Vor über 40 Jahren stellten sie schon einmal gemeinsam aus, bei der Documenta 7, jetzt unterhalten sich Arnulf Rainer und Mario Merz erneut vorzüglich.
Diese Ausstellung scheint von langer Hand vorbereitet gewesen zu sein – weist schon das ungewöhnliche Namensschild des Arnulf-Rainer-Museums auf dem Dach des ehemaligen Frauenbads in Baden auf den italienischen Kollegen Mario Merz hin: Der Schriftzug ist schwungvoll aus Neonröhren gebogen. Ein Markenzeichen des 2003 verstorbenen Arte-povera-Künstlers.
„Che fare?“ (Was ist zu tun?), schrieb Merz etwa in Neonhandschrift in den 1960er-Jahren an die Wände. Er meinte das so gesellschaftskritisch, wie Rainer es derart direkt nie formulieren würde. „Was ist zu tun?“ spricht von dem Experiment, das damals alle bewegte, nämlich Kunst und Leben zu verbinden. Rainer interessierte das weniger, er ging fast in die Gegenrichtung, beschäftigte sich mit dem Urtrieb des Ausdrucks, mit der Malerei von Affen – mit einem malte er um die Wette – sowie mit der Kunst von Außenseitern. Rainer ist einer der Künstler, die sich am intensivsten mit Kunst beschäftigen, die in von kunsthistorischen und markttechnischen Überlegungen „geschützten“ Werkstätten bzw. Köpfen entsteht, er hat eine große Sammlung u. a. von Kunst aus Gugging.
Klingt also recht unterschiedlich, was die beiden Herren so produzieren und produzierten. Und doch harmonieren ihre Werke hervorragend. Was wohl auch einem Kuppler außergewöhnlichen Feinsinns und Quersehens zu danken ist, der Kuratorenlegende Rudi Fuchs, dem Niederländer, der in den 1970er- und 1980er-Jahren erste Adresse fürs Cutting-Edge war. Wie Rainer hat er sich eine bewundernswerte Jugendlichkeit erhalten, indem er seine Schrullen (immer ein „Faust“-Reclam-Heft in der Tasche) mit Offenheit und leichtem Sarkasmus zur Schau stellt.
Gebogene Kreuze, leuchtende Engel
Eine solche freche Rainer-Ausstellung hat man jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen, schon gar nie in seinem höchst eigenen Weihetempel, dem Badener Museum. In der Kombination mit den wilden Tieren, den Eidechsen, den Tigern und den ähnlich wilden Iglus von Merz verwandeln sich Rainers Kreuze schon einmal in blaue Adler und andere rasante Flugobjekte. Eine Deutung, auf die Fuchs kam, als man aufgrund der schwierigen Hängeverhältnisse im marmornen Frauenbad eines der Kreuze schräg gekippt montieren wollte. Und plötzlich war man auch auf der Spur von „Wasserfröschen“ und „Grünen Schlangen“ in Rainers Bildern. Die meisten, die Fuchs aus dem Malerdepot aussuchen durfte, stammen aus den 1990er-Jahren, die meisten kannte man noch nicht. Einige stammen aus einer Serie, die Rainer „Engelbilder“ nennt und in denen er nach Jahren voll Schwere und dunkler Farbigkeit zu Leuchtkraft fand. Diese leichteren, fast verspielt wirkenden Leinwände in u. a. unterhaltsam variierten Kreuzformen, mit kürzeren „Armen“ oder gebogenem „Körper“, halten locker die flüchtigere, farbenfrohe Malerei von Merz aus. In der Archaik treffen sie sich mit den „Iglus“, neben der Leuchtschrift ebenfalls Markenzeichen von Merz.
In diesen Behausungen aus zersprungenen Steinplatten und/oder Stahlgerüsten sah er eine idealtypische organische Form, back to the roots also. Schon 1982 trafen die beiden Künstler aufeinander, ebenfalls von Fuchs arrangiert, in einem eigenen Raum seiner Documenta 7 in Kassel zeigte er Hand- und Fingermalerei Rainers und eine begehbare Spirale aus Sandstein und Zweigen von Merz. Die damals schon von Fuchs gefühlte „spirituelle Verwandtschaft“ der beiden wird in Baden nun vertieft. Und zumindest Rainer macht das sichtlich Spaß.
Bis 27. Oktober, täglich von 10 bis 17 h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2013)