Samuel Becketts "Warten auf Godot" in Klagenfurt: ein visueller und dramaturgischer "Volltreffer".
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inst stürzten sich Interpretatoren gierig auf jeden vermeintlich meta physischen Krümel in Becketts Stü cken wie Estragon in "Warten auf Godot" auf den abgenagten Hühnerknochen. Seit aber jede Menge "unnützer" ideologischer "Ballast" über Bord geworfen ist, lässt sich auch "Warten auf Godot" leichter nehmen. Beckett schrieb sein Stück 1949, wie er sagte, "um sich zu entspannen". Und ebenso führt der Berliner Regisseur Frank Asmus in Klagenfurt Regie: entspannt und - gerade deswegen - spannend, weil ohne Endlospausen und quälende Dehnübungen. Als kurzweiliges Clown-Stück ist das Werk zurzeit auch im Münchner Residenztheater zu sehen. Wladimir und Estragon langweilen sich ja auch ganz anders als Tschechows Helden. Zwar warten sie auf einen Herrn, der vielleicht nie kommen wird, aber sie sind Meister im Zeitvertreib; sie verspielen das Warten, das Leben.
Das kommt in Klagenfurt ganz klassisch daher, ohne Mätzchen, mit den kärglichen Original-Accessoires und ausgezeichnet gespielt. Sehr nett, könnte man resümieren, aber nicht allzu ideenreich - wäre da nicht die Rauminstallation des Regisseurs und Bühnenausstatters Alexander Arotin. Sie macht aus einer guten Aufführung einen optischen und dramaturgischen Volltreffer.
Arotin hat die "Landstraße", auf der Wladimir und Estragon auf den ominösen Herrn Godot warten, in die Vertikale versetzt: Eigentlich ist es eine Steilwand aus Stufen, die aber dank Computer-Projektionen immer wieder den Eindruck einer Mauer erweckt. Sie reduziert den "Raum" der beiden Helden Wladimir und Estragon auf eine Fläche ohne Tiefendimension. Der Mittelstreifen einer Straße zieht sich darauf in unaufhörlicher langsamer Bewegung von rechts nach links - ohne Richtung, ohne Perspektive: Projektionsfläche für beliebig verfügbare, aber nur Illusionen vermittelnde Bilder. Kein Ort, nirgends: Arotin ist es gelungen, den zeitlosen "Un-Ort", den Becketts Figuren bewohnen, für den Zuschauer sichtbar zu machen.
Zugleich ist seine Installation von dramaturgischer Raffinesse, indem sie paradoxerweise jede Menge Bewegung in die Aufführung bringt: Wladimir und Estragon vertreiben sich (und dem Zuschauer) die Zeit nicht nur mit Gehen, Stehen, Liegen und Sitzen, sondern auch mit Stufensteigen und Hüpfen. Hans Christian Rudolph und Sebastian Mirow als Wladimir und Estragon, "Didi" und "Gogo", Dick und Doof tun das auch ausgiebig, wenn sie nicht gerade Schuhe aus- und anziehen, Hüte auf- und absetzen, sprachliche Ballspiele betreiben oder streiten und sich versöhnen: ziel- und zwecklos, wie Clowns, über die man lacht, wenn sie über unsichtbare Stiegen stolpern.
Rudolph mimt dabei großartig als melancholisch-philosophischer Wladimir den beschützenden Älteren, Mirow ist die erfrischende Ergänzung in diesem Gespann. Sein zappeliger Estragon mit viel zu langen Hosenbeinen, mit Schuh, Charme und Melone, wirkt rührend verloren, wenn ihm etwa plötzlich einfällt: "Ich bin unglücklich. Im Ernst. Ich habe es vergessen."
In diese leichtfüßige Regie passt sogar Karl Merkatz als genüsslich peitschenschlagend tyrannischer Gutsbesitzer oder Zirkusdirektor Pozzo. Philipp Sebastians Lucky bringt als außer Rand und Band geratene Denkmaschine einen der wenigen unheimlichen Momente in die Aufführung. Das fehlt hier ein wenig: Meist sind die Abgründe kleine Spalten, die von den Figuren flugs übersprungen werden. Aber vielleicht ist das nur zeitgemäß: Auch Becketts Helden scheinen der modernen Aufgabe der "Freizeitgestaltung" mittlerweile schon besser gewachsen zu sein.
Was außerdem noch fehlt: Wirklich neue Fragen zu Becketts Stück - die sucht man in Klagenfurt vergeblich. Aber man hat dem Publikum auch nicht den Blick auf die alten verstellt - und das ist schon eine Leistung.