Von der Kunst, kreativ zu bleiben

Kunst kreativ bleiben
Kunst kreativ bleiben(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Autor Frank Berzbach erklärt, wie man verhindert, dass das ewige Rad aus Präsentationen, Deadlines und Meetings Kreativität und Motivation raubt. Ein Plädoyer fürAuszeiten und Kontemplation.

Am Wichtigsten ist der Tee. Es klingt nach einem banalen Rat, nach dem alten Spruch vom Abwarten und dem Teetrinken, aber zu einer Tasse davon raten Zenmeister ihren Schülern, wenn diese die ganz großen Fragen des Lebens stellen, nicht erst seit gestern, und da schließt sich Frank Berzbach eben an: Auch, wenn es gar nicht um große Fragen gehen muss. Der Schlüssel zur Kreativität, der liegt freilich nicht im Tein, und nicht im Koffein. Sondern in der Ruhe, im Abstand, im Ritual, wenn Deadlines, Termine, Geläute und Mail Alerts den Alltag zermürben.

„Wir brauchen neue Pausenrituale, die das Rauchen ersetzen“, sagt Berzbach. Denn, da sich der Geist nachweislich maximal 45 Minuten konzentrieren kann, machen wir heute in der Regel zu wenige Pausen. Aber es muss nicht der Tee sein, es gehe auch mit Kaffee oder einem anderen kleinen Ritual des Abschaltens. Denn nicht nur die Zenmeister wussten um die Kraft dieser Pausen, „im Kloster regelt das der Gong oder die Glocke, einmal pro Stunde lässt man alles fallen, besinnt sich für einen Moment“, sagt der Autor des kürzlich erschienenen Buches „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“.

Während es in seinem Erfolgstitel „Kreativität aushalten“ um Psychologie, um Wissenschaft, ging, hat sich der Wissenschaftler und Autor nun vorwiegend spirituellen und religiösen Aspekten der kreativen Lebenskunst gewidmet und eine „Anleitung zur Achtsamkeit“, wie es heißt, geschrieben.


Liebe zum Beruf als Gefahr. Brauchen speziell Kreative das? Eine eigene Anleitung, eine speziellere als Menschen, die „konventionellen“ Berufen nachgehen? Grundsätzlich, so Berzbach, gelte seine Anleitung für jeden schöpferischen Menschen, egal ob Bauarbeiter oder Webdesigner. Aber: „Normale Work-Life-Modelle greifen bei Kreativen nicht.“ Der Alltag, die Trennung zwischen Büro und Zuhause, zwischen Arbeit und Freizeit, funktioniert bei Kreativen nicht wie bei anderen Gruppen. Schließlich wird die eigene Tätigkeit weniger als Arbeit, die man in der Firma lässt, gesehen. Gerade bei Selbstständigen. „Es ist eine Lebensform, sie trifft das ganze Leben. Und gerade die Liebe zum Beruf gefährdet Kreative. Die Burn-out-Spirale beginnt mit der Überidentifikation mit dem Beruf“, sagt Berzbach, der heute Psychologie und Medienpädagogik unterrichtet, aber auch das Freelancer-Leben kennt.


Nicht noch ein Ratgeber? Dabei werden doch gerade Kreative für ihr selbstbestimmtes Leben, das entspannte Arbeitsumfeld, den lockeren, freundschaftlichen Umgang in der Szene beneidet? Das täusche. „Alle sind jung, befreundet, locker, cool. Aber es geht trotzdem um Hierarchien, es gibt Stress. Dazu kommen bei vielen Geldsorgen und Erfolgsdruck.“ Und mit solchen Problemen bleiben viele allein. „Die Gesellschaft ist leistungskrank, es wird gefordert, das alles auszuhalten.“ Gerade Kreativen falle das schwer, „sie sind sehr verkopfte Menschen“, die Gehirne von Kreativen seien besonders anfällig für Verzweiflung, da sie pausenlos Probleme höchster Komplexität lösen. Bei Menschen, die manuellen Arbeiten nachgehen, werde im Vergleich viel seltener die Diagnose „Burn-out“ gestellt als bei „Kopf-Arbeitern“.

Berzbachs simple Antwort auf dieses Dilemma? Neben dem Tee? Abstand gewinnen, Auszeiten einlegen, Meditation, Kontemplation. Warum das so wichtig ist, argumentiert er historisch, aus der Tradition der Kontemplation im Christentum, der Meditation im Zenbuddhismus heraus, aus der Philosophie, Literatur, Psychologie – und der Praxis.

Es ist kein esoterisches Geschwafel, nicht noch ein Selbsthilferatgeber, vielmehr ein ruhiges Buch, das zur Reflexion einlädt. Von einem, der die Lebenswelt der Kreativen gut kennt. „Es ist ja schön, wenn man sein Hobby zum Beruf macht, aber man muss auch Abschalten lernen. Man braucht Wege, um davon loszukommen“, sagt er, und so sei er gegen eine „Glorifizierung von Flow-Erlebnissen“, von Momenten des völligen Aufgehens in einer Beschäftigung, des Alles-um-sich-Vergessens. „Man sollte abschalten können“, einen einfachen Weg, um mit Stress und Überforderung umzugehen, ein schnelles Rezept gebe es aber nicht. „Auch bei Burn-out-Gefahr greifen schnelle Tricks wie Psychopharmaka nicht“, sagt er.


Schnelle Tricks gibt es nicht. Wiewohl es schnelle Lösungen generell nicht gebe. Berzbach rät zu seriösen Meditationstechniken, zu Qigong oder zu Yoga. Er selbst, erzählt er, meditiere täglich morgens 35 Minuten, einmal im Jahr nimmt er sich eine Auszeit und geht ins Kloster. Er, selbst Katholik, habe den Zugang zur Meditation über die von Jesuiten geprägte christliche Zentradition gefunden, und seit fünf, sechs Jahren integriert er diese Meditation in seinen Alltag.

Sich einmal pro Woche eine Stunde Auszeit zu nehmen und die übrige Zeit auf der Überholspur zu leben und arbeiten, das funktioniere nicht. Man müsse für seine Praxis Platz im täglichen Ablauf schaffen, sagt Berzbach. „Für die Befreiung aus dem eigenen Gedankenkäfig gibt es weder schnelle Wege noch Medikamente.“ Aber wie diese bringt auch Meditation erhebliche, wenn auch positive Nebenwirkungen. Neben der plötzlichen Entspannung, die vielleicht schon akut eintritt, offenbart sich die wahre Wirkung erst nach Wochen oder Monaten: Wer sich darauf einlässt – angeleitet in einer seriösen Schule oder von einem erfahrenen Lehrer, Meditation und Yoga lassen sich nicht mit Büchern oder Onlinevideos lernen –, wird erfahren, dass diese Lehren kein banales autogenes Training, keine reinen Körperübungen, kein bloßes Abschalten wie beim Sport sind. Wer konsequent übt, wird ruhiger, freier, kann eigene Denkmuster durchschauen und Konzentration länger halten.


Keine Angst vor Räucherstäbchen.
Meditation, so Berzbach, sei dabei keine bloße Kreativitätstechnik. Kein Mittel, das sich schnell, als Instant-Trick vor einem Brainstorming, vor einem Meeting zur Ideenfindung einsetzen lässt, damit Ideen sprudeln. „Wer sich konzentrieren kann, eigene Verhaltensmuster kennt, der ist freier. Und der entfaltet ein hohes Maß an kreativem Potenzial.“ Und man müsse dafür an nichts glauben, sich weder für eine Religion noch für esoterische Schulen begeistern – man müsse es bloß tun.

Für jene, denen Meditation und Yoga zu sehr nach Räucherstäbchen, Klangschalen, nach fremden Religionen oder Esoterik klingen: Harte, naturwissenschaftliche Fakten weisen einen positiven Effekt nach, diese Techniken wirken nachweislich auf die Physiologie: Der Sauerstoffverbrauch verbessert sich, die Metabolismusrate erhöht sich. Das Level an Cortisol – ein Stresshormon – sinkt, ebenso Blutdruck und Cholesterolspiegel. Im Gehirn werden mehr Alpha- und Thetawellen registriert, die Entspannung anzeigen, das Immunsystem wird stärker, auch die Neurotransmitter ändern sich: Konkret wird mehr Dopamin und Serotonin ausgeschüttet. Kurz: Diese Techniken machen glücklich und entspannt. Die jahrtausendealten Lehren wirken gegen moderne Erscheinungen wie das massenhafte Auftreten von Burn-out-Fällen. Messbar sind diese Nebenwirkungen nach etwa acht Wochen regelmäßiger Praxis.


Arbeit nicht überbewerten. Und so rät Berzbach zur regelmäßigen Praxis, dazu, den Beruf, die Arbeit nicht überzubewerten und sich regelmäßige Auszeiten und Pausen zu verschaffen. Zum Beispiel bei einer guten, mit einem ausführlich zelebrierten Ritual zubereiteten und entspannt, fernab des Laptops getrunkenen Tasse Tee.