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Hütten in Bergnot

Huetten Bergnot
Huetten Bergnot(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Urige Berghütten ohne Strom und Wasser, das war einmal. Heute klagen Hüttenwirte über Auflagen, Investitionskosten und Geldnot durch gestrichene Förderungen.

Sieben Jahre ohne Strom. Nur mit einem Holzofen, mit Petroleumlampen, einem Plumpsklo, mit Wasser aus der Zisterne zum Waschen und aus Kanistern zum Kochen. Fast schwärmt Andreas Blumauer am Küchentisch der Enzianhütte – heute läuft dort das Radio, daneben steht ein Laptop, von dem aus Fotos auf die Facebook- oder die Website der Hütte gestellt werden – von den Anfängen als Hüttenwirt auf dem niederösterreichischen Kieneck.

Vor vier Jahren war es damit vorbei. Seit 2009 führt eine Stromleitung zur Hütte auf 1107 Metern in den Gutensteiner Alpen, das Wasser wird aus dem Tal hochgepumpt, „bedenke, dass alles, was du mir anvertraust, durch einen Schlund muss, der nur fünf Zentimeter Durchmesser hat, aber 3600 Meter lang ist“ – steht als Hinweis auf das Abwassersystem an der Toilettentür. „Heute sind die Vorschriften so streng, ohne technischen Umbau hätten wir sie nicht einhalten können“, sagt Blumauer.

Die Auflagen werden strenger, das Leben als Hüttenwirt – die Instandhaltung, die Ausstattung, die Rohstoffe – wird teurer. Weil die Förderungen für die 475 heimischen Schutzhütten und die 50.000 Kilometer Wege zuletzt gekürzt wurden, fürchten die alpinen Vereine nun, die Infrastruktur in den Bergen sei in Gefahr. Hütten und Wege könnten nicht mehr erhalten werden. Der Verband Alpiner Vereine Österreichs, zu dem sich Alpenverein, Naturfreunde, Österreichischer Touristenklub und kleinere Vereine zusammengetan haben, fordert eine Erhöhung der Förderungen von 1,5 auf vier Mio. Euro jährlich und hat dazu die Petition „Pro Hütten und Wege“ initiiert.

Hütten kommen in die Jahre. „Unterschreibt's ma des?“, fragt Andreas Blumauer, legt den zwei Wanderern, die sich in seiner Gaststube bei einem Bier vom Zweistundenaufstieg ausrasten, einen dicken A4-Band mit Unterschriftenlisten vor und erklärt kurz, worum es geht. An der Wand der Hütte hängen nun Plakate, die eine Hütte, zur Hälfte schon über einem Abgrund, gesichert nur durch Seil und Karabiner, zeigen.

„Das Problem ist: Das Erhalten der Wege wird durch die klimatischen Bedingungen, durch das Schmelzen der Gletscher und das Auftauen der Permafrostböden, immer aufwendiger. Unsere Hütten kommen in die Jahre, die meisten sind mehr als 100 Jahre alt. Dazu kommen behördliche Auflagen zum Brandschutz, zur Hygiene oder zum Gewerberecht“, sagt Peter Kapelari, Leiter des Referats für Hütten und Wege im Alpenverein. „Zugleich wurde die Förderung 20 Jahre nicht angepasst, in den vergangenen vier Jahren dreimal gekürzt.“ Früher, sagt er, seien Schutzhütten je zu einem Drittel durch Förderungen, durch den Umsatz und durch den Verein finanziert worden. Aktuell liege der Anteil der Förderungen bei weniger als 20 Prozent.

„Heute“, sagt Blumauer, zeigt die Hütte, erklärt das Abwassersystem, die Klär- und die Fotovoltaikanlage, „wäre es kaum mehr möglich, den Umbau zu finanzieren.“ Schließlich wurden auch Fassade und Zimmer der 116 Jahre alten Hütte, die er seit zehn Jahren mit seiner Frau, im Sommer auch mit angestellten Mitarbeitern und freiwilligen Helfern vom Alpenverein betreibt, in den vergangenen Jahren renoviert.

Teure Schachteln als Lebensretter. Der Standard der 475 Schutzhütten ist höher geworden. Die Hütten gehören in der Regel den alpinen Vereinen, werden aber von Pächtern wie Gerlinde und Andreas Blumauer betrieben. 236 Hütten gehören den Sektionen des Alpenvereins, 160 zählen zu den Naturfreunden, 70 werden von Mitgliedern des Touristenklubs betrieben, der Rest von kleinen Vereinen. Der überwiegende Teil sind klassische Schutzhütten, sagt Kapelari, also solche mit Hüttenwirt, Gaststube und Zimmerlager. Und mit der Pflicht, jedem Wanderer, auch wenn die Matratzen eigentlich schon belegt sind, Schutz zu gewähren. Dazu kommen einzelne Selbstversorgerhütten und sogenannte Biwakschachteln im hochalpinen Gebiet, also unbewirtschaftete Fertigteil-Mini-Unterkünfte, die für Kletterer oder für Bergretter oft lebensrettend sind. Allerdings, solche zu errichten ist teuer – und sie bringen keinen Umsatz.

Wiewohl das Leben in den Bergen auch in niedrigeren Lagen nicht billig ist. Eine WC-Spülung koste bis zu fünf Euro, eine Kilowattstunde Strom bis zu vier Euro, die Baukosten im Gebirge sind bis zu 2,5-mal höher als im Tal, rechnet Peter Kapelari vor. Der Alpenverein investiert etwa acht Mio. Euro jährlich in die Infrastruktur, jedes Mitglied zahle dafür neun Euro pro Jahr.


Alle zehn Stunden eine Hütte. Grundsätzlich sind die Alpen gut erschlossen. Steigt man durch die Berge, könne man damit rechnen, je nach Region beziehungsweise Höhe, alle fünf bis maximal zehn Stunden Gehzeit eine Hütte zu erreichen. „Man muss die Hütten als Netz sehen, in dem alle voneinander abhängen“, sagt Kapelari. „Fällt eine weg, bekommt das Netz Laufmaschen.“ Schließen Hütten, würden früher oder später auch die Wege dorthin verfallen.

Einige Hütten sind bereits weggefallen. Hütten in Skigebieten oder an öffentlichen Straßen, die verkauft wurden, weil sie nicht mehr zum Schutz notwendig seien. Oder etwa die Leobner Hütte, deren nötiger Neubau am Geldmangel gescheitert ist. Oder die Hofmannshütte unterhalb des Großglockners, die, weil völlig morsch, 2006 geschlossen wurde. Für den geplanten Neubau fehlen drei Mio. Euro. Bei einigen Hütten erwäge der Alpenverein auch, sie zu Selbstversorgerhütten zurückzubauen oder zu verkaufen.

Alte, urige Hütten ohne Strom als bewirtschaftete Schutzhütten zu betreiben, sei schließlich nur mehr in Ausnahmefällen mit Sondergenehmigungen möglich. Stromversorgung brauche man allein zur Trinkwasseraufbereitung mittels UV-Entkeimung, für beleuchtete Fluchtwegschilder oder für Brandmeldeanlagen. Dazu kommen hygienische Auflagen: Geschirrspüler, desinfizierbare Flächen in Küchen und so weiter. „Dass eine Gastroküche aus Nirostastahl sein muss, ist im Tal ja sinnvoll. Im Ötztal, auf 3000 Metern, tanzen bei einem Gewitter dann aber die Messer, da kannst du nicht in die Küche gehen, so stark ist die statische Ladung“, kritisiert Kapelari. Auch, dass Türen nach außen zu öffnen sein müssen, sei bei meterhohen Schneeverwehungen wenig sinnvoll. Seit zehn, 15 Jahren beobachte er, dass Auflagen strenger werden. Seit der Brandkatastrophe in der Gletscherbahn Kaprun (2000) oder dem Bootsunfall in der Seegrotte Hinterbrühl (2004) seien die Spielräume geschrumpft, Beamte und Gutachter extrem vorsichtig.

Haftungsfragen sind es auch, die den Erhalt der Wege schwieriger machen. Schließlich sind ehrenamtliche Wegewarte der Alpenvereinssektionen für die Wege zuständig, mit Vereinsmitgliedern schneiden sie diese aus oder erneuern Markierungen. Für schwierige Arbeiten im hochalpinen Raum werden Firmen engagiert. Die Verantwortung aber hat der Vorstand der jeweiligen Sektion. Und diese Vorstände, erzählt Kapelari, mussten sich in den vergangenen Jahren zunehmend nach Unfällen in strafrechtlichen Verhandlungen verantworten, wenn Fragen der Fahrlässigkeit laut wurden. Er spricht von einer „Amerikanisierung. Auch, wenn bisher jedes Gericht auf die Eigenverantwortlichkeit der Bergsteiger hingewiesen hat.“ Aber, drohende Klagen führen dazu, dass es schwieriger sei, Mitglieder zu finden, die Verantwortung übernehmen wollen. Obwohl die Zahl der Mitglieder der alpinen Vereine zuletzt auf 600.000 gestiegen ist. 32.000 davon kümmern sich als Funktionäre um die Infrastruktur. Trotzdem, einzelne Stimmen warnen schon, schlecht gewartete Wege seien mit ein Grund für die hohe Zahl der Alpinunfälle. Das weisen die Vereine zurück, diese lägen viel mehr an den oft ungeübten Bergsteigern oder Kletterern, die ausgedehnte, schlecht geplante Touren unternehmen.


Idyll trotz harter Arbeit. Auch die Situation der Hüttenwirte würde die steigende Zahl an Gästen nicht, wie man annehmen möchte, entlasten. „Ein paar haben gut verdient“, sagt Kapelari. Aber das Geschäft hänge vom Wetter ab, die Kernsaison dauere vielleicht 100 Tage und die Arbeitsbelastung sei groß. Der Hüttenwirt als Gastwirt, Bergretter, Psychologe und Techniker zugleich, der sich – vom Frühstück bis zur Wasseraufbereitung – um alles kümmern müsse. Auch Blumauer erzählt von 16-Stunden-Tagen, von Anfang März bis Ende November. Den Winter verbringen die Wirtsleute großteils im Tal.

Klingt nicht nach dem puren Idyll auf dem Berg, die sich Städter in Aussteigerträumen ausmalen. „Doch, schon“, so Blumauer. Er, sagt er, möchte nichts anderes mehr machen, nachdem er zuvor als Mechaniker, für eine Versicherung oder als Betreiber einer Pension gearbeitet hat. „Dauerhaft unten zu bleiben, das wäre mittlerweile schwierig. Ich suche immer wieder die Höhe.“ Und er hätte sich schnell ans Leben auf dem Berg gewöhnt. Und an das ohne Strom. Dass der fehle, sagt er, falle einem nämlich recht schnell nicht mehr auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2013)