In der neu gestalteten Durchzugsstraße ist die Vorfahrt der Straßenbahn dem breiteren Gehsteig und dem neuen Radweg zum Opfer gefallen.
Wien/Cim. Von der alten, verramschten Ottakringer Straße ist nicht mehr viel übrig. Von der düsteren „Balkanmeile“, der „gefährlichsten Straße der Stadt“, wie der Abschnitt der Ottakringer Straße vom Hernalser Gürtel bis zum Ottakringer Platz 1, der Brauerei, schon genannt wurde. Heute schaut es nicht mehr danach aus.
Die neuen, breiten Gehsteige wurden zuletzt von Absperrungen und Bauschutt befreit, neu gepflanzte Bäume schlagen Wurzeln, an Straßenecken wurden nun bunte, ovale Sitzmöbel aufgestellt. Die Neugestaltung der Ottakringer Straße ist so gut wie abgeschlossen, in den kommenden Wochen sollten die letzten Arbeiten beendet sein, sagt Franz Prokop, der Bezirksvorsteher des Sechzehnten.
Aber mit der Freigabe der Straße für den Verkehr wird es dort eng: Die Fahrstreifen von Autos und Straßenbahn waren zuvor baulich getrennt und wurden nun zusammengelegt. Während Platz für Fußgänger, Bäume oder Schanigärten geschaffen und ein neuer Mehrzweckstreifen für Radfahrer geschaffen wurde, ist der Platz für Autofahrer und öffentlichen Verkehr geschrumpft. Und diese Neuaufteilung sorgt für Konflikte. VP-Obmann Manfred Juraczka spricht von einem „Retroakt“: „Wie bald in der Währinger Straße werden der Pkw- und Straßenbahnverkehr auf einen Fahrstreifen zusammengelegt, was zu Behinderungen der Straßenbahn führt und damit das exakte Gegenteil einer modernen Verkehrspolitik darstellt.“
„Kompromisse machen“
„Wir“, sagt Dominik Gries von den Wiener Linien, „sind natürlich Befürworter eigener Gleiskörper.“ Allerdings sei die Ottakringer Straße auch zuvor nicht komplett getrennt gewesen, nachdem die Straße dafür schon immer zu schmal war, „und die Straße gehört ja nicht uns, da muss man Kompromisse machen“. Ob die Straßenbahn der Linie 44 auf diesen knapp anderthalb Kilometern fortan langsamer unterwegs sein wird, werde sich im September, nach den Ferien, zeigen. In der Währinger Straße hatte die Straßenbahn zuvor auch keinen durchgehenden eigenen Gleiskörper. Der Umbau, so Gries, begünstige die Straßenbahn, sie werde danach mehr Platz haben und schneller vorankommen als zuvor.
In Ottakring argumentiert Prokop die Einschränkungen für Straßenbahn und Autos damit, dass die Priorität die „Sicherheit der Schwächsten“ gewesen sei – also der Fußgänger, besonders der Schul- und Kindergartenkinder, wie er sagt. Wiens FPÖ schließt sich der ÖVP-Kritik an der neuen Aufteilung der Verkehrsflächen an. In der Ottakringer Straße, heißt es, könne der Verlust von Parkplätzen auch zu Umsatzrückgängen für die Geschäftsleute sorgen. Für diese Geschäftsleute war die Bauphase von beinahe einem Jahr eine lange Durststrecke. Damit soll es nun vorbei sein. Bezirksvorsteher Prokop sieht einen Aufschwung des ganzen Grätzels. Die Neugestaltung der Straße hätte auch die Besitzer sanierungsbedürftiger Häusern motiviert, Geld zu investieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2013)