Ratloses Staunen vor wüsten Sittenbildern, belebt von einem in der Jelinek-Aura gefangenen Ensemble.
Nach zwei Stunden Sprachgewalt und inszenierter Gewalt hatte man bei dieser Uraufführung am Freitagabend im Wiener Akademietheater den Eindruck, dass dieses Stück von Elfriede Jelinek etwas schlüpfrig geraten war. Nachdem alles gesagt worden und herausgebrüllt worden war von allen, nachdem die frechen Da-Capo-Rufe Apolls - Muttergottes sei dank! - unbefolgt blieben und als das Premieren-Publikum die zehn Schauspieler heftig beklatschte, gerieten diese in akute Rutschgefahr. Sie waren von Theaterblut besudelt, die Bühne (Katrin Nottrodt) troff von allerlei Sekreten, in den Ohren der Geschändeten pochte das Blut.Einen Augenblick lang glaubte man, jetzt würde dem Bürger vom spitzen Kopfe der Hut fliegen, jetzt würde die Bühne gestürmt und alle, vom Stadtrat bis zum Nationalratspräsidenten würden sich dort im dionysischen Rausch wälzen. Jetzt hätte man mit der Diskussion über das Unrecht beginnen müssen, mit der globalen Systemkritik, mit der Zerstörung von Heldenplatz-Mythen oder zumindest mit einer Theater-Debatte - aber, hey, Baby!, wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Das bisschen Bush-Kritik und Gotteslästerung, das blasse Fleisch der Mimen und die seltenen Schein-Orgasmen regen niemanden mehr auf.
Dabei hat Jelinek einen aufregenden Text geliefert, aus dem Regisseur Stemann ganz offenbar ein paar Filetstücke herausgerissen und geschickt verwertet hat. Man spürt, er ist stolz auf das frisch gebackene Nobelpreisträgerkind, das ganze Ensemble ist irgendwie von der Aura der poeta laureata gefangen. Das muss doch was werden, wenn prachtvoll anzuschauende Künstler wie Philipp Hauß, Markus Hering und Philipp Hochmair (die Söhne), wenn hübsche Ohrenbläserinnen wie Myriam Schröder (die Soldatin) die Sau rauslassen, assistiert von den grausam exakt spielenden Eltern Barbara Petritsch und Rudolf Melichar.
Muss es das? Ein Problem dieser Inszenierung ist, dass Jelinek ein moralisches Stück in der Tradition Büchners geschrieben hat und Stemann ein wenig in Versuchung gerät, gar laszive Spielchen mit dieser Moral zu treiben. Jelinek erzählt episch ausufernd von der Unmoral der Moral, und dann wird ein Stückerl über ein böses Mädchen daraus. Ein Fest für kritische Voyeure.
Dabei beginnt alles so elegant und streng. Der Vorhang bleibt während eines eindrucksvollen Monologs von Hering geschlossen, auch noch in einer langen Szene mit Frosch-Marionetten (Puppenspiel: Angelika Höckner, Hanna Hollmann), die sich als Kannibalen herausstellen. Erst nach einer halben Stunde geht der Vorhang hoch, für eine amerikanische Sitcom, für die Familie Jelinek. Mama und Papa und die Kinder vor der Blümchen-Tapete, an der Wand das Kruzifix, von Blumenvasen am Sims gesäumt. Man spricht metapherngeladen über Sex, Religion und Krieg, aus dem Off kommt inszeniertes Gelächter. Homerisches Gelächter, Jelineks Dichterhohn, gerade recht für die Schrecken des Krieges. Die Eltern opfern die Kinder, die kommen in den Ofen, Osama bin Laden und Omar (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) huschen über die Bühne, sie geben die musikalische Begleitung für das folgende Inferno.
Denn nun ist man in den Kerkern Babels, in den Käfigen Guantanamos oder in den Verliesen des Vatikan - die Mutter frisst ihre Kinder, auf Bildschirmen sieht man Gefolterte, leise quält auch eine Schnulze. Was aber ist Ernst, was ein Lustspiel über Nacktheit und Scham? Die Söhne präsentieren ihre Körper ("Es sieht ja lustig aus"), sind so gut ausgeleuchtet, dass der Abonnent nun definitiv weiß, wie der Hausshochmairhering bestückt ist, die Soldatin zeigt ihre Gelenkigkeit und Modulationsfähigkeit, das asiatische Mädchen (Sachiko Hara) führt in die Kunst des Kannibalismus ein. Sanfte Musik, drastische Sprache. Längst ist das Stück, nach mehr als einer Stunde, zur Show zerflossen. Hermann Scheidleder spielt den fetten Amerikaner, der "ganz leicht, mit Doppelklick" das Geschehen bestimmt, der sich im Finale als furioser, gehäuteter Rapper herausstellt, assistiert von der Bin-Laden-Band.
Die verbale Aggression nimmt zu, die Bilder werden drastischer, die Buben williger. Für Abgebrühte vielleicht zum Lachen: eine George-Bush-Puppe hängt am Kreuz. Einer stöhnt: "Mama, warum hast du mich verlassen?" Die Mutter kommt im Tschador auf die Bühne: "Ich möchte am liebsten ein Mann sein und homosexuell." Nach zwei Stunden Blickzwang werden die Zuschauer mit starken Scheinwerfern geblendet, Apoll, geil auf Haut, droht, wie gesagt, mit Neuanfang, als wäre er Beckett. Das wäre ein wenig viel Wiederholungszwang bei dieser Sado-Maso-Sünder-Dolorosa. Wir betteln um Absolution. Könnte es sein, dass Stemann uns an der Leine geführt hat, uns arme Schweine in der Herde der hehren Dichterin mit den verführerischen Flötentönen? Etwas mehr Aufklärung könnte nicht schaden bei diesen wüsten Sittenbildern.