Südwärts: Der (langsame) Zug zum Meer

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Für Orte wie das Seebad Opatija wurden einst Worte wie "mondän" erfunden. Eine Annäherung an eine Sommerfrische, die in Meidling beginnt.

Eine Scheibe trennt die Welt. Eine staubige – die tausenden Kilometer Landschaft, an denen der Zug schon vorbeigezogen ist, lassen sich erahnen. Draußen der Bahnhof, der Alltag, das Wiener Leben. Drinnen, die seltsame Ruhe der Zugreise. Aufbruch und Rückzug zugleich, zur Pause gezwungen. Der Aktionsradius, geschrumpft auf ein Abteil, Gänge, eine paar Waggons. Neun Stunden und 38 Minuten dauert es vom morgendlichen Trubel am kahlen Bahnhof Wien Meidling, bis man in der Abendsonne an der Station Matulji, einem Häuschen mit Blick auf die Kvarner Bucht, umgeben von einem Rosengarten, 180 Meter oberhalb von Opatija, aussteigt.

Dazwischen liegen 581 Kilometer Bahnstrecke, einmal umsteigen inklusive 64 Minuten Füßevertreten in Ljubljana. Es ist eine Reise wie zur Zeit der Donaumonarchie. Auch wenn Franz Joseph I., Franz Ferdinand oder Elisabeth – damals fuhr man noch zur Sommerfrische nach Abbazia – viel länger gebraucht haben. Und es wohl nicht so bequem hatten wie jene Mitreisenden, die es ihnen hundert Jahre später gleichtun. An diesem Montagmorgen in Meidling, im EC 151.


Mit Emona nach Ljubljana. Der Zug ist benannt nach der römischen Stadt Emona, der Vorgängerin Ljubljanas. Ein Zug, besetzt bis zum letzten Polstersitz. Von einer Gruppe Jugendlicher, alle in den gleichen (einst) schwarzen T-Shirts, auf der Rückreise vom Rockfestival – schon morgens wird der ganze Waggon in einen Dunst aus tagealtem Schweiß und frischem Bier getaucht. Daneben: junge Paare, die mit Rucksack und Zelt an die kroatische Adria reisen, ältere Leuten, die die Tradition und Bequemlichkeit der Zugreise schätzen. Und: Slowenen auf Heimreise. Spontane Gemeinschaften finden sich im Abteil. Links das wohlsituierte Wiener Paar auf dem Weg zur Sommerfrische. Rechts ein slowenischstämmiges Mutter-Tochter-Duo, beide leben in Wien, machen Ferien in der alten Heimat. Schräg gegenüber: das Teenagermädchen mit großen Kopfhörern, blond gefärbtem Haar, schweren Boots und Nieten-T-Shirt. Sie sieht der Frau am Fenster zu, die ihren Schinkenkornspitz auspackt. Allianzen finden sich schnell. Das Paar bricht in den Speisewagen auf. Aufpassen aufs Gepäck? Kein Problem. Das Magazin einstweilen ausborgen? Klar.

Die gemeinsame Zugreise ans Meer, ein wenig mutet sie wie ein Schulausflug an. Aber mit viel Tradition. Erste Pläne für eine Zugverbindung von Wien an die Adria gab es bereits 1829, zehn Jahre später begann der Bau. 1857 wurde die Strecke Wien–Triest eröffnet, 1884 die Abzweigung nach Rijeka, die an Matulji vorbeiführt. Die Herren der Südbahngesellschaft gaben sich alle Mühe, die höheren Kreise Wiens ans andere Ende ihrer Prestigestrecke zu bringen. Der Grundstein für den Tourismus lag dort, im damaligen Abbazia. Doch war es Friedrich Julius Schüler, der Generaldirektor der Südbahn, der mit dem Quarnero das erste Hotel des Ortes eröffnete und der Wiener Prominenz engagierte, um für die Sommerfrische in der Kvarner Bucht zu werben. Schon zuvor hatte Schüler mit dem Grand Hotel Südbahn am Semmering die Tradition der Sommerfrische begründet.


Rucksackadel. Dort, am Semmering, zieht man heute nach gut einer Stunde im Zug vorbei. Die junge Britin im blauen Kleid und Leggins, die im Einstiegsbereich auf dem Boden kauert, ist mittlerweile eingenickt. Sie ist, wird sie später erzählen, mit einer Freundin seit Tagen unterwegs, die Nacht, zuletzt in Wien in einer Jugendherberge war die erste in einem Bett seit Tagen. Vier Wochen verbringen die Studentinnen aus Westchester in Zügen. Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland, Österreich. Nun ans Meer, von Rijeka aus soll es auf eine Insel gehen. Dann geht die Zugreise weiter, durch Osteuropa.

Es sind vor allem junge Leute, die im Zug ans Meer reisen. Studentengruppen, die bei Sonderangeboten der Bahn zugegriffen haben. Jugendliche auf ihren ersten Rucksackreisen, in den Taschen Interrail-Tickets und Sommernetzkarte der ÖBB. Und ältere Paare, ein Ärztepaar aus Wien zum Beispiel, das sich für den Zug entschieden hat, „weil es so eine gewisse Romantik hat“, sagt die Frau. „Und, es ist entspannter als im Auto, wir können uns bewegen.“ Und schließlich, sagt sie, würden die zwei das immer machen. Immer wieder nach Opatija, stets ins selbe Hotel.

Die Ferien, sie beginnen an der Zugtür. Oder, wenn die Grenzen hinter einem liegen, die Schaffner gewechselt haben und einen zunächst auf Slowenisch ansprechen. Oder spätestens in Ljubljana. Gut eine Stunde dauert der Aufenthalt. Zeit für einen Kaffee, für frische Marillen vom Stand am Bahnsteig. Zeit für den Abschied von Emona, Wechsel in den INT 483 namens Ljubljana.

Umsteigen. „Die schmecken so vü besser ois dahoam“, begeistert sich darin ein steirisches Mädchen, greift in die Skittles-Tüte, die ihre Mutter am Bahnhof in Laibach gekauft hat, und schiebt sich eine Handvoll Zuckerdragees in den Mund. Dann malt sie weiter, schreibt immer wieder ihren Namen mit Kugelschreiber auf ihren rechten Arm: Nina.

Es ist eine große Gruppe, drei Familien, Kinder, vom Kindergarten- bis ins Teenageralter. Familienurlaub per Zug? Ist das nicht mühsam? „Nein“, sagt eine der Mütter, „Freunde von uns sind schon dort, sie haben ein Haus auf Cres gemietet“, also brauchten sie nicht viel Gepäck und mit Kindern sei Zugfahren angenehmer. Kein Quengeln, herumtollen statt ständiger Forderung nach Pausen.

Und, es geht schnell. Slowenien zieht an der Fensterscheibe vorbei. Männer, die in einem Fluss baden, Störche, die auf den Felsen im Wasser ausharren, als seien sie Statuen, aufgestellt für die Reisenden in der Südbahn. Die Landschaft wird karger, Regen nieselt an die Scheiben, im Sonnenlicht wird er zum Regenbogen.

Ein Stopp, die zweite Grenze. Beamte marschieren durch den Zug, lassen sich Pässe zeigen. Kontrollieren Plastiksackerln, in denen eine Gruppe junger Interrail-Reisender Armreifen und Halsketten eingepackt hat. „Aus Amsterdam“, sagt einer, scherzt mit den Beamten. Der schaut streng, geht weiter – und lächelt.


Blick aufs Meer. Der Zug fährt los, Aufbruchstimmung, die letzte Etappe. Von der Grenzkontrolle in Šapjane bis Matulji sind es keine 20 Kilometer. Die, die diese Strecke nicht zum ersten Mal passieren, wissen: Gleich kann man es sehen. Immer wieder blitzt es zwischen den Büschen durch. „Da schau!“, ruft das Mädchen mit den angemalten Armen. Die Abteile sind jetzt leer, Taschen, Kameras, Bücher, iPods, Proviant liegen auf den Sitzbänken, die Reisenden haben die Fensterscheiben – in slowenischen Zügen geht das noch – nach unten geschoben, strecken ihre Köpfe in den Wind Andere lehnen ruhig an den Fenstern. Tagträume in Blau. In Matulji löst sich dann die Gemeinschaft des Abteils auf. Hastig. Man packt ein, wünscht schöne Ferien – und ist weg. Etwa ein Dutzend Fahrgäste steigt aus, für die meisten geht die Reise weiter ins 13 Minuten entfernte Hafenstädtchen Rijeka. Auch heute noch die Endstation der Strecke.


Fußmarsch statt Tramway. Opatija liegt verschlafen in Sichtweite, in der Kvarner Bucht. Schon vor hundert Jahren sind die Sommerfrischler in Matulji ausgestiegen. Bis in die 1930er-Jahre hat sie eine elektrische Straßenbahn von dem Örtchen auf 180 Metern Seehöhe die zwölf Kilometer hinunter ans Meer gebracht. Die „Abbaziner Tramway“ war 1908 die erste elektrische Straßenbahn Österreichs.

Heute wartet ein einziges Taxi auf Feriengäste. Dem Rest bleibt eine Runde auf der Suche nach Informationen durch die historische Bahnhofshalle. Der Putz bröckelt dort großflächig, die Schalter sind geschlossen, statt aktueller Buspläne hängen jahrzehntealte Werbeplakate des alten Seebades.

Der Bus fährt hunderte Meter weiter ab. Ein Spaziergang über Bahngleise, durch den Rosengarten am Bahnhof mit Blick auf die Bucht, zur Haltestelle. Eine rasante Fahrt durch steile, üppige Landschaft. Endlich am Ziel. Opatija, das alte Abbazia. Die imposanten Bauten erinnern an Wien.


Nächte wie im Museum. Damals ging alles ganz schnell: In Rekordzeit wurde zur Gründerzeit aus einem kleinen Fischerdorf ein mondäner Urlaubsort, an dem sich die Society der Donaumonarchie gern sehen ließ. 1844 hat Iginio Scarpa, ein Kaufmann aus Rijeka, den Tourismus hier mit seiner „Villa Angiolina“ und einem üppigen Palmengarten rundherum begründet. Vierzig Jahre später spross eine Reihe von eleganten Villen, Pensionen und „Curhäusern“ aus dem subtropischen Boden. Abbazia war für sein mildes Klima bekannt, das sprach sich in den empfindlichen, also höheren Kreisen der Donaumonarchie schnell als Geheimtipp herum.

1884 schließlich zog die Verkehrsinfrastruktur nach: Die Südbahngesellschaft ließ den bereits erwähnten Abzweiger von der imperialen Route Wien–Triest nach Fiume, also Rijeka, bauen, in wenigen Jahren wuchs Abbazia zu einem Ort der Grand Hotels, der Schickeria. Von dem Glanz ist nur mehr die Fassade übrig – wortwörtlich. Das Hotel Imperial, 1885 als zweites Hotel eröffnet, zum Beispiel. Von außen ein imposanter Bau im Sezessionsstil, der über der Hauptstraße Nova Cesta thront. Das Café Imperial im Wiener Stil, das antike Mobiliar, knöcheltiefe rote Teppiche, die Jugendstilspiegel, die hohen Hallen erinnern an die Zeit, die Franz Joseph I. und Wilhelm II. in diesem Haus verbracht haben. Heute frequentieren es Touristen in Hotpants.

Betritt man die Zimmer, erklärt sich dann auch, warum diese – spontan gebucht – zu den billigsten der Stadt zählen. Der Blick vom Balkon übers Meer ist majestätisch, aber die Nacht wie im Museum. Zwischen alten, geblümten Decken, vergilbten rosa Tapeten und antiken Kerzenleuchtern.


Langsam kehrt Eleganz zurück. Wann verlor die Stadt ihren Glanz? Opatijas touristischer Niedergang begann – es verwundert nicht – mit den Weltkriegen. Die Luxushotels wurden zu Lazaretten. Später, zur Zeit Jugoslawiens, haben vor allem Polit-Spitzen Opatija als Treffpunkt geschätzt, der imperiale Prunk wich sozialistischem Flair. In den 1990er-Jahren, während des Krieges, fanden dann Flüchtlinge Zuflucht.

Seit einigen Jahren wird der alte Ort wieder aufpoliert. Elegante Luxus- und Wellnesshotels haben sich angesiedelt, die Shops von Luxusmarken erinnern an die Zeit als Treff der Neureichen. Heute beleben junge Touristen und Paare den Ort. Die Jungen sitzen abends in Bars und Beach-Clubs, die Älteren spazieren entlang der Promenade „Lungomare“, die einst nach Südbahn-Chef Schüler, heute nach Kaiser Franz Joseph I. benannt ist.

Familien sind eher rar, sind es doch auch die Badestrände. Badende liegen heute auf Betonflächen und -treppen, aufgereiht auf ihren Handtüchern und auf Sonnenliegen, die in Hundertschaften entlang der Promenade stehen. Aber schon im 19. Jahrhundert hat nicht das Bad im Meer, sondern eher das Casino oder die milde Meeresluft die mondänen Besucher angelockt. Und sie haben für Legenden gesorgt. Sisi zum Beispiel soll dort dreimal – inoffiziell – den ungarischen Grafen Gyula Andrássy besucht haben, der in der Villa Minach seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Mit solchen Geschichten über die alte Zeit unterhalten heute noch die Fremdenführer. Mit Anekdoten von James Joyce, Anton Tschechow, Giacomo Puccini oder Gustav Mahler, die alle in der damaligen Hochsaison, dem Winter, die Kvarner Bucht entlangflaniert sein sollen.


K. u. k. Folklore mit Monokini. Entlang jener Promenade, die sich bis heute kaum verändert hat, und an der an jeder Ecke, auf Speisekarten oder Hinweistafeln, k.u.k. Folklore zelebriert wird. Auch, wenn dort, wo einst noble Damen in langen Kleidern unter Schirmen flaniert sind, heute Frauen in Bikinis auf die Sonnenbräune warten, die Promenade heute Burger-Buden säumen. Wo einst hinter vorgehaltener Hand über Liaisons getuschelt wurde, sitzen nun ältere Männer in Open-Air-Bars namens Tantra oder Monokini und pfeifen jungen Frauen nach. Ein bisschen Ballermann.

Und trotz allem: Er hat gehalten, der Charme der alten, noblen Sommerfrische. Noch immer sagt man nicht Adria. Man sagt Seebad.

Unterwegs

Tour-retour. Wie kommt man nach Opatija? Zum Beispiel so: Zuerst nimmt man den EC 151 von Meidling nach Ljubljana. In Ljubljana steigt man dann in den INT 483, Richtung Rijeka, um. Für die letzten Kilometer braucht man den Bus oder ein Taxi. Archiv

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)

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