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Energie: Verbund tritt auf die Notbremse

Energie Verbund tritt Notbremse
Anzengruber(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Aufnahmestopp für neue Mitarbeiter, jede zweite Investition verschoben, Kraftwerke vor dem Aus. Der Stromkonzern muss Kosten reduzieren – und senkt die Preise.

[Wien] „2013 wird das beste Jahr der Firmengeschichte“, versprach Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber vor wenigen Monaten. Seither aber hagelt es schlechte Nachrichten: Kraftwerke müssen abgeschrieben werden, der Gewinn bricht ein, Investitionen werden gekürzt. An der Börse verlor das Unternehmen seit Jahresbeginn fast ein Viertel an Wert. An seiner guten Prognose für das Gesamtjahr hält Anzengruber dennoch unerschüttert fest.
Wie passt das zusammen? Was ist los bei Österreichs größtem Stromerzeuger?

Im Grunde waren die Voraussetzungen für den Wasserkraftbetreiber im ersten Halbjahr nicht so schlecht. Die Flüsse waren voll, die Stromproduktion stieg entsprechend. Der Umsatz kletterte auf 1,65 Mrd. Euro. Allerdings lässt sich mit Elektrizität derzeit kaum Geld verdienen. Der Strompreis an den Börsen ist seit Monaten im Keller. Der hohe Umsatz bringt also kaum Gewinn. Das operative Ergebnis sank aufgrund der Wertberichtigungen von 471,5 Mio. im Vorjahr auf minus 89,3 Mio. Euro. Lässt man Sondereffekte, Abschreibungen, Steuern und Zinsen außer Acht, verzeichnete der Verbund ein (Ebitda-)Plus von 20 Prozent.

Das Problem mit dem teuren Gas

Wasserkraft spült zwar immer noch anständig Geld in die Kassa. Schlimm sieht es hingegen beim zweiten Standbein des Verbunds aus: Ein Fünftel des Stroms produziert der Verbund in Gaskraftwerken. Im Moment sind sie reine Verlustbringer. Aufgrund von ungünstigen Lieferverträgen kauft das Unternehmen Gas so teuer ein, dass sich der Einsatz der Anlagen nicht rechnet. Für das Gaskraftwerk im steirischen Mellach sowie für zwei weitere in Frankreich und eine Beteiligung in Italien musste der Konzern heuer bereits über eine Milliarde Euro abschreiben. Damit ist zwar das Gröbste erledigt, aber das Ende der Fahnenstange nicht notwendigerweise erreicht, betonte Anzengruber am Mittwoch.

Bis Jahresende will er entschieden haben, was der Verbund mit seinen Gaskraftwerken tun will. Von „Stilllegen und Einmotten bis zu Betriebszeitkürzungen“ sei alles möglich. Entscheidend wird sein, ob sich Europas Politiker nach den deutschen Wahlen im Herbst dazu durchringen können, auch Gaskraftwerke über den Umweg von Kapazitätsmärkten zu fördern.

Unter den bisherigen Voraussetzungen sieht der Konzern offenbar nur eine Lösung: die Notbremse. Der Verbund muss sparen. Er will daher keine neuen Mitarbeiter mehr einstellen, die Investitionen werden – zum zweiten Mal in diesem Jahr – drastisch gekürzt. Statt 2,3 sollen bis 2017 nur noch 1,2 Mrd. Euro für den Bau von Netzen und Wasserkraftprojekten ausgegeben werden. Alle übrigen Projekte werden verschoben, bis wieder bessere Zeiten angebrochen sind.

Strompreis für Private sinkt

Wolfgang Anzengruber wird sein „bestes Jahr in der Firmengeschichte“ vermutlich dennoch retten können – dank der Einmaleffekte aus dem Tausch des Verbund-Anteils an der türkischen Enerjisa gegen die bayrischen Wasserkraftwerke der E.On. Im ersten Halbjahr steuerte dieses Geschäft 1,25 Mrd. Euro an Einmaleffekten bei, was die Verdoppelung des Konzernergebnisses auf 448,2 Mio. Euro erklärt.

Zudem setzt der Konzern auf eine Werbeoffensive in Österreich. Ab September will der Verbund den reinen Strompreis für all seine privaten Endkunden um rund zehn Prozent senken. Die Ausgaben für Strom (inklusive Netz und Steuern) dürften also um drei Prozent sinken. „Wir geben als erstes Unternehmen die niedrigeren Großhandelspreise an die Haushalte weiter“, so Anzengruber. Die Konkurrenz gibt sich gelassen. Man lote ständig das Potenzial für Preissenkungen aus, hieß es von der Energie-Allianz (Wien Energie, EVN und Energie Burgenland). Die Preisgestaltung der Konkurrenz kommentiere man grundsätzlich nicht.
Erst in der Vorwoche hatte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) die Stromkonzerne gedrängt, die Endkundenpreise um zehn Prozent zu senken. Druck sei auf den halbstaatlichen Verbund-Konzern aber nicht ausgeübt worden, betonte Anzengruber.

Energie Verbund tritt Notbremse
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)