Und der Hauptpreis ist ein Baby – warum nicht?

In Pakistan werden Findelkinder während einer Ramadan-TV-Show an Adoptiveltern übergeben. Bei uns sieht man Familien beim Scheitern zu.

Man sieht nur das kleine Gesicht und die Händchen, die aus der Babydecke schauen. Und natürlich die Fernsehkameras, die darauf gerichtet sind. Was mag dieses Köpfchen denken, wenn es größer ist? Was wird es auf seiner Facebook-Seite, seinem Twitter-Account wohl posten über seine mediale „Geburt“?

Fatima heißt das eine, George das andere Neugeborene, das diesen Sommer die Weltöffentlichkeit entrüstet. „Freunde“ werden der pakistanische Findling, der gerade in einer Ramadan-Talkshow an die „besten“ Eltern vergeben wurde, und der englische Thronfolger wohl nicht werden, näher als in den Schlagzeilen dieses Jahres einander nicht kommen. Aber vielleicht haben sie einen gemeinsamen Lieblingsfilm. In „The Truman Show“ spielte Jim Carrey einen jungen Mann, dessen Leben als TV-Show rund um die Uhr übertragen wurde. Ohne sein Wissen. Am Ende hinterfragt er sein Dasein, hinterfragt er „Gott“ – und es wird gut.

Ende der 1990er-Jahre, vor 9/11, vor Facebook, bevor alles eskalierte, waren die Werte noch klar. Was Truman geschehen ist, war eindeutig böse. Totale Überwachung, mediale Ausgeliefertheit, Verlust der Privatsphäre. Aber heute? Wie verlogen ist es, sich über die „Quotengeilheit“ von Medien zu empören, die eine Gesellschaft bedient, zu deren Alltag die mediale Prostitution längst gehört – und zwar sowohl im Westen wie auch im nahen oder fernen Osten?

Zur pakistanischen TV-Primetime während des Ramadan vergibt ein islamischer Geistlicher ein auf einem Müllhaufen ausgesetztes Neugeborenes an neue, auf Adoption wartende Eltern. In mehreren deutschsprachigen Sendungen verfolgen derweil Hunderttausende amüsiert die Schicksale von Säuglingen, die in völlig dysfunktionale Familien hineingeboren werden – deren Mütter sich tauschen lassen, deren Teenie-Eltern völlig überfordert sind, deren Eltern sich auf irgendeinem Bauernhof nur für ein wenig grellen Ruhm miteinander ins Stroh geworfen haben.

Welche „Quotengeilheit“ ist zynischer? Wie wäre es mit einem neuen Reality-Format für den Öffentlich- Rechtlichen, bei dem ein katholischer Bischof für diese Kinder besonnenere Leiheltern sucht? Oder meinetwegen der Caritas-Chef. Vielleicht aber sollte man sich, bevor man wieder Skandal schreit und schnell die dazupassenden Bilder googelt, auch einfach damit anfreunden, dass diese Babys bereits völlig anders, als Gladiatoren in dieser Media-Arena aufwachsen werden. Sie werden es gewohnt sein, dass alle alles wissen über sie. Und sie werden gelernt haben, damit umzugehen auf die eine oder andere Weise.

Auch mit dem Schicksal, dass ihrem Tod wohl keine Öffentlichkeit, keine „Quoten-Schönheit“ zuerkannt wird. Woran der Künstler Gregor Schneider mit seinem „Sterberaum“ erinnert. Der gemeine Tod bleibt vielleicht unsere letzte Privatsache. Noch.

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)

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