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Leitartikel: Wir brauchen ein Recht auf gute Kindergärten

brauchen Recht gute Kindergaerten
brauchen Recht gute Kindergaerten(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Der Ausbau der Kinderbetreuung in Österreich wäre wünschenswert. Zuvor braucht es ein Umdenken. Viele sehen die Kindergärten als bloße Aufbewahrungsstätte.

Nicht in vielen Belangen – siehe etwa das föderale Durcheinander im Schulsystem – taugt Deutschland als Vorbild im Bildungsbereich. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für alle Ein- bis Dreijährigen hat der Nachbarstaat jedoch einen für Österreich nachahmenswerten Schritt in die richtige Richtung getan.

Das Erfrischende an dem deutschen Vorstoß ist, dass es ausnahmsweise einmal nicht um eine Pflicht – wir erinnern uns an die immer wiederkehrende Debatte um die Kindergartenpflicht – geht, sondern um ein Recht, eine garantierte Leistung in Anspruch nehmen zu können. Die deutsche Politik zollt mit der Maßnahme zugleich der veränderten gesellschaftlichen Realität Tribut.

Dass das lange vorherrschende Familienideal, in dem die Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes ihre Erwerbskarriere ab- oder zumindest für lange Jahre unterbricht, für viele weiter wünschenswert ist, sei unbestritten. Dass dieses Bild für viele aber bestenfalls ein Idealbild bleiben wird, kann als ebenso unumstritten gelten. Viele können es sich schlicht nicht leisten, auf eines ihrer beiden Einkommen zu verzichten. Andere Paare oder Frauen – und es sind in Österreich fast ausschließlich die Frauen, die ihre Berufskarriere zugunsten der Kindererziehung hintanstellen – wiederum wollen das nicht.


Der garantierte Krippenplatz kann ein probates Mittel sein, die Familiengründung mit der beruflichen Karriere in Einklang zu bringen. Für Mütter, weil er im Gegensatz zur bloßen Geldleistung den Verbleib im Erwerbsleben ermöglicht. Und – wenn er richtig ausgestaltet ist – auch zum Wohl der Kinder beiträgt.

Womit wir bereits beim eigentlichen Problem wären: Der rasante Ausbau der Krippenplätze, den Deutschland derzeit vornimmt, lässt den Verdacht aufkeimen, dass es sich bei dem Konzept eben nur um eine bloße Arbeitsmarktmaßnahme handelt. Die pädagogischen und bildungspolitischen Aspekte, die einer derartigen Entwicklung zwingend innewohnen müssten, scheinen dabei im Hintergrund zu stehen. Oder wer würde – wie in Deutschland nun der Fall – sein zweijähriges Kind gern in einer notdürftig umgebauten Kfz-Werkstatt oder ein paar Containern betreut sehen? Eben.

Dass so an den Ausbau der Kinderbetreuung herangegangen wird, zeigt das zentrale Problem, an dem das System Kindergarten auch in Österreich krankt: Bis heute hat sich bei den handelnden Politikern noch nicht das Verständnis durchgesetzt, dass Kinderkrippen und Kindergärten eben mehr sein müssen als eine bloße Aufbewahrungsstätte. Der Gedanke vom Kindergarten als „erster Bildungseinrichtung“, der in der Wissenschaft mittlerweile als unumstritten gelten kann, hat es noch nicht in die Gesellschaft geschafft.


Das spiegelt sich in Österreich nicht zuletzt im gelinde gesagt letztklassigen Umgang mit den Kindergartenpädagoginnen wider – die geringe Zahl an Männern, die den Beruf ergreifen, sind mitgemeint –, den wir hierzulande immer noch an den Tag legen. Während es den Lehrern gelungen ist, sich dank starker Gewerkschaft zu zentralen Gestaltern ihrer eigenen Arbeitsbedingungen aufzuschwingen, verhält es sich bei den Kindergärtnerinnen genau umgekehrt.

Die Bezahlung ist schlecht. Um eine neu gestaltete Ausbildung auf akademischem Niveau hat die Regierung die Kindergärtnerinnen ebenfalls betrogen. Sie reformierte die Lehrerausbildung, teilte den Kindergärten in letzter Sekunde aber mit, dass sie beim neuen Konzept (entgegen früheren Versprechungen) nicht mit an Bord seien. Die Verantwortung, die die Kindergärtnerinnen in ihrem Alltag tragen, ist jedoch groß. Sie sollen nicht nur Elternersatz sein, die Kinder fördern und fordern, sondern auch die Integration von Migrantenkindern bewerkstelligen. Und das bei verheerenden Betreuungsquoten. Dass sich nur noch wenige Idealisten finden, die den Job ergreifen wollen, darf niemanden wundern.

Bis wir daran denken können, eine flächendeckende Betreuung zu fordern, ist es also noch ein weiter Weg. Vielleicht sollte sich Österreich beeilen. Unter den schlechten Bedingungen leiden nicht zuletzt die Kinder.

 

E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)