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Superreiche reißen sich um private Inseln im Ionischen Meer

(c) REUTERS (YANNIS BEHRAKIS)
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Das Angebot an griechischen Inseln ist krisenbedingt groß: Seit die Grundsteuer drastisch erhöht wurde, müssen sich viele der einstigen Besitzer von ihrem Eiland trennen.

Unwirklich schön steigt Oxia vor dem Bug aus dem Morgendunst. Ein schroffes Felseiland, 4,7 Kilometer lang, bis zu 1,7 Kilometer breit, 30 Kilometer westlich der Stadt Mesolongi, umspült vom türkisfarbenen Wasser des Ionischen Meeres. Unbewohnt. So stellt man sich eine nette Privatinsel für den Rückzug aus dem Alltag vor– wenn man das nötige Kleingeld hätte.

Wer so denkt, ist hier allerdings zu spät dran: Der Emir von Qatar war schneller. Der hat Oxia vor zwei Monaten gekauft. Um läppische fünf Mio. Euro. Und gleich noch fünf kleinere Inseln dazu, für die er weitere zwei Millionen springen ließ.

Der Emir, so geht die Sage, hat sich vor vier Jahren, als er mit seiner Jacht die westgriechische Küste entlang zu einem Privatbesuch nach Ithaka schipperte, unsterblich in Oxia verliebt. Dass es vier Jahre gedauert hat, bis er die Insel seinem Privatbesitz einverleiben konnte, liegt an der kafkaesken griechischen Bürokratie (die man hier byzantinisch nennt): Selbst für einen ausgewachsenen arabischen Potentaten mit Milliardenvermögen werden Akten hier nicht schneller bewegt. Da könnt' ja ein jeder kommen...

Das vierjährige Ringen um Oxia hat allerdings bewirkt, dass eine ganze Reihe von Superreichen, denen es auf Sardinien offenbar langsam fad wird, auf die Gegend aufmerksam geworden ist. Und plötzlich muss man einfach eine Insel, oder zumindest einen Teil davon, im Ionischen Meer haben. Genau genommen im von den Touristeninseln Lefkada, Kefallonia und Zakynthos begrenzten Meeresgebiet vor der westgriechischen Küste, in dem es vor unbewohnten oder kaum besiedelten, pauschaltouristenfreien Inseln nur so wimmelt.

Dem Emir von Qatar hat es die unbewohnte Inselgruppe der Echinaden angetan. Auf seinen sechs Inseln möchte er Paläste für sich und seine Kinder bauen. Zu diesem Zwecke hat er bereits Interesse am gesamten Archipel angemeldet. Angeblich soll jedes seiner Kinder sein eigenes Inselchen bekommen. Was ein Problem werden könnte. Die Echinaden bestehen nämlich nur aus 18 Inseln. Und der Emir hat 24 Kinder.

Mit der griechischen Regierung gibt es auch noch ein Problem: Ein Gesetz begrenzt die Grundfläche von Privathäusern auf den Inseln strikt mit 250 Quadratmetern. Und das, so sollen qatarische Emissäre Athen signalisiert haben, sei normalerweise die Größe der hoheitlichen WCs.

Wie auch immer: Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Und so hat ein richtiger Wettlauf um die Ionischen Inseln eingesetzt. Ungefähr zu der Zeit, zu der der Emir den Kaufvertrag unterschrieben hat, ist die nördlicher gelegene Insel Skorpios der legendären Reederfamilie Onassis an die 24-jährige Russin Ekaterina Rybolowlewa gegangen. Zu einem Preis, der den Oxia-Kauf des Emirs zu einem ärmlichen Schnäppchen macht: 120 Mio. Euro sind für eine 100-jährige Pacht über den Tisch an die Onassis-Erben gegangen. Okay: Skorpios ist nicht unbewohnt, sondern legendär. Hier hat Onassis seine Feste geschmissen, hier ist John F. Kennedy ein- und ausgegangen, hat Onassis später Jacky Kennedy geheiratet, hat Frank Sinatra Privatkonzerte gegeben, die Callas diniert. So viel Geschichte kostet eben.

Bezahlt wird ohnehin der Papa haben: Dimitri Rybolowlew, der zum Multimilliardär geworden ist, indem er sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus den Rohstoffkonzern Uralkali gekrallt hat. Bekannt geworden ist er durch zwei Dinge: durch den Kauf einer 94 Mio. Dollar teuren Studentenbude am Central Park für sein damals in New York studierendes Töchterchen und durch die vermutlich teuerste Scheidung aller Zeiten, die er gerade durchzieht.


Grundsteuer schreckt viele ab. Einen Steinwurf vor Skorpios liegt die wunderschöne Insel Meganisi. Die hat der Banker Jacob Rothschild in den vergangenen vier Jahren annähernd zur Hälfte aufgekauft. Der britische Banker will seine halbe Insel entwickeln, indem er reiche Freunde einlädt, hier Villen zu bauen. Unter denen, die sich bereits für das neue Superreichen-Nest im Ionischen Meer interessieren, befindet sich der extravagante russische Multimilliardär Abramovich. Ob er akzeptiert wird, ist allerdings die Frage: Lord Rothschild will nur die Angebote handverlesener Freunde annehmen. Neureich ist da kein Vorteil.

Freilich: Für Abramovich bleiben noch immer genügend Inseln zur Auswahl. Krisenbedingt ist das Angebot nämlich groß. Der finanzklamme griechische Staat versucht, Inseln zu Geld zu machen. Und eine Reihe von privaten griechischen Inselbesitzern kann sich ihr Eiland nicht mehr leisten, seit der Staat die Grundsteuer saftig hinaufgeschnalzt hat. Der Emir hat seine Echinaden-Inseln beispielsweise nur bekommen, weil der griechisch-australische Grundeigner Denis Grivas, dessen Familie die Inseln seit fast 150 Jahren besaß, mit der Grundsteuer nicht mehr zurechtkam.

Auf diese Weise werden noch viele Inseln den Besitzer wechseln. Bill Gates, Giorgio Armani und Madonna etwa, die bei Skorpios von russischem Geld ausgebootet wurden, sind ja weiter auf der Suche.

Die über die Inseln verstreuten Einheimischen können mit dem Ausverkauf ihrer Inselwelt überraschend gut leben. Sie leben vom Tourismus– und die großen Tourismusinseln sind vom Einfall der Superreichen nicht betroffen. Auch für die zahlreichen Segler, die zwischen den Inseln hin- und herschippern, wird sich nicht viel ändern: Die meisten der betroffenen Inseln waren ja jetzt schon privat, also weitgehend off limits. Zwar sind die unmittelbaren Meeresuferzonen in Griechenland generell frei zugänglich, dieses Recht fernab der Staatsgewalt gegen die Security eines Oligarchen durchzusetzen, war aber schon bisher keine der allerleichtesten Übungen.


Vereint gegen Bohrtürme. Außerdem: Griechenland sitzt auf großen Ölreserven, von deren Erschließung sich die Regierung ein Ende der finanziellen Probleme erhofft. Große Erdölfelder werden im Meer zwischen den Ionischen Inseln vermutet. Für viele Inselbewohner eine Horrorvorstellung: Sie leben vom Tourismus. Und es ist schwer vorstellbar, dass es den Touristen Spaß machen könnte, zwischen Bohrtürmen zu schwimmen. Viele hoffen jetzt, dass sie durch den Inselboom prominente Unterstützung bekommen. Denn auch die neu zugezogenen Superpromis werden es nicht schätzen, von ihren Privatinseln auf Bohrtürme zu blicken. Und sie haben wohl mehr Einfluss, als der Fischer von nebenan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)