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Nie wird das aus gedrucktem Papier bestehende Buch verschwinden

wird gedrucktem Papier bestehende
wird gedrucktem Papier bestehende(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Das elektronische Buch bietet gewiss Vorteile, aber es ist bloß eine Kopie, und als solche im Grunde wertlos – und es kann die Aura des Authentischen und Beständigen nicht vermitteln.

 

Frau Ingrid Brodnig hat ein „Luxusproblem“: Bald beginnt ihr Urlaub, und sie quält sich mit der Frage: Soll sie das handliche elektronische Buch, in dem Hunderte von Texten verborgen sind, einpacken, oder doch ein paar herkömmliche Bücher? Nur scheinbar kreist das Problem, an dem die eifrige Journalistin ihre Leser teilhaben lässt, um die Frage, ob es nicht doch schöner sei, zum fühlbaren Buch zu greifen und nicht zum elektronischen Gerät. Das hat Frau Brodnig ein für alle Mal entschieden: Sie liebt ihr digitales Utensil, hat schon – so behauptet sie – „zigtausend“ Seiten Lektüre damit verschlungen, weigert sich, „kiloweise Papier durch die Gegend zu tragen“. Nein, ein klassisches Buch kommt für sie nicht infrage. Das einzig verbleibende „Luxusproblem“ der Frau Brodnig ist nur noch, wie sie ihre smarte elektronische Bibliothek vor Langfingern am Sandstrand schützt.

Natürlich weiß sie, dass ihre vorgespielte Angst vor Dieben keinen einzigen Leser ihrer Kolumne im „Falter“ wirklich interessiert. In Wahrheit will sie diejenigen als Tölpel hinstellen, die sich noch immer nicht von den aus bedrucktem Papier bestehenden Büchern verabschieden wollen. Wie kann man, so ihr Wort, noch so „altmodisch“ sein? „Das ist so 20.Jahrhundert!“ (Welch ein Satz!)

Viele Buchhändler, die ihre Arbeit nicht allein wegen der finanziellen Entlohnung, sondern vor allem mit Engagement für die Verbreitung des gedruckten Wortes vollbringen, werden den in einem Leserbrief an den „Falter“ kundgetanen Protest ihrer Kollegen Ingrid und Lothar Laaber gegen Frau Brodnigs Verachtung des klassischen Buches mittragen.

Und dies zu Recht. Fraglos bietet das elektronische Buch Vorteile. Vor allem für Reisende, die ohne großes Gepäck leichte Lektüre zu sich nehmen wollen. Aber es ist ein Surrogat und wird es immer bleiben. Es äfft mit gefälligen Tricks virtueller Verzauberung all das nach, was ein Buch aus Papier im Original bietet. Es ist bloß eine Kopie, und als solche im Grunde wertlos.

 

In welchem Ausmaß das elektronische Buch das – so Frau Brodnig – „altmodische“ ersetzen wird, mag für Verleger und Buchhändler eine wichtige Frage sein. Viel entscheidender aber ist die Prognose: Nie wird das aus gedrucktem Papier bestehende Buch verschwinden. Je geringer sein Marktanteil sein wird, umso mehr wird es als edler Gegenstand geschätzt werden. Die Erfahrung, die vor Jahrzehnten mit Uhren gemacht wurde, gibt dieser Voraussage sicheres Fundament: In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen elektrische Uhren in Mode, die auf Tastendruck die Zeit digital aufleuchten ließen.

Einige Propheten waren überzeugt: Uhren mit Zeigern, das ist Geschichte. Doch die weitaus meisten der heute erhältlichen Uhren haben nach wie vor ihre Zeiger. Zugegeben: Fast alle von ihnen funktionieren auf elektronischer Basis. Aber just die wertvollsten sind jene, die noch die klassische Mechanik in sich tragen: Federn, Zahnräder und eine Unruh.

Frau Brodnig braucht sich keine Sorgen zu machen: Elektronische Bücher tragen so sehr den Verfall in sich, dass kein Dieb daran interessiert sein dürfte, sie zu stehlen. Aber ein echtes Buch, vielleicht sogar eines, das jünger als „so 20. Jahrhundert ist“, das ist begehrter, als sie es sich vorstellen kann. Weil es die Aura des Authentischen und des Beständigen vermittelt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2013)