Und wie filmt man den Esel?

Im Interviewband „Haneke über Haneke“ steht Haneke Rede und Antwort über Hanekes gesamte Karriere. Eine launige Lektüre, bis hin zu Hanekes freimütigen Bekenntnissen über Hanekes jugendliche „Haschisch-Phase“. Viel Haneke also. Gut so.

Eines der beliebtesten Filmbücher ist der Interviewband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von François Truffaut, der im Original 1966 und auf Deutsch 1973 erschienen ist. In vieler Hinsicht ist es das definitive Kinomacherbuch: Der britische Master of Suspense doziert über sein Gesamtwerk, der ihn bewundernde französische Kollege fachsimpelt launig mit.

Zum Klassiker wurde das Buch auch wegen seines hohen Unterhaltungswerts: Die zwei Regisseure diskutieren formale Fragen nicht abgehoben, sondern allgemein verständlich. Das entspricht Hitchcocks Anliegen: Sein stilistisch ausgeklügeltes Kino sollte ja möglichst populär sein. Vor Truffaut träumt er davon, seine Suspense-Dramaturgie so weit zu perfektionieren, dass er auf Knopfdruck die gewünschte Reaktion im Publikum erzeugt. Das bringt einen zum wahren Schlüssel für den Erfolg des Bandes –den persönlichen Aspekt: Hitchcocks Kunst, filmische Ideen publikumswirksam zu vermitteln, seine thematischen Vorlieben und Sinn für Humor. Dieser prägte auch Hitchcocks Filme sowie seine sorgfältig in öffentlichen Auftritten kultivierte Persona – aber er wurde eben auch von der Privatperson Hitchcock gepflegt. So gab der Truffaut-Band dem Leser das Gefühl, die Essenz von Hitchcock auf ein paar hundert Seiten verdichtet zu bekommen.

Viele Filmbücher haben sich daran orientiert. Der Verlag Faber and Faber bot mit einer Serie von Karriere-Interviews superben Lesestoff für Cinephile: Von „Scorsese on Scorsese“ bis zu „Herzog on Herzog“ bewährte sich das Format, um internationale Filmgrößen persönlich wie künstlerisch einem breiteren Publikum näherzubringen. Natürlich mit einer gewissen Schwankungsbreite: Nicht alle Regisseure erzählen gleich gut – oder scheinen es überhaupt zu wollen.

Mit Spannung durfte man also „Haneke über Haneke“ entgegenblicken: Auf fast 400 Seiten steht Österreichs preisgekrönter Vorzeigeregisseur Rede und Antwort über sein Gesamtwerk. In Interviews zeigt sich MichaelHaneke ja durchaus redefreudig auf eine Art, die gar nicht dem von seinen strengen Filmen geprägten „Kinoprofessor“-Klischee entspricht. Doch zieht er stets klare Grenzen: Die Interpretation seiner Werke überlässt er Kritikern und Publikum. Niemals Erklärungen zu bewusst offengelassenen Fragen! Da würde jeder Hinweis die Komplexität des Films reduzieren, erklärt er auch den französischen Filmkritikern Michel Cieutat und Philippe Rouyer, die über 50 Stunden Gespräche mit ihm für das Buch eingedampft haben. Auch sie lässt Haneke öfter auflaufen: Zur Interpretation des unhörbaren Gesprächs der Kinder der Hauptfiguren am Ende seines Thrillers „Caché“ sagt Haneke: „Im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, worüber sich die beiden Jungen vor dem Schuleingang unterhalten!“ Um doch nichts zu verraten: „Das wäre kontraproduktiv.“

Doch natürlich verrät Haneke so einiges im Verlauf der flott zu lesenden Gespräche, bei denen ein intelligenter Plauderton dominiert, dem weder die langwierige Entstehung noch die penible Nachredaktion – auch bei der Übersetzung aus dem Französischen – anzumerken ist. Gerade die ersten Kapitel über Hanekes Jugend und Frühwerk verblüffen und erheitern immer wieder: Der sonst autobiografischen Exkursen eher abholde Regisseur erzählt etwa freimütig von seinen gescheiterten Komponistenambitionen und seiner Haschischphase als Jugendlicher, in der er „vorwiegend Pink Floyd“ gehört hat. Bei allem anekdotischen Vergnügen sind solche Bekenntnisse stets in größereDebatten eingebettet, die Hanekes Werk und Vorlieben beleuchten. Beim Thema Musik gibt er weiters zu: „Ich weiß, wer Michael Jackson ist. Aber ich kenne seine Musik nicht.“ Oder würdigt Bachs Kompositionen als „eine Welt, die Teil des Göttlichen ist“. Egal, wie göttlich – in Filmen verwendet sie Haneke nur nach seinen strikten Prinzipien: „Musik dient im Allgemeinen dazu, Fehler der Inszenierung zu vertuschen. Ich sehe es als Zeichen der Aufrichtigkeit, wenn man nicht zu dieser Krücke greift.“ Aufrichtigkeit ist überhaupt eine Stärke dieses Buchs: Haneke stellt zwar klar, wozu er nichts sagt – aber erzählt sonst unbefangen. So schlüpft manches heraus, was vielleicht mehr über seine Ästhetik erzählt, als er es direkt tun würde. Bei der Diskussion seiner Theaterarbeit bewundert Haneke Friedrich Hebbels Drama „Maria Magdalena“, bei dem gelungen sei, „jedes Mauseloch zu stopfen, das den Figuren die Flucht erlaubt“. Oder der im Gespräch über „Bennys Video“ hingeworfeneSatz „Bilder sind vergleichsweise banal“. Große Bildern haben Haneke als Inszenator schließlich nie interessiert.

Bekannter sind andere Exkurse: zur Dominanz der Medien, ihrer Brechtschen Darstellung oder der „Verdinglichung des Lebens“, auch Teile der Diskussion des gefeierten Spätwerks. Das ist dem Erfolg und der ironischerweise einhergehenden Medienpräsenz des Medienkritikers Haneke geschuldet. Zugleich sind diese Erläuterungen seines spezifischen Zugangs ganz in der Tradition des Hitchcock-Buchs: persönliche Lösung von filmischen Aufgabenstellungen. Und Hitchcock ist eines von Hanekes Idolen, wie Robert Bresson oder Andrej Tarkowskij in seinen im Band debattierten Top Ten. Da überrascht Haneke doch wieder: Es tue ihm leid, „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht auf seine Liste gesetzt zu haben.

So erfüllt „Haneke über Haneke“ im Absehbaren wie im Unerwarteten recht unterhaltsam den Anspruch, eine Essenz von Haneke eingefangen zu haben. Noch interessanter ist ein wohl unbewusster Aspekt, der über Hanekes Person hinausgeht: die Lage des (österreichischen) Kinos. Alle international gefeierten heimischen Regisseure sind nicht mehr die Jüngsten. Der 71-Jährige gab sein Spätzünderkinodebüt 1989 mit „Der siebente Kontinent“. Er konnte sich noch Fehler und Flops in den Lehrjahren erlauben, die erst den Weg zum Weltruhm einleiteten; heute wäre das nicht mehr möglich, meint Haneke. Und verweist auf seine umfangreiche TV-Arbeit, die er 1974 im Zeichen eines Bildungsauftrags begonnen hat, den er selbst noch hochhält, der im Fernsehen und Kino aber längst aus Quotenhörigkeit eliminiert wurde.

Haneke ist in sein „Filmparadies“ Frankreich entkommen – kein Wunder, dass dieses Buch französischen Ursprungs ist. Und ein Erbe bewahrt, das hierzulande sträflich vernachlässigt bleibt, weil alte Fernsehspiele nicht in das Quotendenken passen. Darunter sind einige von Hanekes besten Arbeiten, die wenigstens auf diesen Seiten wieder lebendig werden, weil sie – wohl wegen des größeren Abstands – fast ohne Hanekes übliche Schranken diskutiert werden. So erfährt man, dass er „Fraulein“ (1986) nur aus Ärger über Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ gedreht hat, und bekommt anhand seiner meisterhaften TV-Adaption von Joseph Roths „Die Rebellion“ (1993) Hanekes Gestaltungsprinzipien an einem ungewöhnlichen Subjekt erläutert: einem Esel. ■

Michael Haneke, Michel Cieutat
Haneke über Haneke

Gespräche mit Michel Cieutat und Philippe Rouyer. Aus dem Französischen von Marcus Seibert. 416S., geb., €39,10 (Alexander Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2013)