Jelinek: "Sie sind ja ein Tier, Herr Prinz!"

Volkstheater. Jelineks sprachverspielte "Prinzessinnendramen" werden vom Ensemble begeisternd dargeboten.

Emmy Werners Stimme aus dem Off; die scheidende Direktorin des Volks theaters zitiert den schrecklichen Uranos-Mythos, die blutige Mär vom Kinder-Verzehrer. Zur Bestätigung werden auf der in blaues Licht getauchten Bühne griechische Buchstaben auf einen riesigen Ringordner projiziert. "Hesiod. Theogonie" steht ganz oben drauf. Eine Göttergeburt also. Das muss ironisch gemeint sein, denn die Götter sind hier tot und den Göttinnen geht es auch nicht gerade prächtig. Dann bewegt sich was, der Ordner wird zur Wand, zum Haus, auf treten die putzig gekleideten Frauen Sylvia (Babett Arens) und Inge (Vera Borek). Sie weiden mit bloßen Händen einen Bock aus.

So archaisch und grandios beginnen Jelineks "Prinzessinnendramen", am Sonntag erstmals in Wien aufgeführt. Genauer gesagt handelt es sich um die Dramen eins bis drei, eingebettet in "Die Wand" eins bis vier, Minidramen, die einem die Wahl der Lieblings-Prinzessin schwer machen: Erni Mangold als eitles Schneewittchen, Julia Cencig als frisch erwecktes und hurtig missbrauchtes Dornröschen, Jaschka Lämmert, Arens und Cencig als schräges Rosamunde-Trio.

Die Herren haben da nicht viel zu vermelden, dem Jäger (Michael Rastl) verschlägt es gar die Sprache, eine Souffleuse springt ein, der Prinz (Christoph von Friedl) manipuliert geschickter mit der Videokamera als mit der Partnerin, und der köstliche Fulvio (Rainer Frieb) säuft, von den drei Grazien gefordert, fast in der Badewanne ab.

Aber die Männer kann man beiseite lassen wie ausgeweidetes Vieh in diesem starken Frauenstück. Es ist auch nicht wesentlich, dass sich Regisseur Alexander Kubelka, der zudem die Bühne (mit schmucken Wandzeichnungen nach Adolf Frohner) gestaltet hat, brav an den Text hält und das Orgiastische beinahe bieder administriert. Es sind die Schauspielerinnen, die diese ungeheuren Texte zu einem Erlebnis machen. Frau Mangold kämmt ihr goldenes Haar: "Für die Zwerge werde ich mich gern hinlegen, damit die auch ihre Ego-Erfahrungen machen können", sagt sie in einem bitterböse vorgetragenen Monolog. Sie hat den Titania-Kampf gegen die Stiefmutter gewonnen und wird dann doch vom Jäger kalt gemacht. Die Zwerge kommen zu spät, als Einspielung eines Comic-Videos an der Wand. Das Schöne könne ohnehin keine Berge versetzen, meinen sie läppisch blöd.

Frau Cencig ist nach hundert Jahren Schlaf von einer ansteckenden Frische. Gelenkig turnt sie sich durch ihren Akt, gibt eine fabelhafte Vorstellung, verheddert sich nicht in der von Existenzphilosophie getränkten Sprache. "Sie sind ja ein Tier, Herr Prinz! Ich hingegen glaube, ich bin ein Ereignis, weil ich mich ereigne, nicht weil ich mir was anziehe", sagt Dornröschen. Da ist ihr Bespringer schon ganz atemlos.

Weniger überzeugend wirkt der Rosamunde-Akt mit seiner rhythmischen, von eitler Werbung durchzogenen Sprache, die von Lämmert, Arens und Cencig wie ein einschläfernder Sprechgesang vorgetragen wird, ein schwesterliches Klagelied: "Ungeheuer! O meine Mutter, vergib mir! O mein Schreiben vergib mir!", tönt es da von der Bühne, während sich Fulvio unter Aufbietung ziemlich blanker Verse entblößt. Rosamunde endet wie im Off: "Meine Stimme. Meine Stimme. Meine Stimme. Meine Stimme. Sagt nichts."

Das ist schon recht ephemeres Geleier, die einzige Schwäche an einem sonst so starken Abend, das Pathos will nicht bewegen. Umso besser, dass Arens und Borek solch amüsante Zwischenspiele geben. Sie sind die Königinnen dieser Klassefrauen, sie weiden ihre Lämmer gründlich aus, sie wissen, dass der Ozean einer ist, der tötet und dann die Toten verschlingt. Sie haben keine Illusionen über Papi: "Wir wollen von jemandem verschlungen werden, aber so, dass man uns danach noch sieht. Dass man uns sogar noch viel mehr sieht als zuvor, bevor wir vernascht wurden", sagt Sylvia. Das genügt ihnen schon. Solch edle Töchter braucht das Land.


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