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Sofia Coppola: "Jeder will berühmt sein"

Sofia Coppola Jeder will
Sofia Coppola(c) EPA (IAN LANGSDON)
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Sie selbst interessiere ihr eigenes Berühmtsein nicht, sagt Coppola der "Presse am Sonntag". Und dennoch schaltet sie den Fernseher ein, um die Reality-Shows der Prominenten anzuschauen.

Sofia Coppola hat die Geschichte geschrieben und produziert, erfunden hat sie sie aber nicht. Ihr neuer Film „The Bling Ring“ basiert auf einer wahren Begebenheit: Fünf Jugendliche brechen in die Villen von Hollywood-Größen ein und brüsten sich anschließend auf Social-Media-Foren mit ihrer Beute. Im Interview mit der „Presse am Sonntag“ erzählt die Regisseurin über die Entstehungsgeschichte des Films.

 

Frau Coppola, als Grundlage für „The Bling Ring“ diente ein ausführlicher Magazinartikel im „Vanity Fair“. Trotzdem haben Sie die Kids, die Sie porträtieren, auch persönlich getroffen, oder?

Sofia Coppola: Die Autorin der „Vanity Fair“ hat ein ziemlich genaues Bild der Clique gezeichnet, aber ich habe tatsächlich zu zwei der Jugendlichen Kontakt aufgenommen. Vor allem zu dem Jungen. Bevor er ins Gefängnis kam, hatten wir uns ein paar Mal unterhalten. Das war sehr hilfreich für das Drehbuch, nicht zuletzt durch all die kleinen Details, die er mir erzählt hat, die man sich niemals hätte ausdenken können. Auch sein Verhältnis zu der Anführerin der Gruppe wurde mir dadurch noch klarer. Und er hat auf jeden Fall ehrliche Reue gezeigt.

 

Haben Sie ihn deshalb zum Zentrum Ihres Films gemacht?

Auch. Mir erschien es jedenfalls so, dass man als Zuschauer zu ihm vermutlich am ehesten einen Bezug würde herstellen können. Das war nämlich meine Hauptschwierigkeit, schließlich gibt es in dieser Geschichte keine wirklichen Sympathieträger. Ihn fand ich am zugänglichsten, und ich habe ihn für den Film auch noch ein wenig sympathischer gemacht. Deswegen erzähle ich jetzt aus seiner Perspektive und zeige ihn als jemanden, der in erster Linie dazugehören will.

 

In Ihren Filmen geht es oft um die Langeweile der besseren Gesellschaft. Würden Sie „The Bling Ring“ da auch einsortieren?

Das trifft es meiner Meinung nach nicht. Hier geht es um Mittelschicht-Kids aus der Vorstadt, die nach einem Lebensstil streben, den sie für glamourös halten. Sie wollen für sich das in Anspruch nehmen, was unsere heutige Kultur ihnen Tag für Tag vorlebt. Sie brechen ja nicht bei Paris Hilton oder Megan Fox ein, um einzelne Kleidungs- oder Schmückstücke zu stehlen. Sondern sie suchen im Grunde einen bestimmten, über die Medien verbreiteten Lifestyle.

 

Das klingt nach Gesellschaftskritik...

Das ist jetzt schon wieder Ihre Interpretation. Aber tatsächlich war für mich der Hauptanreiz dieser Geschichte, dass sie ganz fest im Hier und Jetzt verankert ist und ein Bild unserer derzeitigen Gesellschaft zeichnet. Vor zehn Jahren hätte sich die Sache so nicht zutragen können. Damals waren Klatsch und Promi-News ein kleiner Aspekt unserer Popkultur, der durchaus Spaß machen konnte. Heute dominiert genau das unsere Medien – und es wird immer mehr.

 

Glauben Sie denn, dass diese Entwicklung sich je wieder umkehren wird?

Das habe ich mich schon oft gefragt. Eigentlich kann es so nicht weitergehen, irgendwann muss doch einmal eine Gegenbewegung kommen. Aber wer weiß, ich bin gespannt.

 

Ist es Ihnen schwergefallen, sich über diese Seite unserer Kultur und die „Jugend von heute“ nicht lustig zu machen oder sie zu verurteilen?

Das hatte ich nie vor, und die Gefahr bestand auch nicht. Am ehesten einen Bezug habe ich zu dem Jungen in dieser Clique gefunden, deswegen habe ich mich auf seine Perspektive der Dinge konzentriert. Das Publikum soll diese Geschichte Seite an Seite mit diesen Kids erleben und am Ende sein eigenes Urteil dazu fällen.

 

Aber zumindest das Haus von Paris Hilton, in das die Gruppe immer wieder einbricht, zeigen Sie doch so, dass man ganz schön schmunzeln muss...

Finden Sie? Eigentlich habe ich es nur so gezeigt, wie es nun einmal ist. Denn Paris hat uns ja tatsächlich in ihrem echten Haus drehen lassen. Dafür zolle ich ihr viel Respekt. Überhaupt scheint sie mir eine sehr offene Person zu sein, mit viel Sinn für Humor. Dass sie tatsächlich Kissen mit ihrem Konterfei darauf auf ihren Sesseln hat, ist auf jeden Fall selbstironisch. Würde sie sich selbst fürchterlich ernst nehmen, hätte sie uns sicher nie hereingelassen.

 

Es ging also gar nicht um eine Aussage über die heutige Oberflächlichkeit, für die Hilton und auch ihre Fans durchaus stehen?

Doch, in gewissem Sinne schon. Diese Oberflächlichkeit war etwas, womit ich mich schon bei meinem vorherigen Film „Somewhere“ beschäftigt hatte, da wollte ich nun noch einen Schritt weiter gehen. Mir fällt einfach auf, dass das Interesse an Prominenten immer weiter zunimmt. Jeder will heutzutage berühmt sein. Und wenn das nicht klappt, dann zumindest so viel wie möglich am Leben der Berühmten teilhaben.

 

Sie selbst sind ins Berühmtsein hineingeboren worden. Aber wenn man sieht, wie sehr Sie Ihr Privatleben aus der Presse halten, ist das vermutlich nichts, was Ihnen viel bedeutet, oder?

Schon in meiner Kindheit und Jugend war das Interesse der Öffentlichkeit an meiner Familie kein großes Thema. Nicht zuletzt deswegen lebten wir nicht in Hollywood, sondern in der Nähe von San Francisco. Und auch heute interessiert mich das Berühmtsein nicht. Weder mein eigenes noch das anderer Leute. Wobei ich zugeben muss, dass ich es ab und zu ganz unterhaltsam finde, mir im Fernsehen die Kardashians anzuschauen.

 

Von klein auf gehörte nicht nur der große Name Coppola, sondern auch das Medium Film zu Ihrem Leben. Sogar Ihre Geburt wurde bereits gefilmt, nicht wahr?

Stimmt, mein Vater war mit im Kreißsaal und hatte eine Videokamera dabei. Als der Arzt sagte, dass ich ein Mädchen sei, ließ er sie vor Überraschung fallen. Aber die Geburt filmen doch viele Väter, oder? Nur damals in den Siebzigern war es wahrscheinlich noch nicht ganz so üblich. Jedenfalls haben Sie recht: In unserer Familie drehte sich tatsächlich immer alles um Film, woran sich ja bis heute nichts geändert hat.

 

Dennoch haben Sie selbst erst gezögert, in diese Richtung zu gehen und lieber Kunst und Fotografie studiert...

Wie die meisten 18-Jährigen wollte ich einfach alles erst einmal ausprobieren. Irgendwann drehte ich dann aber im Studium einen Kurzfilm und merkte nicht nur, wie vielfältig die Arbeit eines Regisseurs ist, sondern auch, wie wohl ich mich damit fühle.

 

Hat das Studium trotzdem Spuren in Ihrer heutigen Arbeit hinterlassen?

Wahrscheinlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass mich immer schon Fotografien sehr inspiriert haben. Gerade wenn es darum geht, den Look meiner Filme zu definieren. Für „Somewhere“ zum Beispiel habe ich mir viel Helmut Newton angeschaut, für „The Virgin Suicides“ damals vor allem Bill Owens. Aber dieses Mal war Popkultur wichtiger, all die Bilder, die man heute eben so in Magazinen und im Internet sieht. Der Stil des Films sollte zur Geschichte passen, deswegen sieht der Film ein bisschen wie die Mode aus, für die sich die Kids interessieren: grell, glitzernd, laut und alles andere als subtil.

1971 wird Sofia Coppola in New York geboren. Ihr Vater ist der Filmemacher Francis Ford Coppola. In seinem Film „Der Pate“ hatte Sofia Coppola als Baby ihre erste Filmrolle.

Als Regisseurin hat sich Sofia Coppola unter anderem mit den Filmen „The Virgin Suicides“, „Lost in Translation“ und „Marie Antoinette“ einen Namen gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2013)