Frankreich lässt die A- und B-Klasse nicht mehr zu, weil die Modelle mit einem EU-weit verbotenen "Klimakiller" gekühlt werden. Doch die einzige Alternative ist brandgefährlich. Nun schlägt Daimler zurück.
Berlin. Im Mercedes-Salon an den Champs-Élysées stehen sie weiterhin aufgereiht, trotzig blank poliert: der Sportwagen SL neben den A- und B-Kompaktmodellen. Kaufen will sie fast niemand mehr, denn es gäbe dazu keine Nummerntafel. Die französische Regierung hat über die deutschen Autos Anfang Juli einen Zulassungsstopp verhängt, unter hörbarem Applaus aus Brüssel. Der Grund: Sie enthalten zur Kühlung des Fahrgastraums ein Kältemittel, das die EU-Kommission für neu entwickelte Fahrzeuge als „Klimakiller“ verboten hat.
Doch die Stuttgarter wehren sich: Sie klagen vor dem Conseil d'État wegen „Wettbewerbsverzerrung“. Das oberste französische Verwaltungsgericht will rasch entscheiden, wie man am Mittwoch hörte: Am 23.August wird über eine einstweilige Verfügung gegen den Zulassungsstopp verhandelt. Auch Brüssel lenkt nun leicht ein und möchte sich die deutschen Prüfverfahren ernsthaft anschauen. Zwischen Berlin und Paris aber hat der „unfreundliche Akt“ zu einer diplomatischen Verstimmung geführt, zur kleinen Eiszeit im Hitzesommer. Wie konnte es so weit kommen?
Flammen und ätzende Säure
Am Anfang stand ein Flammenmeer. Ungläubig umringten die Ingenieure in Sindelfingen ein Modell der B-Klasse, das vor ihren Augen lichterloh brannte. Sie hatten es unter Vollgas gesetzt, bis der Motor beim Turbolader mit über 600 Grad Celsius glühte. „Real Life“ heißt dieses Prüfverfahren, das eine Fahrt auf der Autobahn simuliert. Dann stellten sie einen Unfall nach, die Klimaanlage bekam ein Leck, das Kühlmittel rann aus. Und nun geschah, womit bei diesem Routinetest niemand rechnete: Das neue Kühlmittel entzündete sich an der Abgasanlage.
Schlimmer noch: Es bildete sich Flusssäure, eine der ätzendsten Substanzen überhaupt. 70 Mal wiederholten die Prüfer den Crashtest, alle Autos gingen in Flammen auf, „zuverlässig wie ein Lichtschalter“. Damit war für Daimler klar: Das neue, von den US-Chemiekonzernen Dupont und Honeywell als klimafreundlich propagierte Gas kommt nicht ins Haus. Der Einsatz von natürlichem CO2, die ökologisch optimale Alternative, erfordert neue Klimaanlagen und ist noch nicht serienreif. Also vorerst zurück zum bewährten R134a, das auch in älteren Reihen eingesetzt wird.
Das Problem dabei: Diese Substanz ist über 1000 Mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid. Deshalb hat Brüssel sie verboten. Das US-Produkt ist die einzige Alternative. BMW, Audi und VW haben eine elegante Lösung gefunden: Was sie beim Kraftfahrtbundesamt seit Anfang 2011 genehmigen lassen, sind offiziell keine neuen Modelle, sondern nur Weiterentwicklungen – und dürfen deshalb mit dem alten Gas befüllt werden.
Daimler aber holte sich in Flensburg nachträglich eine Sondergenehmigung. Das grüne Licht der nationalen Behörde sollte im EU-Binnenmarkt überall gelten. Aber Frankreich blockiert – unterstützt von Brüssel, wo man die Entflammbarkeit für ein „typenspezifisches“ Mercedes-Problem hält und ein provisorisches Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet hat. Berlin muss bis 19.August dazu Stellung nehmen.
Einen ungewohnten Verbündeten hat Daimler in Greenpeace gefunden: Die Umweltorganisation setzt ganz auf künftige CO2-Klimaanlagen und dankt dafür, dass sich jemand „zur Wehr gesetzt hat“. In Frankreich aber verwenden alle Autobauer das „völlig überflüssige“ Mittel, das freilich teure Entwicklungen erspart.
Protektionismus hier wie dort
Die französische Blockade zeigt Wirkung: Mercedes verkaufte dort im Juli um sieben Prozent weniger Neuwagen. Davon profitierten aber nicht die Platzhirschen Renault und Peugeot, sondern BMW. Nun will Paris auch den anderen deutschen Herstellern ihren Sonderweg verbauen.
Kein Wunder, dass viele Deutsche dahinter Protektionismus wittern: Frankreich wolle seine gerade in der Kompaktklasse angeschlagenen Autokonzerne stützen. Freilich wäre das nur eine Retourkutsche: Im Juni verhinderte Deutschland auf dem EU-Gipfel mit aller Kraft der Kanzlerin verschärfte Abgaswerte und schützte so die eigenen Luxuskarossenbauer.
Auf einen Blick
Der Kältemittelstreit zwischen Mercedes und Paris spitzt sich zu. Modelle der A- und B-Klasse werden wegen eines von der EU verbotenen, klimaschädlichen Kühlmittels nicht mehr zugelassen. Daimler lehnt die einzige Alternative ab, weil sie entzündbar ist und ätzende Säuren freisetzt, und klagt auf einstweilige Verfügung. Das oberste Verwaltungsgericht urteilt am 23.8.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2013)