Moralist und Verbrecher

Vergötterung: die Memoiren der Elsie Altmann-Loos.

Noch heute, so viele Jahre nach seinem Tode, im fernen Land, vergeht kein Tag, keine Stunde, da ich nicht an ihn denke.“ Die „Erziehung“, die Adolf Loos seiner jungen Frau Elsie Altmann angedeihen ließ, muss wohl nachhaltig genannt werden. Kein Wunder, sie war 16, Loos 30 Jahre älter, als sie 1917 eine Affäre begannen, die wenig später in eine Ehe mündete. Knapp neun Jahre lang hielt die mittlerweile berühmte Ausdruckstänzerin es an der Seite ihres „Vaters, Geliebten, Mannes“ aus, dann ließ sie sich scheiden. In den 1960er-Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen an ihn auf. Die Distanz war nur eine zeitliche, die Vergötterung trieft aus jeder Zeile.

1968 kamen diese Erinnerungen erstmals heraus, allerdings zensuriert. Zwei Kapitel fehlten: eines, das von Loos' Freundschaft mit „Freudenmädchen“ berichtet, das andere, das den Pädophilieprozess gegen ihn zum Thema hat. Fast unerträglich naiv verteidigt Altmann darin den Mann, der ihr detailliert vorschrieb, wie sie zu essen, sich zu kleiden, zu reisen, zu tanzen hatte.

In dieser von Adolf Opel herausgegebenen Neuauflage der Memoiren anlässlich des 80.Todestages von Loos am 23.August wird nun erstmals im Anhang das vollständige Gerichtsurteil von 1928 publiziert, bei dem der damals 57-Jährige von der Anklage der „vollbrachten Schändung“ dreier Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren frei, des „Verbrechens der Verführung zur Unzucht“ aber schuldig gesprochen wurde. Er hat die Kinder in seiner Wohnung nackt baden und für Zeichnungen in eindeutig sexuell interpretierbaren Stellungen posieren lassen. Laut Loos, um ihre Geschlechtsteile auf ihre „Unverderbtheit“ hin zu besichtigen. Er hat den Kindern versprochen, sie mittels eines Austauschprogramms nach Paris zu bringen.

Kleine Mädchen, Magengeschwüre

Du meine Güte, meinte Altmann, „wenn es kalt war, legte er sich mit ihnen auf die Couch und wärmte sein armes altes Herz an ihrer Jugend“. „Wem gefallen kleine Mädchen nicht? Sie sind wie kleine Katzen. Nur gefährlicher, weil sie Eltern haben.“ Diese seien überhaupt das wahre Übel gewesen, sie hätten Loos erpressen wollen. Indirekt sucht Altmann die Schuld sogar bei sich: „Ich wusste, er suchte mich in allen kleinen Mädchen. Er muss schrecklich einsam gewesen sein.“ Cherchez les femmes, natürlich. Das beginnt in diesem Heldenepos der modernen Architekturgeschichte schon bei der Mutter, die im ersten Kapitel dermaßen böse, böse, böse beschrieben wird, dass man als psychologisierte Leserin geneigt ist, die Wurzel jeglicher exzeptioneller Schrulle des Urvaters des medienaffinen Stararchitekten in seiner von Eiseskälte und Hass geprägten Kindheit zu suchen.

Die Kinderpornofotos, die die Polizei in Loos' Wohnung fand, waren laut Altmann übrigens ebenfalls nur der ungeheuren Loos-Güte verschuldet. Sie gehörten nicht Peter Altenberg, wie viele vermuteten. Sondern einem anderen Loos-Freund, Theodor Beer, dessen „Villa Karma“ er geplant hatte. Eine seltsame Ballung einschlägiger Interessen. Loos hatte sie verwahrt, bevor die Polizei den Wiener Physiologen auf Hinweis seiner Frau wegen Kindesmissbrauchs verhaftete. Er erschoss sich im Gefängnis. Was Loos seiner jungen Frau als „Warnung vor dem unglaublichen Vorgehen einer eifersüchtigen Frau“ mitgab. Es war der Ursprung seiner Magengeschwüre. Erinnert sich sein Elsili. ■

Elsie Altmann-Loos

Mein Leben mit Adolf Loos

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Adolf Opel. 304S., geb., €22,95 (Amalthea Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2013)

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