Von Machtspielen, Strategie und Gier

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Neue Motoren, es gibt wieder mehr Tests - der Formel-1-Zirkus sucht dafür allerorts nach neuen Geldquellen. Im Vorfeld des GP von Ungarn offenbarte sich, welchen Spannungen die Königsklasse des Motorsports ausgesetzt ist.

Müssten die elf Teamchefs der Formel 1 eine Fußballmannschaft bilden, die Rolle von Franz Tost wäre klar: Er wäre der Mann für die kompromisslosen Zweikämpfe und den Direktschuss. Politisches Schönreden ist nicht die Sache des Tiroler Teamchefs von Toro Rosso: „Die Formel 1 wird immer teuer sein und die Teams werden immer das ganze Geld ausgeben, das sie haben. 2014 wird es teurer denn je, denn wir haben in den letzten Jahren nur in zwei Punkten gespart: weil Testfahrten während der Saison verboten waren und weil die Motoren nicht weiterentwickelt wurden. Jetzt bekommen wir neue, teure Motoren – und wir testen auch wieder. Das muss mehr kosten. Viel mehr.“

Daher muss man an mehr Geldquellen denken: „Wir sind dazu da, Rennen zu fahren. Rennen bringen Einnahmen. Egal ob wir 20-mal fahren, oder eben 24-mal.“ Damit geht der „Teamchef des Jahres 2008“ auf Konfrontationskurs mit den meisten seiner Kollegen, die maximal 20 Rennen pro Jahr wollen – obwohl mit Spielberg, Sotschi, (vielleicht) New Jersey und bald Thailand oder Katar längst weitere Destinationen bereitstehen, die den rund 18.000 PS starken Wanderzirkus der Formel 1 empfangen wollen.


Kampf gegen Sozialismus. Wie so oft steht der Ungarn-Grand-Prix im Becken von Mogyoród dabei für eine Zeitenwende in der Formel 1. 1986 hat Bernie Ecclestone hier begonnen, seinen persönlichen Kampf gegen den Sozialismus zu führen und den Grand-Prix-Sport zu globalisieren. Nun spürt man gerade hier, wie die Formel 1 im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne vibriert. Die zwei zentralen Nachrichten dieser Woche dokumentieren das: Am Dienstag gab Red Bull bekannt, dass die Formel 1 ab 2014 wieder in Österreich haltmachen wird. Fast zeitgleich wird das altehrwürdige Sauber-Team, das einst mithilfe von Mercedes in die Formel 1 gekommen war, dann Red Bull in dieser Liga vorstellte und später mit BMW eine unglückliche Ehe einging, an neureiche Russen verkauft. Die letzte Chance vor dem finanziellen Kollaps.

Drei Argumente bewogen die Investoren, ihr Geld in der Schweiz anzulegen, wie Noch-Teamchefin Monisha Kaltenborn erklärt: „Sie wollen Russland als hochwertigen Technologie- und Forschungsmarkt bekannt machen. Außerdem sollen wir den 17-jährigen Sergei Sirotkin als F-1-Piloten für die Zukunft aufbauen und vor dem Russland-GP 2014 das nationale Interesse an diesem Sport steigern.“

Die Formel 1 ist längst dazu verdammt, dort hinzugehen, wo es Geld gibt. Red Bull ist dabei die letzte Bastion Mitteleuropas in diesem Wettrüsten gegen die Neureichen aus aller Welt. Bernie Ecclestone hat bewusst auf Dietrich Mateschitz gesetzt: ein Milliardär, der schon zwei Teams besitzt, der Sportveranstaltungen vermarkten kann wie kaum ein anderer und vor allem Handschlagqualität besitzt. So einem „schenkt“ man regelrecht gerne einen WM-Etappenort. Gerade wenn man auf anderen Märkten immer wieder Ärger hat...

Längst nicht überall funktioniert dieses Geschäftsmodell automatisch. Nicht in Südkorea, wo die lokale Autoindustrie nie Lust hatte, das Rahmenrennen-Fahrerlager zu verlassen, um sich mit Mercedes, Ferrari und Co. zu messen. Auch nicht in Indien, wo der heurige Grand Prix gehörig wackelt. Die Regierung hat genug von den Steuervorteilen für Ecclestones Zirkus und will, dass die Teams ein Neunzehntel ihrer Jahreseinkünfte vor Ort versteuern. Das kann bei Budgets von bis zu 220 Millionen Euro extrem teuer werden. Ecclestone will daher höchstens die Gewinne versteuern. Logisch, die gibt es ja gar nicht, da das gesamte Geld sofort in neue Entwicklungen investiert wird.


Devise: Jetzt oder nie. Heuer wird das Wettrüsten seinen Höhepunkt erreichen, denn ab 2014 gibt es neue V6-Turbomotoren, die von den kleinen Teams um rund 20 Millionen Euro pro Jahr gekauft werden müssen. „Das kann auch eine Chance sein“, meint Toro-Rosso-Pilot Jean-Eric Vergne: „Bei dramatisch neuen Regeln kann ein kleiner Rennstall mit großer Idee einen enormen Schritt nach vorne machen.“ Sebastian Vettel: „Beim aktuellen Reglement ist alles ausgereizt, alles probiert. Da gibt es keine großen Sprünge mehr.“ Daher lautet die Devise bei den meisten: Now or never.

Das gilt nicht nur bei der Konzeption der Boliden, sondern auch bei der Verteilung der Machtpositionen. Die Führungselite in den Formel-1-Politbüros ist längst berechtigt, Seniorenfahrkarten zu bekommen: Bernie Ecclestone ist 82, Frank Williams 71, Helmut Marko 70, Dietrich Mateschitz 69, Peter Sauber 69 und Jean Todt 64.

Für die Generation 35 plus gilt es, sich jetzt zu positionieren, keine Fehler zu machen und sich rechtzeitig gegen Intrigen zu wappnen. Die Unsicherheitsfaktoren in diesem Poker sind unüberschaubar: Was wird aus Ecclestone, dem in Deutschland bald der Prozess gemacht werden wird? Die Formel-1-Vermarkter von CVC haben sich darauf festgelegt, dass ein möglicher Nachfolger nicht aus dem Kreis des Grand-Prix-Sports kommen soll, sondern aus der Finanzwelt. Kann Jean Todt im Herbst als FIA-Präsident wiedergewählt werden oder scheitert er an den finanziellen Problemen des Automobilverbandes, der sich künftig mit Millionen aus der Formel 1 sanieren will? Kommt das Concorde-Agreement, das das Geld zwischen Teams und Veranstaltern verteilt, zu einem Abschluss?

In Budapest – das Qualifying gewann Lewis Hamilton – gibt es positive Signale: Todt und Ecclestone einigten sich auf einige Eckpunkte, freilich mit unterschiedlichen Interessen. Todt will eine schnelle Lösung, um die FIA noch vor der Präsidentenwahl im Herbst reich zu machen. Ecclestone wiederum ist fast unersetzbar und kann – außer bei einer Verurteilung – kaum aus dem Amt gedrängt werden. Diese Duelle gehen in die Nachspielzeit.

GRAND PRIX VON UNGARN

28Rennen
wurden bislang auf dem Hungaroring gefahren. Im Vorjahr gewann Lewis Hamilton.

4,381Kilometer
ist die 1986 eröffnete Rennstrecke in der Gemeinde Mogyoród, nordöstlich von Budapest, lang.

14Kurven
müssen in jeder der 70 Runden gefahren werden.

4Erfolge
feierte Michael Schumacher – er ist damit der Rekordsieger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)

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