"Totes Tier": Chinas Aktien als Verlustbringer

Finanzdistrikt von Shanghai.
Finanzdistrikt von Shanghai.(c) Reuters (Carlos Barria)
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Der Shanghai Composite Index hat seit seinem Hoch im Jahr 2009 rund 43 Prozent verloren. 748 Milliarden Dollar an Marktwert wurden vernichtet.

Vier Jahre nachdem Chinas Wachstum der Weltwirtschaft geholfen hat, die Rezession abzuschütteln, hat der Aktienmarkt des Landes den Investoren die weltweit größten Verluste eingebracht. Der Shanghai Composite Index, der sich in den zehn Monaten bis Ende 2009 verdoppelte, als die chinesische Regierung die Konjunktur mit Infrastrukturinvestitionen von 652 Milliarden Dollar stützte, hat seit seinem Hoch 43 Prozent verloren. Damit wurden 748 Milliarden Dollar an Marktwert vernichtet. Nur der griechische ASE Index hat prozentual mehr eingebüßt.

Dagegen hat das US-Börsenbarometer, der Standard & Poor’s 500 Index, alle Verluste der Rezession aufgeholt und seit dem chinesischen Aktienhoch 68 Prozent zugelegt, auf einen Rekordwert im Juli.

Schwächstes Wachstum seit 1990

China sah 2009 unschlagbar aus, das Land hatte Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt überholt und verzeichnete im ersten Quartal ein Wachstum von sechs Prozent, während die Volkswirtschaft der USA um vier Prozent schrumpfte.
Mark Mobius, Executive Chairman der Templeton Emerging Markets Group, sagte im Juli 2009, der chinesische Aktienmarkt könne innerhalb von drei Jahren größer sein als der US-amerikanische.

Jetzt steht China vor dem schwächsten Wachstum seit 1990 und die Regierung ordnete bei über 1400 Betrieben in 19 Branchen die Stilllegung von Überkapazitäten an. Ministerpräsident Li Keqiang versucht China wirtschaftlich umzubauen: von einer vom Export und einem geregelten Wechselkurs abhängigen Volkswirtschaft hin zu einer auf Konsum und Dienstleistungen basierenden Wirtschaft.

Aktienmarkt ist ein "totes Tier"

Chinesische Unternehmen sind im Juni erstmals seit 2006 aus der Liste der weltweit zehn größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung herausgefallen. Der Aktienmarkt des Landes sei wie ein “totes Tier” sagte Carter Worth, Chef- Markttechniker bei Oppenheimer & Co. in New York in einem Telefoninterview mit Bloomberg News. Er hatte das Ende der Rally im Shanghai Composite bereits am 4. August 2009 auf dem Höhepunkt des Booms vorausgesagt. Jetzt habe der Index zwar nicht das Abwärtspotenzial wie vor vier Jahren, aber die Wahrscheinlichkeit von Gewinnen sei gering, so Worth.

In diesem Jahr hat der Shanghai Composite, der in China gelistete Aktien umfasst, die für inländische und qualifizierte ausländische Investoren zugängig sind, zwölf Prozent verloren.

"Von einem Extrem ins andere"

Am Montag legte der Index gut ein Prozent zu. Die Regierung hat versprochen, das Wachstum zu stabilisieren und gleichzeitig die Wirtschaftsreformen weiter voran zu treiben. Die Aktien im Shanghai Composite werden mit dem 10,7-fachen der berichteten Gewinne bewertet - 2009 auf dem Höhepunkt der Kursrally war es das 29-fache.

“Die Stimmung gegenüber China kann von einem Extrem ins andere umspringen”, sagt Gigi Chan, Vermögensverwalterin bei Threadneedle Asset Management in Singapur. “Die Begeisterung der Investoren war groß, sie haben die hohen Wachstumsraten bis weit in die Zukunft extrapoliert. Aber es ist anders gekommen”.

Nichts für Investoren "mit schwachem Herz"

In den vergangenen 20 Jahren haben ausländische Investoren jährlich weniger als 1,5 Prozent mit chinesischen Aktien verdient, ein Drittel dessen, was US-Staatsanleihen eingebracht haben. Die chinesischen Aktien seien nichts für Investoren “mit schwachem Herz”, sagt Wellian Wiranto, Investmentstratege in der Vermögensverwaltung von Barclays Capital in Singapur.

Das neue Wirtschaftsmodell der Regierung lässt die Unternehmen mit den schwersten Gewichtungen im Shanghai Composite zurückfallen. Indizes für Rohstoffproduzenten, Versorger und Industrieunternehmen kommen seit dem 4. August
2009 auf Verluste von 45 Prozent. Die Branchen machen die Hälfte des Shanghai Composite aus.

"Es gibt wenig Auswahl"

Aktien von China State Construction Engineering Corp., dem größten Wohnbaukonzern, haben seit dem Börsengang im Juli 2009 24 Prozent verloren. Bei dem IPO hatten Investoren für 1,85 Billionen Yuan (227 Mrd. Euro) Aktien gezeichnet. Das entsprach damals mehr als der gesamten Marktkapitalisierung in Norwegen.

In den vergangenen vier Jahren besonders gefragt waren Aktien aus den Branchen Gesundheit, Konsum und Technologie, auf die 19 Prozent im Shanghai-Composite entfallen. Ein Mangel an Aktien, die von der neuen Fokussierung der Regierung auf den Dienstleistungssektor profitieren dürften, habe diese teuer werden lassen, sagt die Chefstrategin für China bei Goldman Sachs, Helen Zhu. “Es gibt wenig Auswahl”, so Zhu in einem Interview mit Bloomberg News in Hongkong.

Chinas Wachstum wird sich mäßigen

Die Kursverluste am Aktienmarkt beeinträchtigen die Bemühungen der Regierung, die Konjunktur zu stärken. Unternehmen haben keinen Zugang zur Finanzierung über einen Börsengang, inländische Investoren schichten Anlagegelder von Aktien in den spekulativen Immobilienmarkt oder in wenig regulierte Vermögensverwaltungs-Produkte um. Um eine Flut neuer Aktien zu verhindern, hat die Börsenaufsicht seit Oktober neue Börsengänge ausgesetzt. Mehr als 700 Unternehmen warten auf die Möglichkeit, neues Kapital zu beschaffen, darunter Shaanxi Coal & Chemical Industry Group Co. und China Postal Express & Logistics Co., wie aus Daten von Bloomberg hervorgeht.

“Praktisch jede makroökonomische Analyse zeigt, das sich das chinesische Wachstum mäßigen wird”, schrieb Kenneth Rogoff, Volkswirtschafsprofessor an der Harvard University und früher beim Internationalen Währungsfonds und bei der US-Notenbank, in einer E-Mail. Chinas Wachstum hat sich in den drei Monaten bis Ende Juni das zweite Quartal in Folge auf 7,5 Prozent abgeschwächt. Das ist die längste Phase mit einer Expansion von weniger als acht Prozent seit mindestens zwei Jahrzehnten.

Eine "Blase"?

“Die Volkswirtschaft steht nicht so toll da”, sagt Wang Sheng, Chefstratege bei Shenyin & Wanguo Securities Co. in Schanghai in einem Telefoninterview mit Bloomberg News. Seine Firma warnte die Investoren im August 2009 vor einer “Blase” bei den chinesischen Aktien. “Die Transformation bringt viele Ungewissheiten mit sich und die Investoren müssen das volle Ausmaß der Leiden erst noch begreifen.”

Investor Mobius ist indes immer noch optimistisch. “Der zeitliche Rahmen dürfte sich etwas verlängern, aber letztendlich glaube ich, dass Chinas Aktienmarkt den US-amerikanischen überholen wird”, sagte Mobius in einem Interview mit Bloomberg News in Bangkok. “Wir investieren weiterhin mehr in China.”

(Bloomberg)

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