Hundsturm: Eine pickige Arbeitslosenmär

Die neue Volkstheater-Spielstätte, außen trashig, im Herzen museal.

Unübersehbar prangt einem beim Verlassen des Theaterraums der schwarze Hundskopf in rotem Stern entgegen. Nein, man ist nicht im falschen Theater, aber nach der Vorstellung ist der Verdacht verzeihlich. Das also ist der Hundsturm, die neue Spielstätte von Michael Schottenbergs "neuem" Volkstheater: Zweigstelle für "experimentelles, junges", für - laut Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny - "politisches Theater", das zeige, "wie die Dinge wirklich sind" und folglich nur "linkes Theater" sein könne. Daher eröffnet dasselbe Theater, das kürzlich unter Emmy Werner Kathrin Rögglas Schulden-Sozialdrama "draußen tobt die dunkelziffer" zeigte, seine Dependance mit einer Mischung aus "Kleiner-Mann"-Schmonzette und DDR-Nostalgie: Armin Petras' alias Fritz Katers pickiger statt poppiger Arbeitslosenmär "3 von 5 Millionen".

Der deutsche Regisseur und Autor hat den Stoff eines 1932 erschienenen Romans von Leonhard Frank ("Von drei Millionen drei") mit einer Parallelgeschichte aus Deutschlands Osten von heute verbunden. Im ersten Teil sind Franks Figuren Schreiber, Schneider, Arbeiter auf Arbeitssuche durch die Welt der Weltwirtschaftskrise. Im zweiten Teil überfallen Dirk, Sebi und Martin am Ende eine Bank. Dazwischen ertönt vom Tonband ein lähmender Diskurs des Malers Francis Bacon, der das moderne Theater beschwört, wahrscheinlich, weil es auf der Bühne nicht zu sehen ist (Regie führt Wojtek Klemm, einst Regieassistent an Frank Castorfs Berliner Volksbühne).

Der radikalste Moment: die Erwähnung von "Hartz IV". Plötzlich weiß man, dass hier nicht Welt-Kapitalismus-Schmerz, sondern Gesellschafts- und Politikkritik geübt wird, und dass es den Arbeitslosen von heute wie den armen Schluckern von damals geht. Dass deren moderne Pendants ihrem verlorenen revolutionären Elan nachweinen, passt ebenso ins Konzept wie dass die Handlung ausgiebig mit Zitaten des vor 150 Jahren gestorbenen Anarchismus-Propheten Max Stirner kommentiert wird.

Kurze Lacher, lange Weile (und schlechte Akustik, besonders am Balkon). Applaus erhielten vor allem die Schauspieler (unbeirrbar schwungvoll Lorenz Nufer und Michael Klammer): Sie hätten Besseres verdient als ein Theater, wo die Ideen ausgegangen sind, bevor es angefangen hat.

Dann folgte die erste Folge der Kabarett-Serie "Vom Feinsten", die mit Hilfe von Zitat-Collagen "ungeschminkte" österreichische Wirklichkeit zeigen soll. Letztere besteht fürs Erste aus den "Krone"-Kommentatoren Strudl und Martin, Vera, Mausi, Herminator, Simmel, Schüssel. Um es sich noch leichter zu machen, hat man Männerrollen mit Frauen und umgekehrt besetzt. Nichts gegen die Schauspieler, Jennifer Franks tränengebadeter "Herminator" ist so köstlich wie Paul Matic' Vera-Parodie. Aber dass in dieser "Mir-san-mir"-Schunkelei minutenlang Freiherr von Knigges kuriose Kunstanschauungen zitiert und mit einem Seitenhieb auf das Burgtheater gespickt werden, sagt alles. Man fragt sich, wer älter ist: die "kritischen" Geister des Abends oder die Gespenster, die sie an die Wand malen.

Außen trashig, im Herzen museal - nur dem Interieur des einstigen Eisenbahner-Kinos bekommt das gut. Es hat Pepp und zugleich Patina, auf (oder über) die Gäste lacht ein Buddha. Das Rot des Stern-Logos schaut nach der Vorstellung alt aus. Und der Hund erinnert an einen Verwandten vom Fernsehen. Vera, Mausi, Strudl und Simmel ergeben zusammen kein so trauriges Österreich-Bild wie die Vorstellung, dass das ein maßgeblicher Beitrag zum kritischen Geist der Wiener Theaterszene sein könnte.


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