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Das Meer ist unumgänglich

(c) EPA (BARBARA WALTON)
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Ein Schweizer wird Meeresbiologe, dann Verleger: Nikolaus Gelpke über seine frühe Liebe zu den Wellen, den Hang zum Papier und die Kriterien für Erfolg.

Sie sind Meeresbiologe. Wie kommt man als Schweizer auf diesen Berufswunsch?

Nikolaus Gelpke: Ich habe mich als Sechsjähriger im Urlaub ins Mittelmeer verliebt und mich sofort in und unter den Wellen wohlgefühlt. Später habe ich versucht, jede freie Minute am Meer zu verbringen. Und dann hatte ich das große Glück, der Hundesitter von Elisabeth Mann Borgese zu werden, der Tochter von Thomas Mann. Das war in Halifax, Kanada. Sie war die einflussreichste Frau für Meerespolitik weltweit und hat mir den vielfältigen Einfluss der Meere auf unser Leben klargemacht – den politischen und den kulturellen Einfluss. Ich habe dann ihre Bibliothek neu ordnen dürfen: Alle ihre Bücher hatten mit dem Meer zu tun – ob Ökonomie, Ökologie oder Kultur. Danach habe ich in Deutschland Meeresbiologie studiert.

Und wie wird ein Meeresbiologe Verleger?

Ich wollte über das Meer schreiben. 1992 habe ich ein ökologisches Buch herausgegeben. Dann habe ich mir ein Konzept für die Zeitschrift überlegt, 1997 ist die erste Ausgabe von „Mare“ erschienen. Daraus hat sich ein Verlag entwickelt, der heute hauptsächlich von Büchern lebt. Mit „MareTV“ machen wir die erfolgreichste Sendung des NDR mit 1,5Millionen Zuschauern.

 

Haben Sie mit der Berichterstattung über das Meer eine Marktlücke gefunden?

Die Marktlücke war nicht nur das Meer: Die Leser kaufen unsere Bücher oder die Zeitschrift nicht in erster Linie, weil sie am Meer interessiert sind. Es ist die Qualität. Wir haben als erste Zeitschrift in Deutschland ein besonders gutes Papier benutzt, haben eine eigene Druckqualität entwickelt, einen eigenen Fotografiestil. Seither werden wir mit Preisen überschüttet. Seit 2001 verlege ich auch Bücher. Auch da ist uns die Ausstattung wichtig: Wir überlegen uns für jedes Buch, welches Papier, welcher Einband passt.

Was sind die Kriterien, nach denen Sie die Bücher auswählen, die Sie verlegen?

Jedes Produkt muss irgendwie mit dem Meer zu tun haben, sonst können wir es nicht machen – das muss kein maßgeblicher Einfluss sein. Nehmen Sie das neueste Buch von Stefan Moster, „Die Frau des Botschafters“. Das ist ein Roman, der nichts Maritimes hat – aber einen Fischer als Schlüsselfigur, und das ist ja viel romantischer als ein Hufschmied, oder? Und schon ist es ein Mare-Roman. Natürlich muss ein Buch auch gut geschrieben sein und einen tollen Stoff bieten.

 

Nimmt einem diese inhaltliche Festlegung nicht auch viele Chancen?

Das ist eine Einschränkung, ja. Es fällt uns schwerer, Autoren an uns zu binden, weil die nicht garantieren können, dass jedes Buch mit dem Meer zu tun hat. Aber es erhöht auch die Konzentration. Es ist einfacher, weil es nicht so beliebig ist. Und jeder, der sich damit beschäftigt, merkt: Man kommt um das Meer nicht herum im Leben.

Sie haben auch einen Jules Verne im Angebot – seinen einzigen Liebesroman.

Wir legen seit Jahren eine Klassikreihe auf und versuchen dafür Bücher zu bekommen, die nicht oder nicht mehr auf Deutsch erhältlich sind. Bei Jules Verne ist es „Der grüne Blitz“. Er gilt ja eher als Autor für Jungs, aber da hat er einen Liebesroman geschrieben – ein sehr humorvolles, sehr leidenschaftliches, wunderbares Buch, an dem man sieht, wie gut der Mann schreiben konnte. Solche Klassiker sind rechtefrei, wenn der Autor mehr als siebzig Jahre tot ist.

Werden Sie mit Manuskripten bombardiert?

Wir kriegen täglich unangeforderte Manuskripte, aber daraus haben wir in all den Jahren nur zwei Bücher gemacht. Wir haben eigene Scouts in den USA, Großbritannien, Italien, die sich in der Literaturszene gut auskennen und wissen, welche Bücher demnächst auf den Markt kommen. Wir versuchen herauszufinden, was Erfolg versprechend ist, und machen ein Angebot für den deutschsprachigen Markt.

Wie weiß man denn, was Erfolg verspricht?

Jedes Jahr kommen 100.000 neue Titel weltweit auf den Markt, da muss man gewisse Kriterien anlegen. Natürlich muss man es vorher selbst lesen, und man versucht, ein gutes Näschen zu haben. Aber kein Mensch weiß, wie man einen Bestseller macht. Nehmen Sie „Harry Potter“: Der wurde vorher von zig Verlagen abgelehnt. Es gibt nur Hinweise: Wenn ein Buch einen Preis gewonnen hat oder in einem Land ein großer Erfolg ist, kann man annehmen, dass es kein Mist ist und einen gewissen Zeitgeist getroffen hat.

Wie wichtig sind E-Books für Ihren Verlag?

Wir werden im Herbstprogramm die ersten E-Books haben. Es ist schwierig, unsere Qualität in das E-Book zu übersetzen. Vielleicht irre ich mich, aber für Mare ist das E-Book nicht so wichtig wie für andere Verlage. Unsere Leser zahlen 20 oder 22Euro und wollen dafür ein schönes Buch haben. Ich glaube deshalb auch, dass Suhrkamp weniger auf E-Books angewiesen sein wird als Heine, Knaur oder Goldmann. Für Unterhaltungsliteratur à la „Shades of Grey“ sind mit E-Books unglaubliche Erfolge möglich. Da geht es nicht um das Bucherlebnis – das will man einfach weglesen.

 

Ihre Zeitschrift erscheint bald zum 100. Mal. Was ist Ihr Anliegen mit „Mare“?

Ich möchte in erster Linie Geschichten erzählen – mit den Büchern, der Zeitschrift und im Fernsehen –, nachhaltige Geschichten aus Politik, Kultur, Ökologie. Aber ohne Zeigefinger. Und es muss ästhetisch aufbereitet sein – wie ein schönes Bühnenbild im Theater. Es soll dem Leser Freude machen.

 

Sie spüren auch die Printkrise und mussten den Preis erhöhen. Wie geht es weiter?

Keine Ahnung! Ich will keinem Trend hinterherrennen. Man kann nur gut sein, wenn man authentisch ist.

Alles Meer

Nikolaus Gelpke (*1962 in Zürich) studierte in Kiel Meeresbiologie. Er war als Taucher für eine kanadische Austernfarm, für Forschungen der Uni Zürich, für Greenpeace und den Ozeanografen Jacques Piccard im Einsatz. Seit 1997 ist er Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Mare“.

Im April 1997 erschien die erste Ausgabe von „Mare“. Das aktuelle Heft (Bild) ist bereits die Nr. 98.

1999 erschien das erste Mare-Buch – die deutsche Ausgabe des Berichts an den Club of Rome, „Mit den Meeren leben“ von Elisabeth Mann Borgese. Im Jänner 2001 ging „MareTV“ im NDR erstmals auf Sendung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)