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Der Kindergarten als ewiger Problemfall

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Obwohl Kindergärten als Grundstein für eine gelungene Bildungskarriere gelten, hakt es hierzulande bei Angebot, Organisation und Finanzierung.

Wien. Während in Deutschland die Betreuung der unter Dreijährigen das große Thema ist, wird sich in Österreich für die Kleinsten in absehbarer Zeit wenig tun. Doch nicht nur das: Auch bei den Drei- bis Fünfjährigen ist längst nicht alles gut. „Die Presse“ hat sich angesehen, welche Punkte die größten Probleme bereiten:

1. Das Betreuungsverhältnis in den heimischen Kindergärten lässt zu wünschen übrig.

Als „Massenkindhaltung“ bezeichnet Raphaela Keller, die Vorsitzende der „Berufsgruppe Kindergarten- und HortpädagogInnen Wiens“, das, was in den heimischen Kindergärten passiert. Häufig ist eine einzige ausgebildete Kindergartenpädagogin (in der Regel sind es Frauen) für 25 Kinder zuständig. Wenn sie Glück hat, hilft eine Assistentin, oft aber auch nicht. Die Folge: Die Pädagoginnen können sich zu wenig auf einzelne Kinder konzentrieren. Dadurch bleiben nicht nur Defizite unentdeckt, sondern auch Begabungen verborgen. Der Wunsch der Berufsvertreter: Auf 15 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren sollten zwei ausgebildete Pädagoginnen kommen. Bei den unter Dreijährigen sollte eine Pädagogin für maximal drei Kinder verantwortlich sein. Dass das noch nicht umgesetzt wurde, hat mitunter damit zu tun, dass es schwer ist, ausreichend Personal zu finden – wohl auch, weil der Job eher schlecht bezahlt ist.

2. Die Bezahlung der Kindergärtnerinnen ist schlecht. Der Job dadurch wenig attraktiv.

Zwischen 1700 und 2200 Euro brutto im Monat verdienen die Pädagoginnen – je nach Bundesland –, wenn sie in den Beruf einsteigen. „Für das Geld will niemand gern diese große Verantwortung übernehmen“, bringt es Keller auf den Punkt. In Oberösterreich will man auf den Mangel an Kindergartenpädagoginnen mit einem neuen Gehaltsschema reagieren. Statt 1734 Euro brutto soll es beim Berufseinstieg künftig 2085 Euro geben. Das Gehalt soll dann aber weniger stark ansteigen. Nach 15 Dienstjahren heißt das: Statt bisher 3492 Euro wird es monatlich nur noch 3165 Euro geben. Das Geld ist übrigens auch ein Grund dafür, dass die Pädagoginnen weiter keine Uni-Ausbildung erhalten: Die Länder und Gemeinden können (oder wollen) sich das nicht leisten.

3. Die Ausbildung wird noch lange nicht auf akademischem Niveau stattfinden.

Eigentlich sollte mit der „PädagogInnenbildung neu“ nicht nur die Lehrerausbildung, sondern auch die der Kindergartenpädagoginnen reformiert werden. Geworden ist daraus nichts. Die Ausbildung wird weiter an den Bakips stattfinden, Österreich bleibt damit europaweit das letzte Land, das seine Kindergartenpädagoginnen nicht akademisch ausbildet. Ein Grund – neben dem fehlenden Geld: Derzeit gibt es in Österreich nur eine einzige Uni-Professur für Elementarpädagogik. Vorerst wird es also nur die Möglichkeit geben, ein Bachelorstudium in diesem Bereich zu absolvieren, ein Muss wird das aber nicht sein. Dabei wäre das für mehrere Aspekte wichtig, meint Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform EduCare: Die Pädagoginnen würden näher an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgebildet, sie müssten sich nicht – wie bisher – mit 14 Jahren für den Beruf entscheiden. Und: Für das Selbstverständnis der Pädagoginnen wäre ein akademischer Abschluss förderlich.

4 Die Kindergartenpädagoginnen haben keine politische Lobby.

Dass Arbeits- und Ausbildungsbedingungen derart schlecht sind, liegt auch an der fehlenden Lobby. Gemessen an ihrer Zahl müssten die Pädagoginnen nämlich eigentlich durchschlagskräftiger sein: Fast 52.000 sind es, und damit mehr als doppelt so viele wie etwa AHS-Lehrer. Doch während die Gewerkschaft Letzterer die Regierung und auch die Öffentlichkeit mit den ständigen Diskussionen über das Lehrerdienstrecht auf Trab hält, ist die Situation der Kindergartenpädagoginnen kaum jemals Thema.

5. Es fehlt ein Bundesrahmengesetz. Durch die Länderkompetenz wird vieles erschwert.

Unterschiedliche Betreuungsschlüssel, unterschiedliche Bezahlung, unterschiedliche Ausbildungen für Kindergartenassistentinnen: Das ist die Folge davon, dass die Kindergärten in die Kompetenz der Länder und Gemeinden fallen. Es gibt keine einheitlichen Standards und das macht vieles schwieriger. Schon länger fordern Experten daher ein Bundesrahmengesetz, in dem all diese Punkte bundesweit geregelt werden.

6. Das Angebot in den Bundesländern ist höchst unterschiedlich – teils mangelhaft.

Auch die Eltern spüren, dass die Voraussetzungen in den einzelnen Bundesländern höchst unterschiedlich sind. Nicht in allen Ländern können gleich viele Kinder betreut werden, in manchen ist das Betreuungssystem alles andere als gut ausgebaut. Wien hat derzeit als erstes Bundesland das „Barcelona-Ziel“, wonach für mindestens 33 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze vorhanden sein müssen, überschritten. Erreicht wurde das Ziel, weil vor allem in den vergangenen Jahren viel in den Ausbau investiert wurde. Die Betreuungsquote bei den Drei- bis Fünfjährigen ist zwar schon in allen Bundesländern gut (siehe Grafik), doch allein das sagt noch nichts über oft problematische Punkte wie Nachmittags- und Ferienöffnungszeiten aus.

7. Gute Kindergärten kosten Geld. Geld, das Länder und Gemeinden oft nicht haben.

Durch die Einführung der Kindergartenpflicht für Fünfjährige im Jahr 2010 wurde das letzte Kindergartenjahr österreichweit kostenfrei. Die meisten Bundesländer haben ihr Gratisangebot darüber hinaus erweitert. Am weitesten ging Wien, wo Betreuung bereits ab dem Säuglingsalter für die Eltern kostenfrei ist. Allerdings fehlt oft einfach das Geld, um vor allem in jenen Altersstufen, in denen die Betreuungsquoten noch niedrig sind, ein attraktives kostenfreies Modell anzubieten. So musste die Steiermark etwa den Gratiskindergarten für Drei- und Vierjährige aus Spargründen wieder zurücknehmen. So unterschiedlich wie das Gratisangebot sind aber auch die Kosten in den einzelnen Ländern. So kostet laut einer Studie des Instituts für Familienforschung ein Platz in einem öffentlichen Kindergarten pro Jahr zwischen 3820 Euro in Tirol und 7290 Euro in Wien. Noch drastischer ist die Differenz bei den Kinderkrippen. Hier verursacht ein Platz in Tirol Kosten von 5770 Euro, einer in der Steiermark jedoch von 14.620 Euro. Zum Teil lassen sich diese Unterschiede mit Gruppengrößen und Öffnungszeiten erklären. In Summe gibt Österreich für die Kinderbetreuung pro Jahr etwas mehr als eine Milliarde Euro aus.

8. Bei Kindergärten stellt sich die oft Frage, ob das Geld nicht effizienter einsetzbar wäre.

Unterschiedliche Kosten bei der Kinderbetreuung gibt es nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern auch zwischen privaten und staatlichen Institutionen. Und auch wenn es Eltern von Kindern in kostenpflichtigen Privatkindergärten kaum glauben dürften: Die Kosten sind bei den Privaten geringer. So kostet ein privater Kindergartenplatz pro Jahr 4120 Euro, ein staatlicher aber 5450. Auch hier ist bei den Krippen der Unterschied noch deutlicher. Während private Krippenplätze Kosten von 6620 Euro pro Jahr verursachen, sind es bei staatlichen 12.220 Euro. Von den Erhaltern, etwa der Stadt Wien, wird diese Differenz mit dem – nachweisbar – meist besseren Betreuungsverhältnis oder mehr Integrationsplätzen erklärt. Da es jedoch keine genaueren Zahlen gibt, bleibt die Frage, ob das Geld nicht effizienter einsetzbar wäre. So fördert Wien mit 225,1 Mio. Euro pro Jahr 44.440 private Kinderbetreuungsplätze, während mit 393,4 Mio. Euro 27.379 städtische Plätze finanziert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)