Der Höhenflug von Sturm Graz ist fast vergessen, seit Rapid 2006 erreichte auch kein ÖFB-Klub mehr die CL-Gruppenphase. Nun versuchen es Austria und Salzburg.
Wien. Es weht ein erster Hauch von Champions League über Favoriten. Austria, Österreichs Meister, startet in der dritten Qualifikationsrunde. Obwohl der Gegner, Islands Meister Hafnarfjörđur (18 Uhr, ORF1), nicht von Stars oder Glamour begleitet wird, nimmt ihn Trainer Nenad Bjelica ernst.
An den Isländern zu scheitern hätte weitreichende Folgen: Austria würde dann nicht einmal in der Europa League spielen und Salzburgs Schicksal aus dem Vorjahr, Stichwort Düdelingen, folgen. Und die Violetten wären nach Sturm der zweite ÖFB-Klub, der sich in dieser Europacup-Saison gegen die Isländer bloßstellt.
Wird in Österreich von der Champions League geträumt, werden Erinnerungen an Sturms Hochzeiten wach. In der Saison 2000/2001 stieg die Mannschaft von Ivica Osim sogar als Gruppensieger in die K.-o.-Phase auf. Zurück bleiben Anekdoten über Begegnungen mit David Beckham oder dem 2:2 gegen Galatasaray, doch von diesen drei Saisonen in Serie (1998–2001) ist nichts übrig geblieben. Rapid spielte zweimal in der Königsklasse: 1996/97 (ein Punkt) und 2005/06 (null Punkte). Salzburg war 1994/95 in der Eliteliga vertreten.
Seit sieben Jahren erreichte kein ÖFB-Klub mehr die Gruppenphase der Champions League. Gründe dafür gibt es sonder Zahl: zu schwach, übermächtiger Gegner, Pech – und Unvermögen.
Kanarienvögel, Elfen, Kobolde
Österreichs Bundesliga wird im internationalen Vergleich von Funktionären aber oft und gern überbewertet. Probleme werden auf Legionäre, körperliche Mängel oder fehlende Routine abgewälzt. Selbst mit hoch dotierten Spielern wollte es Salzburg nicht gelingen. Das Mäntelchen der Ausbildung von Nachwuchsspielern schmückt, aber nur bis zur Enttäuschung mit dem Schlusspfiff.
Nun versuchen heute Austria und am Mittwoch Salzburg, ihre Heimspiele zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wird auch die Härte des Qualifikationsmodus deutlich: Austria hat als Meister eine höhere Chance, es wartet ein Klub aus einer 26.000 Einwohner zählenden Gemeinde, die zehn Kilometer südlich von Reykjavik zu finden ist. Salzburg trifft auf den Istanbuler Großklub Fenerbahçe.
Von der Papierform her trennen diese Gegner Welten. Die „Kanarienvögel“ sind 18-facher türkischer Meister und, weil es der Sportgerichtshof CAS nach der von der Uefa verhängten Sperre wegen Wettmanipulationen vorerst duldet, Stammgast im Europacup. Hafnarfjörđur preist statt Stars eine Tour zu den Schlafbehausungen von Elfen und Kobolden im Stadtzentrum als Attraktion an.
Beißen, treten, kratzen – glauben
Doch mit solchen Vergleichen wächst der in Österreich gängige Hochmut. Isländer spielen nicht nur Handball, sagt der ehemalige Lustenau- und Kärnten-Spieler Helgi Kolviđsson. Auf der Atlantikinsel werde in Fußballhallen das ganze Jahr über gespielt. Isländer stehen in Skandinaviens Ligen und England hoch im Kurs. Und Hafnarfjörđur? „Der Klub ist nach 13 Runden und neun Siegen Tabellenführer“, sagt Kolviđsson, der dennoch Austria im Vorteil wähnt. Die Violetten seien ein großer Klub, hätten Tradition, Routine, sie seien spielerisch im Vorteil...
Kleinere Klubs verwenden unverkennbar das gleiche Vokabular, wenn es darum geht, Gegner und Chancen abzuwägen. Im Gegensatz zu Österreich gelingt anderen in der Champions League oft eine Überraschung, selbst in den finalen Play-offs. Die Gründe wurden erwähnt, Kolviđsson erweiterte die Palette um einige Aspekte, die schon Thomas Muster als Erfolgsformel predigte: „Beißen, treten, kratzen. Du musst daran glauben.“
Auf einen Blick
Austria empfängt heute in der Champions-League-Qualifikation Islands Meister Hafnarfjörđur (18h, ORF1). Salzburg trifft am Mittwoch auf Fenerbahçe (20.30h).
Rapid spielte als bislang letzter ÖFB-Klub in der Saison 2005/2006 in der Königsliga – nach Siegen über Düdelingen und Lok Moskau.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2013)