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Leben neben dem Ozean: Und immer das Salz

Wenn man am Meer lebt, spürt man es dank einer Grundschwingung auch, wenn man es nicht sieht.

Salz, Salz, Salz. Ich war damals immer leicht salzig. Es war das Salz, das nach dem Baden im Meer selbst nach dem Duschen an einem hängen blieb, das Salz, das der Wind von diesem heranwehte, oder schlicht jenes, das einem untertags die Hitze im Freien und nächtens das Kellnern in der knallvollen Bar aus den Poren trieb.

Ja, es war wegen einer Frau, ob der ich 1992, als 22-Jähriger, um die halbe Welt (wieder) hierherflog: an die Gold Coast, jenes Miami-artige Stadtkonglomerat im australischen Staate Queensland, dessen bekanntester Stadtteil die Backpacker- und Partygemeinde Surfers Paradise ist. Kelly hatte neuseeländische Wurzeln und ein Viertel Maoriblut. Das fiel aber kaum auf, da war nur ein Hauch von Polynesien in ihren Gesichtszügen und die kaum merklich getöntere, unsagbar weiche Haut. Ich schmiss ein Semester des Studiums und blieb einige Monate dort am Korallenmeer, diesem Nebenmeer des Pazifiks. Zeitweise jobbte ich in einem Nachtclub.


Blick auf den Ozean. Das Meer ließ einen nie los: fast täglich herumhängen am Wasser, oft stundenlang, Bootsausflüge, tauchen, Strandspaziergänge, Lokale mit Blick auf das Blau des Ozeans, der in seinem endlosen Rhythmus ans Sandufer brach.

Aber das Meer war auch da, wenn man es nicht sah. Es griff irgendwie kilometerweit und bestimmend ins Landesinnere. Da waren die jungen Leute, die in Shorts über den heißen Asphalt flipflopten und Bodyboards trugen, die Büros der Surf- und Tauchschulen und Bootsvermieter, die Zeitungen, die von beinahe ertrunkenen Schwimmern und (seltener) Haiattacken schrieben. Einige Wohnviertel sind von Kanälen durchzogen, Kellys Eltern hatten ein Haus an einem solchen und ein Boot. Und selbst in Kellerbars, Arztpraxen, Supermärkten und im Hinterland merkte man, wie durch eine Grundschwingung, dass der Pazifik nah war.

Ich spürte das wohl auch so, weil ich in Bregenz aufgewachsen war, in einem Hochhaus gut 200 Meter vom Bodensee entfernt und mit Sicht darauf. Der ist zwar kein Meer, aber eine wichtige Stufe dorthin. Ich war von Kind an sozusagen süchtig nach Wasser und den Gerüchen von Sonnenmilch, Zigaretten und Treibholz dort, und da wir Verwandte in Südfrankreich hatten, nahm ich dort mit zwei, drei Jahren den ersten Schluck Salzwasser. Seither war ich an und IN allen Meeren: Ich krebste mehrfach durch den Südpazifik (Fidschi, Französisch-Polynesien, Cookinseln, Osterinsel), fand das Tauchen im Roten Meer und vor Galapagos am schönsten, scheiterte im Schwarzen Meer an defektem Tauchgerät aus Sowjetzeiten und rieche noch die kalten steifen Brisen des Südatlantiks vor Patagonien und den Falklandinseln, wo Pinguine ins Meer hüpften. Ach ja: Ins Eismeer ging's auch, bei Spitzbergen, badend, vier Grad Wassertemperatur. Eine Mutprobe mit Deutschen. Dauer: vielleicht 20 Sekunden.

Als erwähnte Liebessache nach einiger Zeit zerbrach, fuhr ich mit einem australischen Kumpel die Küste hinauf, feierte in Clubs und schuftete für ein paar Dollar auf Zuckerrohrfeldern. Und da war es wieder: das Salz. Wolfgang Greber

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)