung der Wasserstraßen des Mittleren Ostens wegen neuer Fördermöglichkeiten in der Heimat („Fracking“) spürbar nachlassen könnte.

Im Indischen Ozean rüstet zudem Chinas Rivale Indien seine Marine ziemlich lautlos auf, weshalb die Region bereits jetzt als nächster Schauplatz globaler Machtkämpfe gehandelt wird. Peking fürchtet um die Nutzung der Malakkastraße, die den Pazifischen und Indischen Ozean verbindet. „Man könnte die Wasserstraße relativ einfach blockieren“, sagt François Godement vom European Council on Foreign Relations. „Das ist zwar derzeit sehr unwahrscheinlich.“ Dass das Szenario dennoch ernsthaft diskutiert wird, zeigt, wie nervös Peking seine Abhängigkeit vom Indischen Ozean macht.


Neue Allianzen. Auch vor dem Horn von Afrika kreuzen im Kampf gegen Piraten und Terroristen längst chinesische Kriegsschiffe, zumal Peking in Europa und Ostafrika dick im Geschäft ist. China schmiedet dabei neue Allianzen. Während sich Island im Makrelen-Streit mit der EU überwarf, schloss es mit Peking ein Freihandelsabkommen. Die Proteine des Meeres – auch ein Konfliktstoff.

Nordöstlich von Island öffnet sich indes eine Abkürzung für den Seehandel. Die arktische Nordostpassage wird zusehends eisfrei. Sie ist zwar noch immer gefährlich, verkürzt aber die Seestrecke zwischen Ostasien und Europa im Vergleich zu der Route über den Suezkanal um satte 8000 Kilometer. 46 Schiffe nahmen deshalb im Vorjahr das Wagnis in Kauf, 2010 waren es nur vier. Doch mit dem Packeis ist auch ein Territorialkonflikt aufgebrochen. Die arktischen Anrainerstaaten, von den USA bis Russland, ringen um Zugriff auf diese Region, zumal hier unter anderem 13 Prozent des weltweit unentdeckten Öls und 30 Prozent des unentdeckten Gases lagern sollen – und immer besser zugänglich werden.

2007 rammte Russland medienwirksam seine Flagge aus Titan in den Meeresboden der Arktis. Norwegen schimpfte über den „PR-Gag“. Zuletzt gab es im Gerangel um die Grenzverläufe aber einige Kompromisse, wie etwa zwischen Dänemark (Grönland) und Kanada, was auf eine Lösung am grünen Tisch hoffen lässt.

Doch die Arktis ist nur der Anfang. In der Jagd nach Ressourcen machen die großteils unerforschten Bodenschätze der Tiefsee das Meer zum potenziell größten Konfliktschauplatz der Zukunft, zumal der Kuchen noch nicht verteilt ist. In schönen Worten beschrieben die Vereinten Nationen das Meer als „gemeinsames Erbe der Menschheit“. Doch das ist auch ein Teil des Problems. Das Meer gehört niemandem, abgesehen von den zwölf Seemeilen Küstengebiet und der 200Seemeilen breiten sogenannten „Ausschließlichen Wirtschaftszone“.


Schatztruhe Meer. Seit 1994 gibt es zwar ein internationales Seerechtsübereinkommen. Auch Österreich hat es unterschrieben, die einzige globale Seemacht, die USA, aber nicht. Mit dem Abkommen wurde eine internationale Meeresbodenbehörde geschaffen, die durch die Vergabe von Lizenzen Zündstoff aus dem Konflikt um die Tiefsee-Erforschung nehmen soll.

Sogar Deutschland hat sich zwischen Mexiko und Hawaii im Pazifik einen Claim größer als Bayern abgesteckt, den es nun in tausenden Metern Tiefe unter anderem nach Manganknollen erforschen darf. Die kartoffelartigen Klumpen enthalten für die Industrie unverzichtbare Metalle wie Kobalt, Kupfer und Nickel. Noch sind die Rohstoffe nicht gewinnbringend abzubauen. Aber das ist eine Frage der Zeit.

Der größte Konfliktschauplatz der Gegenwart liegt auf der anderen Seite des Pazifiks. Im aufstrebenden Ostasien ist ein maritimes „Wettrüsten im Gang“, wie es Experte Godement ausdrückt. China ringt im Ostchinesischen Meer mit Japan sowie Taiwan und im Südchinesischen Meer gleich mit fünf Anrainerstaaten um Inseln. „In der Region sind Territorialkonflikte sehr lebendig, wie man sie in Europa seit Jahrhunderten bis zum Zweiten Weltkrieg kannte“, sagt Godement. Zugleich mischen die USA mit, die langfristig um ihre Vormachtstellung in der Region fürchten. Sie haben auch deshalb das „amerikanische Jahrhundert des Pazifiks“ ausgerufen – und Bündnisse mit zahlreichen Staaten der Region aktiviert, das engste mit Japan. Ein Zusammenprall der großen Mächte ist zwar unwahrscheinlich, Godement will es aber „nicht gänzlich ausschließen“.


Brennende Fahnen. Was die Konflikte so gefährlich macht, ist, dass sie aus innenpolitischem Kalkül mit nationalistischen Ressentiments aufgeladen werden. Als Tokio im Sommer 2012 einen Teil der auch von Peking beanspruchten Inselgruppe an einen Landsmann verkaufte, brannten in China japanische Fahnen, japanische Konzerne mussten ihre Werke vorübergehend dichtmachen. „Löscht die japanischen Hunde aus“, war auf Plakaten zu lesen. Erst am Freitag provozierte wieder China, indem seine neu aufgestellte Küstenwache durch umstrittene Gewässer patrouillierte.

„Coercive diplomacy“ (Diplomatie mit Zwang) nennt das Christian Le Mière vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London. Man könnte es auch als moderne Kanonenbootdiplomatie übersetzen. Die USA verstehen sich bestens darauf, nicht nur im Persischen Golf. Die Meere ermöglichen es, am anderen Ende der Welt die Muskeln spielen zu lassen – ob durch bloße Präsenz, Flottenverlegungen oder Marinemanöver. „Und das passiert auch häufig“, sagt Le Mière. Als China 1996 wieder einmal auf Taiwan schielte, schickten die USA Flugzeugträger, genauso, nachdem Nordkoreas damaliger Machthaber Kim-Jong-il 2010 das südkoreanische Kriegsschiff „Cheonan“ versenken hatte lassen. Das Kalkül dahinter: „Die Gegenseite von jedem Abenteurertum abschrecken“, meint Le Mière.


Aufmarschgebiet. Dabei brauchen die USA das Meer für ihre eigenen militärischen Operationen als strategisches Aufmarschgebiet. „Wo ist der nächste Flugzeugträger?“, wurde in Washington längst zum geflügelten Wort, sobald im Weißen Haus Kriegspläne geschmiedet werden. Als die USA in ihren „War on Terror“ gegen Afghanistan und später den Irak zogen, brachte das Militär mitunter zeitgleich vier bzw. sechs Flugzeugträger in Stellung. Kriegsschiffe dienen gleichsam als Flughäfen, Nachschubbasen und Abschussplattformen für Raketen.

„Die extrem flexiblen Seestreitkräfte ermöglichen es zudem, in Konflikte einzugreifen, ohne sich darin für Jahre zu verstricken und auch ohne Bodentruppen zu senden“, sagt Le Miére. Wie etwa beim Eingreifen der Nato in den Libyen-Konflikt. Godement: „Die ganze Mission war in nur drei Monaten erfolgreich, weil aus dem Mittelmeer abgefeuerte Marschflugkörper anfangs die libysche Flugabwehr ausschalteten.“ Treibende Kraft waren dabei die USA, die anders als Europas Flotten die Kapazität für massive Angriffe mit Marschflugkörpern besitzen.

Europas Marinen haben abgerüstet. Die einst so stolze britische Navy wurde in den vergangenen Jahren um die Hälfte zusammengekürzt. Und das Mittelmeer saugt die Aufmerksamkeit des alten Kontinents auf, von den Machtverschiebungen im Westpazifik scheint er kaum Notiz zu nehmen. „Bemerkenswert, dass Europa mit Blick auf seinen Handel in der Region auf die Staatengemeinschaft vertrauen muss“, sagt Godement. Derzeit sehen zwar die USA dort verstärkt nach dem Rechten. Europas Marinen sind aber nicht aus dem Schneider. Le Mière: „Ihre Rolle wird zusehends in der Übernahme von Verteidigungsaufgaben in Afrika und im Mittleren Osten bestehen.“

IN Zahlen

10

Flugzeugträger
stehen der US-Navy derzeit zur Verfügung. Im Dezember 2012 wurde die „USS Enterprise“ außer Dienst gestellt. Sie wird 2016 durch die „USS Gerald R. Ford“ ersetzt.

80

Prozent des globalen Handels werden über die Ozeane verschifft.

200

Seemeilen beträgt die „Ausschließliche Wirtschaftszone“ von Meeresanrainern.

6

Länder streiten alleine im Südchinesischen Meer um Inseln – Vietnam, Brunei, Malaysia, die Philippinen, Taiwan und China, welches das Meer gleich zur Gänze für sich beansprucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)