Architektur muss wirken: Kulturbauten verströmen meist eine ganz eigene Kraft auf die Stadt. Der deutsche Architekt Matthias Sauerbruch spürt in einer Ausstellung dem Bilbao-Effekt nach.
Stadtentwicklung ist fast wie Domino spielen. Da setzt man einen Stein und alles kippt: Glasgow hat plötzlich neben Fußball und Werften auch Kultur, das Ruhrgebiet bastelt sich aus Kulturinitiativen eine neue Identität, Hamburg konstruiert sich am Hafen ein weit sichtbares Kulturflaggschiff. Mit städtebaulicher Akupunktur erwarten sich die Städte vor allem eines: ein bisschen wie Bilbao zu funktionieren, wo Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum die ganze Stadt veränderte. Der deutsche Architekt Matthias Sauerbruch kuratierte die Ausstellung „Kultur:Stadt. Kulturbauten von Bilbao bis Zeche Zollverein“, die Station macht im Kunsthaus Graz, einem Haus, das selbst Teil der Ausstellung ist. Im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ spricht Sauerbruch über Gebäude, die zu Immobilienprodukten verkommen und soziale Wirkkräfte, die Architektur auslösen kann.
Welche Rolle spielt die Baukultur in der Beziehung von Kultur, Architektur und Stadt?
Matthias Sauerbruch: Die Frage der Baukultur schwingt an der Peripherie der Ausstellung mit. Denn natürlich ist sie ein Ausdruck der Kultur, der Wertvorstellungen einer Gesellschaft und von Fragen wie „Was halten wir für wichtig?“
Der Baukultur der Gegenwart sagt man in Mitteleuropa gemeinhin nicht viel Gutes nach. Wie empfinden Sie das?
Architektur und Gebäude verkommen immer mehr zu Immobilien. Sie werden oft schlichtweg als eine Art Finanzprodukt betrachtet. Der Aspekt, dass diese Produkte unsere gebaute Umwelt, in der wir alle leben und unsere Kinder großziehen, mitkonstituieren, wird leider Gottes in vielen Fällen sträflich vernachlässigt.
Sollte denn nicht auch jedes Wohn- oder Bürohaus im Grunde eine Art „Kulturbau“ sein?
Jedes Bauwerk, also auch jede gebaute Infrastruktur, ist immer ein Abbild von kulturellen Vorstellungen, ein Ausdruck einer gesellschaftlichen Mentalität. Symptomatisch ist etwa in Deutschland die Art und Weise, wie mit Verkehrsbauten umgegangen wird – da gibt es einfach eine ästhetikfreie, rationale Mentalität, die zu Ergebnissen führt, die die Landschaft oft kolossal verschandeln.
Doch bei Kulturbauten etwa in einer Dimension eines Opernhauses etwa sind die Ansprüche an die Architektur dann doch andere.
Kulturbauten, jetzt im engeren Sinn verstanden, sind oft die gloriose Ausnahme, bei denen tatsächlich ein höherer Anspruch vorliegt. Doch in der Ausstellung sind nicht nur klassische Kulturbauten à la Guggenheim-Museum oder Elbphilharmonie vertreten, sondern auch aktivistische Projekte, die „von unten“ kommen. Wie etwa „Soup“ in Detroit. In der Stadt, die einmal die reichste der USA war, ist die Innenstadt heute voller trostloser Ruinen. Künstler stellen in verlassenen Häusern Projekte vor und schenken Suppe aus. Auch solche Ansätze haben wir versucht, in der Ausstellung mitzudenken.
Kulturbauten sind ja im weiteren Sinn auch Zweckbauten. Denn sie dienen oft auch ökonomischen, touristischen Zielen. Was aber können sie auf der sozialen Ebene leisten?
Ich glaube, dass die meisten Kulturbauten in irgendeiner Art und Weise eine Bindung erzeugen. Ein eklatantes Beispiel dafür, das wir auch in der Ausstellung haben, ist die „Cidade da Arte“ in Santiago de Compostela von Peter Eisenman. Das Projekt wurde konzipiert zu einem Zeitpunkt, zu dem Bilbao noch als Nonplusultra gegolten hat. Realisiert worden ist es erst jetzt, während Spaniens Finanzkrise. Und obwohl das Projekt in diesen Zeiten architektonisch, formal und ästhetisch total neben dem Bedarf liegt, ist es etwas, was die Gemüter bewegt, Emotionen hervorbringt, Reaktionen verursacht. Hier hat der Kulturbau einfach auch die Rolle, Stein des Anstoßes zu sein. Auch das Kunsthaus in Graz war ein solcher: Von vielen ist es sicher als Störung empfunden worden. Aber selbst in seiner störenden Funktion übernimmt es eine Rolle.
Und die ökonomischen Effekte von Kulturbauten, wie lassen sich diese erfassen?
Die soziale Dimension solcher Architektur ist sicher leichter zu bestimmen und nachzuvollziehen als die ökonomische. Das ist auch eine der Erkenntnisse, die wir uns während der Ausstellungsvorbereitung erarbeitet haben. Den einzigen gut dokumentierten und nachgewiesenen nachhaltigen wirtschaftlichen Effekt gibt es tatsächlich beim Guggenheim-Museum in Bilbao. Eine langjährige wissenschaftliche Untersuchungen hat gezeigt, wie durch das Museum langfristig Arbeitsplätze geschaffen wurden. Aber das gilt bei Weitem nicht für alle Projekte.
Egal, ob Glasgow, Zeche Zollverein in Essen oder Bilbao: Kulturbauten können doch nur Teil einer Gesamtstrategie zur postindustriellen Transformation der Stadt sein.
Ja, das ist auch die Lehre von Bilbao. Nach Frank O. Gehrys Gebäude wurde die ganze Stadt auf Vordermann gebracht.
Das Zeichenhaft-Skulpturale haben viele Kulturbauten gemeinsam.
Das Zeichenhafte hat natürlich etwas Identifikatorisches. Die Großmutter all dieser Projekte ist sicher die Oper in Sydney. Ein Gebäude, das sehr kontrovers war. Jorn Utzon, der Architekt, kam mit Frau und Kind, Sack und Pack nach Sydney. Aber zehn Jahre später ist er verbittert, schwer beleidigt und verletzt nach Hause gefahren, weil er und sein Projekt so angefeindet wurden sind. Heute spricht keiner mehr über die Probleme von damals. Und die Oper ist der Inbegriff der ganzen Stadt.
Das Irritieren und Stören gehört zur Aufgabe von Kulturbauten. Werden diese Gebäude dann zumeist ganz als Kunstwerke gedacht?
In der Generation von Coop Himmelb(l)au etwa gibt es den Anspruch der Architektur als autonome Kunst. Ich persönlich gehöre dieser Schule nicht an. Ich glaube nicht, dass Architektur autonom sein kann. Denn sie ist immer in einem sozialen, funktionalen und städtischen Kontext eingebunden. Architektur muss betrieben werden, sie muss funktionieren. Kunstwerke haben all das nicht zu erfüllen. Deshalb sind sie anders. Aber trotzdem: Gebäude können natürlich eine eigene Prägung haben, die sie sehr ungewöhnlich werden lässt. Und das kann gut oder weniger gut sein. Denken Sie an die Oper, die Zaha Hadid im chinesischen Guangzhou gebaut hat. Da fragt man sich: Was soll das sein? Ein westliches Opernhaus in einer Kultur, die so eine Art von Oper gar nicht kennt. Es ist eine begehbare Skulptur. Aber man fragt sich: Welche Rolle spielt sie?
Kulturbauten sollen sich ja auch der Öffentlichkeit nicht verschließen. Ganz im Gegenteil: Sie sollen sogar so etwas wie Öffentlichkeit erzeugen, in ihren eigenen Räumen selbst, aber auch in den Stadträumen rundherum. Das Museumsquartier in Wien wird dabei ja gern als positives Beispiel angeführt.
In einer Hypothese der Ausstellung beziehen wir uns ja auch auf den Soziologen Richard Sennett. Er meint, dass die Entwicklungen im Bereich der Mobilität und des Internet langfristig die soziale Kohärenz in der Stadt gefährden. Man muss sich vorstellen: Im 19. Jahrhundert musste man noch die Straße benutzen, den anderen begegnen. Doch heute geht das Abenteuer, mit vielen Dingen und Menschen gleichzeitig an einem Ort zu sein, jemanden zu treffen, den man nie erwarten würde, vielfach zwangsläufig verloren. Weil öffentliche Räume natürlich auch oft instrumentalisiert werden, etwa dem Verkehr oder dem Kommerz dienen. Dann findet der freie Austausch nur noch in Randzonen statt. Aber manche Kulturbauten sind deshalb so populär, weil sie genau das bieten.
Auf dem Dach der Osloer Oper kann man etwa sitzen und spazieren. Sollten nicht vor allem Kulturbauten, aber generell jede Art von Gebäuden, alles andere als Privatangelegenheiten sein?
Gebäude sind die konstituierenden Elemente der Stadt, sie bilden die Wände des Stadtraums, sie bilden Präsenzen, sie werfen Schatten, sie strahlen aus, ziehen Dinge nach sich wie etwa Verkehr. Deshalb kann die Idee, dass man die Stadt in Einzelprodukte auflösen könnte, damit jeder seine Investments tätigen und Profite rausziehen kann, nicht funktionieren.
Zur Person
Matthias Sauerbruch gründete 1989 zusammen mit Louisa Hutton das Architekturbüro Sauerbruch Hutton mit Sitz in Berlin. Sie realisierten u.a. das Museum Brandhorst in München, das Umweltbundesamt in Dessau sowie die ADAC-Zentrale in München.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)