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Liebe Eltern

Flugblätter in einem Döblinger Park. Widerstand im Warschauer Ghetto. Zwei Dokumentationen über das Aufständische. Zwei Bücher über Jugend, damals.

Am 2. November 1943 wurde Elfriede Hartmann im Wiener Landesgericht enthauptet. Sie war am 24. Februar 1942 beim Verteilen von Flugblättern in einem Döblinger Park verhaftet und am 22. September 1943 in Krems an der Donau vom fünften Senat des Volksgerichtshofs wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt worden. Elfriede Hartmann wurde 22 Jahre alt.

Ihre ältere Schwester, Gerda, und die Mutter der Schauspielerin Johanna Mertinz waren enge Freundinnen gewesen. Nach demEnde des Krieges wurde in beiden Familien beharrlich über das Schicksal Elfriede Hartmanns geschwiegen. Johanna Mertinz erfuhr als Kind lediglich, dass mit Elfriede „in einer anderen Zeit“ etwas Schreckliches passiert, dass sie geköpft und der abgetrennte Schädel nicht im Grab bestattet worden sei. „Dann wieder Schweigen. Glattstreichen desTischtuchs. Ein anderes Thema. Ich hatteeine Puppe mit einem schlecht angenähten Stoffkopf, die nannte ich Elfriede.“

Johanna Mertinz hat die Geschichte der Elfriede Hartmann nicht mehr losgelassen. Jetzt hat sie deren geheime schriftliche Mitteilungen aus der Gestapohaft gemeinsam mit dem Historiker Winfried R. Garscha vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als Buch veröffentlicht. „Mut, Mut – Noch lebe ich“, so der Titel. Er ist einemvon Elfriede Hartmanns Kassibern entnommen, die sie, sorgsam in schmutzige Kleidungsstücke eingenäht, nach draußen zu ihrer Familie geschmuggelt hat.

Um ein Haar wären diese Kassiber für immer verloren gegangen: Eine vermeintlichnur mit „Fetzen“ – kleinen Papier- und Stoffstücken – gefüllte Schuhschachtel aus dem Nachlass Gerda Hartmanns war bereits auf dem Müll gelandet, als sich der Karton öffnete: „Ein zerknüllter Zettel flog mir vor die Füße. Er war beschrieben mit: ,Liebe Eltern‘.“ So fand Johanna Mertinz die Kassiber der Elfriede Hartmann.

Geboren am 21. Mai 1921 als Tochter eines Versicherungsbeamten, war Elfriede Hartmann in gutbürgerlichen Verhältnissen in Wien-Döbling aufgewachsen. Schon immer eigensinnig und von ungestümem Temperament, trat sie nach dem „Anschluss“ dem illegalen „Kommunistischen Jugendverband“ (KJV) bei. Im Herbst 1938 verliebte sich die Schülerin in den Metallarbeitersohn und gelernten Bauschlosser Rudolf Mašl, einen Funktionär des KJV.

Elfriedes Vater galt, obwohl 1910 evangelisch getauft, gemäß den Nürnberger Gesetzen als Jude. Er hatte über viele Jahre eine außereheliche Beziehung unterhalten, kehrte aber nach dem Tod der Geliebten zur Familie zurück. Seine Ehe mit der „arischen“ Hermine Hartmann blieb auch während der NS-Zeit aufrecht; er war dadurch vor der Deportation geschützt.


Wusste Soldat Rudi Bescheid?

Im Untergrund stellte Elfriede Hartmann illegale Flugblätter und Zeitschriften her und verteilte sie. Vor allem auch Soldaten der Wehrmacht sollten über die Natur des Regimes aufgeklärt und von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt werden. Im Juni 1940 wurde Hartmann, die Anfang des Jahres mit einem Chemiestudium begonnen hatte, als „Mischling ersten Grades“ von der Hochschule ausgeschlossen und dadurch weiter politisch radikalisiert.

Ihr Freund Rudi war zur Luftwaffe eingezogen worden und im besetzten Norwegen stationiert. Im Herbst 1941, während eines Fronturlaubs, schrieb Elfriede Feldpostanschriften aus seinem Notizbuch ab, um an Wehrmachtssoldaten einschlägiges politisches Material zu versenden. Die Aktion führte in weiterer Folge dazu, dass Rudi Anfang Juni 1942 in Oslo verhaftet wurde. Bis heute bleibt ungeklärt, ob er von der Aktion seiner Freundin gewusst hat. In den Verhören nahmen beide die alleinige Schuld auf sich und versuchten, den anderen dadurch zu entlasten.

Elfriede Hartmann wurde nach ihrer Festnahme von der Gestapo brutalen Befragungen unterzogen, dann in das Polizeigefangenenhaus Rossauer Lände eingeliefert und im Frühjahr 1943 in das Untersuchungsgefängnis Schiffamtsgasse in Wien-Leopoldstadt verlegt. Ihre letzten sechs Wochen verbrachte sie in der Todeszelle des Wiener Landesgerichts.

Ihre tatsächliche Gefühlslage kann man nur erahnen, denn in den Kassibern versuchte sie mit größter Konsequenz, ihre Familie, vor allem den innig geliebten Vater, zu beruhigen. Es gelang ihr jedoch nicht, die schweren Schuldgefühle, die sie belasteten, zu verbergen. Immer wieder ging es um ihren Rudi, von dem sie nicht einmal wusste, ob er noch am Leben war. Von der Zelle aus versuchte sie verzweifelt, ihn zur Zurücknahme seines Geständnisses zu bewegen. Ob ihn die Botschaften jemals erreicht haben, bleibt unklar. Rudolf Mašl wurde am 27. August 1943, also noch vor Elfriede, hingerichtet.

In ihrem letzten – offiziellen – Brief aus der Todeszelle bat Elfriede Hartmann die Eltern in aller Eindringlichkeit, sich zu versöhnen: „Die Zeit ist hart, sehr hart – macht Euch das Leben nicht noch schwerer – helft Euch gegenseitig! Lasst mich das Bewusstsein mitnehmen, dass Ihr wieder zueinander gefunden habt!“ Bis zuletzt stand sie unbeirrt zu ihren politischen Grundsätzen. Überlebende berichteten, sie sei lachendzum Schafott gegangen.


Auch in „Die Liebe im Ghetto“ geht es umWiderstand, um Schweigen und um Erinnerung. Das Buch basiert auf Gesprächen, die Paula Sawicka, eine Mitstreiterin MarekEdelmans während seiner Zeit in der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność, 1988 mit dem ehemaligen Kämpfer des Warschauer Ghettos geführt und aufgezeichnet hat. Marek Edelman, der 2009 gestorben ist, hatte unmittelbar nach Kriegsende in „Das Ghetto kämpft“ seine persönlichen Erinnerungen publiziert. Dann hatte er jahrzehntelang zu den Ereignissen während der NS-Zeit geschwiegen.

Edelman, geboren 1921, gehörte in Warschau der Jugendorganisation des jüdisch-sozialistischen „Bund“ an, der sich im November 1942 der jüdischen Kampforganisation ŽOB anschloss. Bis Mitte September 1942 hatten deutsche SS- und Polizeiangehörige und ihre Helfer mehr als eine Viertelmillion Juden aus Warschau in Vernichtungslager, vor allem nach Treblinka, deportiert. Im April 1943 sollten in einer neuerlichen Aktion die noch im Ghetto verbliebenen Menschen abtransportiert werden. Doch im Unterschied zu 1942 kam es nun, am 19. des Monates, zum offenen Widerstand. Der Aufstand, von einer nur einige Hundert Mitglieder zählenden, unzureichend bewaffneten Truppe getragen, wurde am 16. Mai 1943 endgültig niedergeschlagen. Doch ein Triumph blieb den Überlebenden: Man hatte sich nicht dem Schicksal gefügt, sondern mehrere Wochen lang einem weit überlegenen Gegner die Stirn geboten. – Marek Edelman, der während des Aufstands zum Kommando von ŽOB gehört hatte, war es am 10. Mai 1943 gelungen, durch die Kanalisation in den nichtjüdischen Teil Warschaus zu entkommen und dort unterzutauchen.

„Die Liebe im Ghetto“ ist keine Geschichte des Ghettoaufstands. Vielmehr hat Edelman ganz subjektive „Erinnerungsfetzen“ andas im Oktober 1940 eingerichtete, von einer hohen Mauer umgebene jüdische Ghetto in Warschau und die Wochen der Kämpfe festgehalten. Er schildert die ruhelose Suche nach Unterschlupfmöglichkeiten in konspirativen Wohnungen und Kellern ebenso wie Hilfeleistungen für Kranke und Verfolgte, berichtet von Menschen, die während der Deportationen mit Gewalt aus ihren Häusern gezerrt werden mussten, oft mit einem Kind an der Hand, und von Töchtern, die freiwillig ihre Mütter begleiteten, damit diese nicht allein in die Waggons steigen mussten. Nur in den ersten Tagen der Aktion habe man Kinder weinen gehört, als diese auf der Straße eingefangen oder aus den Kinderheimen mit dem Wagen zum „Umschlagplatz“ gebracht wurden, von dem die Züge abfuhren. „Sonst ging die Menge schweigend. Ob mit gesenktem oder erhobenem Kopf, doch sie schwieg.“

Eine Tragödie ereignete sich am Ende des Aufstands – eine von unzähligen in dieser Zeit. Marek Edelmans Gruppe hatte sich ein zwölfjähriger Bub angeschlossen, sie nannten ihn Sperling. Während des Rückzugs aus der Altstadt befahl einer von Edelmans direkten Vorgesetzten Sperling, als Einziger im Ghetto zu verharren. „Alle würden gehen, nur der Kleine sollte bleiben und uns Deckung geben. Der Junge brach in Tränen aus. Er hatte doch Angst so alleine. Da erschoss ihn Heniek wegen Befehlsverweigerung.“


Hoffen auf die junge Generation

1944 nahm Marek Edelman an dem vom polnischen Widerstand getragenen Warschauer Aufstand teil. Wieder ließ man ihn spüren, dass er Jude war: „Ich trug die Uniform eines Aufständischen mit der weiß-roten Armbinde und hatte eine Waffe, doch es war mein jüdisches Gesicht, das die Haltung der Menschen mir gegenüber bestimmte.“ Jurek Grazberg, ein Aktivist der jüdischen Pfadfinder, wurde, als er sich den nichtjüdischen Aufständischen anschließen wollte, auf der Stelle erschossen: Ein Jude, er eine Waffe besaß, musste ein Provokateur sein.

In „Die Liebe im Ghetto“ geht es jedoch auch um die Lichtblicke inmitten des Grauens: um Freundschaft, Solidarität und Vertrauen. Das Buch ist eine Hommage an Edelmans Gefährten von damals und soll die Erinnerung an sie wachhalten. Die Rede ist auch von der Liebe im Schatten der Vernichtung, von Paaren, die – oft nur für wenigeMonate oder Wochen – in großer Leidenschaft zueinanderfanden und eine Intensität der Gefühle erlebten, die sie sogar ihre Angst vergessen ließ.

Auch nach 1945 sah sich Marek Edelman, der in Polen blieb und Kardiologe wurde, lange Zeit politisch an den Rand gedrängt: „Man hat uns keine Achtung entgegengebracht, weder damals noch nach dem Krieg.“ Erst später wurde ihm, als einem Mitbegründer der Solidarność und Abgeordneten des polnischen Parlaments, mehr Gehör geschenkt.

Während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien meldete er sich ebenso zu Wort wie während des Völkermords in Ruanda, und immer wieder stellte er sich auf die Seite von Verfolgten, etwa der Roma in Osteuropa nach der Wende. Ein passiver Zeuge, so betonte er, werde zum Mittäter. Seine Hoffnungen hat Marek Edelman auf die junge Generation gesetzt: „Man muss nur der Jugend wieder beibringen, dass das Erste und Wichtigste das Leben ist, erst danach kommt die Bequemlichkeit.“ ■

Johanna Mertinz, Winfried R. Garscha (Hrsg.)

Mut, Mut – Noch lebe ich

Die Kassiber der Elfriede Hartmann aus der Gestapo-Haft. 178S., geb. €14,90 (Mandelbaum Verlag, Wien)

Marek Edelman, Paula Sawicka

Die Liebe im Ghetto

Aus dem Polnischen von Joanna Manc. 176S., geb., €19,50 (Schöffling Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2013)