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Salzburg: Matthias Hartmann überschüttet Nestroys Witz

Gibt Maria Happel (oben) Fortuna oder Merkel? Katharina Knap spielt hier jedenfalls Brillantine.
Salzburg: Matthias Hartmann überschüttet Nestroys Witz(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Der Direktor des Burgtheaters schöpft bei seiner Inszenierung des „Lumpazivagabundus“ in Hallein aus dem Vollen. Nicholas Ofczarek und Maria Happel spielen mit Herzblut, sonst aber herrscht wenig Tiefgang.

Nicholas Ofczarek ist eine Wucht: Seine Darstellung des Schusters Knieriem in Nestroys böser Zauberposse offeriert eine präzise Studie des Alkoholismus fast bis zum Delirium. Mit bösen Augen und auch mit toten schaut dieser Knieriem über den Rand seines Bierkrugs in die Welt. Manchmal glänzen sie, aber das ist eine trügerische Hoffnung, denn dann rinnt aus ihnen schon der Schnaps heraus. Regisseur Matthias Hartmann hat den verkommenen Handwerker offensichtlich auf stabile 1,2 Promille eingestellt – ein erträglicher Pegel für todessüchtige Spiegeltrinker. Dieser Schuster hat nichts Gemütliches. Er weiß um den eigenen Untergang, den er mit dem fantasierten Weltuntergang durch einen Kometen kaschiert. Da hilft kein Lotteriegewinn, da helfen keine sorgenden Freunde: „Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang.“

Knieriem ist das Gravitationszentrum in „Der böse Geist Lumpazivagabundus“, ein Moment der Wahrheit, obwohl er just in der Mitte fehlt. Johann Nestroy hat diese Rolle in seinem 1833 uraufgeführten Stück selbst gespielt. Publikumslieblinge wie die beiden Hörbiger oder auch Qualtinger folgten ihm nach. Jetzt hat sich auch Ofczarek in die Tradition gestellt, und er macht das fantastisch, ohne Kitsch, aber mit unheimlicher Gewaltbereitschaft und einem Stamperl Melancholie. Er kommt in dieser Inszenierung, die am Donnerstag bei den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel ihre heftig umjubelte Premiere hatte, Nestroys Bosheit nah.

Angela Merkel leert das Füllhorn aus

Ist dieser Abend also vollends gelungen? So einfach steht die Sache bei Nestroy nie, an diesem Pessimisten sind schon andere, Besser gescheitert als Hartmann. Und zudem droht die latente Frage: Ja, darf ein Osnabrücker denn das? An Österreich herumbasteln und sogar noch eigene Ideen einbringen? Lumpazi drückt die Herzen der Wiener, bis sie bluten. Das Kometenlied, nicht der Donauwalzer ist die heimliche Hymne dieses Landes. Wenn da ein Zugereister kommt, muss man besonders skeptisch sein. Das gebietet der Respekt vor dem Burgtheater.

Sein Direktor setzt in Hallein auf Fülle. Die Bühne hat Stéphane Laimé als reizende Collage aus Holzgerüsten, biedermeierlichen Versatzstücken und ein wenig Pop gestaltet. Karsten Riedels Musik, die von Rock über Schlager bis zu Mozart und Jodlern vieles zitiert, passt zur Mehrzweck-Staffage. Und Charakterköpfe wie Branko Samarovski, André Meyer oder Hermann Scheidleder in verschiedenen Nebenrollen als Zauberer, Wirte, Diener auftreten zu lassen, ist purer Luxus. Die sind Treffer für jede Aufführung. Das gilt besonders für Maria Happel, hier in Dreifachrolle! Sie brilliert als falsche Signora, schwäbische Haushälterin – und Glücksfee. Da jauchzen die Leute, wenn diese Fortuna, personifiziert als Angela Merkel im Reich der Feen das Füllhorn für abgebrannte Prinzen ausschüttet. Der Pony, die minimale Gestik und Mimik – ja das ist tatsächlich die deutsche Bundeskanzlerin, die vor einem Euro-Logo mit goldenen Sternen die Finanzmärkte beruhigt. Diese wunderbare Imitatorin Happel könnte garantiert auch zu Frau Fekter oder Herrn Grasser mutieren.

Aber wozu? Der Effekt und die Lacher sind da, was jedoch sagt das über Nestroys Fortuna, die in grausamer Wette mit Menschen experimentiert, um die Hochzeit ihrer Tochter zu verhindern? Ihr Gegenspieler Lumpazivagabundus (Max Mayer ist ein schmutziger Teufel) darf daraufhin drei Handwerker manipulieren. Sie kriegen die große, böse Chance – den Lottogewinn.

Der Abend befriedigt die Schaulust.  Ein Maler für den reichen Schneider? Potztausend! Das ist ja der Warhol Andy! Hartmanns Schwäche: ein Füllhorn von Ideen auszuschütten, ohne sie immer auf Tauglichkeit für den Sinn des Ganzen abzuklopfen. So viele Bilder, und so beliebig – da droht der Text verschüttet zu werden, sein Witz. Jede Pointe wird bis zur Neige ausgekostet, sogar das Publikum darf bei einer Vorstadtszene mitsingen, als gäbe es Musikantenstadl. Bei der Menge an Stars und Sternchen, die sich auf der Bühne drängen, tendiert der Regisseur zur Hyperimaginierungszwangsbeglückungsneurose. Das freut den Bauch, kann aber weiter oben leicht zur Apoplexie führen. Es wird einem ganz schwindlig im Kopf.

Hyperaktiver Schneider mit starkem Trieb

Nehmen wir zum Beispiel den arbeitsscheuen und nach Luxus gierenden Schürzenjäger Zwirn. Michael Maertens, in der Komik mit feinem Timing gesegnet, macht ihn zum hyperaktiv tänzelnden, meckernden Gecken mit Ziegenbart. In gelenkigen Zugnummern verstärkt er drastisch, was die Verbalerotik ohnehin aussagen würde, plapperte er nicht gar so schnell. Etwas weniger Absurdität wäre besser gewesen, vor allem im Zusammenspiel mit Mavie Hörbiger, die fünf weibliche Rollen hat – auch die der hier sehr schrägen Liebesfee Amorosa. Happel hingegen führt als halbseidene Mama vorbildlich vor, wie Erotik funktioniert. Wenigstens erscheint im Vergleich zu den outrierten Paarläufen des Schneiders der Tischler Leim so brav, wie es angemessen ist. Florian Teichtmeister spielt ihn mit angenehmer Zurückhaltung und lässt Nestroy zu Wort kommen.

Fazit: Hartmann überfrachtet die Posse ordentlich. Im zweiten Akt verliert er ein wenig den Faden, im dritten steigert er sich beachtlich, kommt sogar zum Kern. Und jetzt der Komet! So besteht der Burgtheaterdirektor also dank Ofczarek und anderer Zauberer die Nestroy-Probe. Vor allem der Einstieg mit einem von Punk infizierten Feenreich, in dem die Jungen keine Zukunft sehen, die langhaarigen Alten ratlos danebenstehen, bringt die Geschichte auf einen – aktuellen – Punkt. Und der Schluss ist brutal herzig, ein scheinbares Idyll, in der die drei Handwerker aus einem großen Puppenhaus gucken. Leim schaut bieder, Zwirn scheint wieder auf dem Sprung, Knieriem kippt ein Glaserl. Als wäre bereits Weltuntergang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2013)