Kritik Theater: Grau melierter Psycho-Schwank

"Die Glasmenagerie" im Theater in der Josefstadt - brav inszeniert, als wäre die Zeit stehen geblieben.

F
ür Besucher, die nicht besonders gut sehen, scheint es, dass nach dem Heben des Vorhanges eine blassge sichtige Puppe auf dem Sofa sitzt. Gegenüber ein Tisch, vier Stühle, im Hintergrund Eisenkäfige, die wohl Feuerleitern in einer schlechten Gegend der amerikanischen Stadt St. Louis darstellen. Im Hintergrund die Wand, darüber grau verhangener Himmel. Ein trostloses Bühnenbild von Achim Römer. So soll es also gewesen sein im Erinnerungsstück von Tennessee Williams, als der noch jung war.

Man erinnert sich genau. Gleich tut sich was: Die Puppe bewegt sich, sie ist der graue Star in diesem Psychodrama, der Erzähler, der seine Jugend aufarbeitet, in klaren Bildern, nicht verklärten. Michael Dangl, gekleidet wie der junge Tennessee, spielt den unglücklichen Sohn in diesem Familiendrama; Tom Wingfield möchte sich zu höchsten Dichterehren schwingen, doch die Mama, Amanda Wingfield (Traute Hoess), breitet ihre Mutterflügel über die Brut und hindert die Kinder am Flügge-Werden.

Der Papa ist längst abgehauen, seine letzte Botschaft war eine Postkarte aus Mexiko: "Hello - Goodbye". Die Restfamilie leidet. Der Sohn muss als Lagerarbeiter für Mutter und Schwester sorgen. Den entgangenen Poeten-Ruhm kompensiert Tom, indem er jeden Abend ins Kino geht und manchmal frech zu Mutter ist. Doch schlimmer noch in diesem Kleinbürgerdrama ist die Tochter dran. Die leicht gehbehinderte Laura (Gertrud Drassl) verweigert die Arbeit, flüchtet in eine Fantasiewelt. Sie hört alte Platten und sammelt Tierfiguren aus Glas - eine Menagerie, sagt die Mama. Da hat sie Recht.

Eine stabil unglückliche Situation, eine, die auch Tolstoi jeder Roman-Familie verordnen würde. Und dann tut sich auch schon wieder was. Tom lädt seinen Arbeitskollegen Jim O'Connor (Boris Eder) zum Essen nach Hause ein. Amanda rechnet die Chancen für ihre Tochter aus, Laura macht sich Hoffnungen, Jim haut ab, Tom haut ab.

Ein erfolgreicher Emanzipationsversuch für den Dichter, der sich an diese Schlüsselszenen erinnert. Nur die Frauen bleiben auf der Strecke, die verblühte Südstaaten-Blume Amanda, die ihre Frustration unter zu bunten Kleidern versteckt, und ihre zerbrechliche Tochter. Lauras Lieblingsfigur, einem Glas-Einhorn, ist das Glas-Horn abgebrochen. Dem erhofften Partner Jim ist das beim ersten Tanz mit Laura passiert. Er war zu ungestüm, ehe er rausstürmte.

Ist dieses Stück noch zeitgemäß? Beim Boom für Williams-Stücke muss man das fragen. Aber ja doch, wenn man an der Patina kratzt! Solche zeitlosen Dramen kommen auch heute noch in den interessantesten Familien vor. Hat Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger den Stoff zeitgemäß inszeniert? Nein. Aber er kommt offenbar dem Bedürfnis entgegen, dass die Josefstadt, dem bedrohlichen Griff des Modernisten Hans Gratzer entronnen, gleich zwei Generationen zurückspringt. Insofern passt diese grau melierte Inszenierung eines Klassikers schon wieder, und sie hat auch ihre Vorzüge, so wie Schwarz-weiß-Kino bester Machart im Bellaria-Kino.

Das Ensemble hat jedenfalls dafür gesorgt, dass dieses Stück zu einem vertrauten Erinnerungs-Erlebnis wird. Traute Hoess spielt die dominante Mutter raffiniert, allerdings erliegt sie der Versuchung, die dämonischen Seiten dieser Figur zu vernachlässigen und das Ulkige hervorzuheben. Das raubt dem Stück die Tiefe. Sehr engagiert und tüchtig spielt Michael Dangl, nur lässt er das südstaatliche Flair vermissen, an das man sich zumindest in den gelungenen Verfilmungen der "Glasmenagerie" zu erinnern glaubt. Boris Eder spielt nicht aufdringlich, ohne billige Effekte. Er macht das Beste aus seiner Nebenrolle. Die traumhafte Wirkung dieses Dramas hängt jedoch vor allem von Laura ab. Und Gertrud Drassl, zerbrechlich, traurig, stark in ihrer Einsamkeit, überzeugt. So spielt man Tragödien.

Es bleibt also ein gemischter Eindruck. Dem Regisseur ist die Inszenierung viel zu brav geraten, das unterschwellig Böse an Tennessee Williams hat er nicht herausgearbeitet. Es wird dem Text zu wenig Zeit gegeben, seine poetische Unruhe zu entfalten. Michael Rüggebergs Hintergrundmusik und Emmerich Steigbergers Lichteffekte tragen zwar dazu bei, dass eine Ahnung von dieser unheimlichen, melancholischen Grundstimmung der "Glasmenagerie" entsteht, doch weil diese Regiearbeit dazu neigt, das Drama zum Psycho-Schwank werden zu lassen, wird die Gelegenheit zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Dichter verpasst. Als ob dieses Stück eine Jugendsünde gewesen sei.


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