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Die Welt im Strandkorb

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschnitt derEiserne Vorhang Regionen mit ähnlicher Geschichte, die sich danach völlig anders entwickelten. Oder doch nicht völlig anders?

Wissenschaftliche Bücher für MUSSESTUNDEN

Eine Grenze zwischen dem Waldviertel und Südböhmen gibt es seit dem Mittelalter. Für das tägliche Leben bedeutete diese aber wenig: Es gab stets regen Austausch, man war Nachbar, betrieb Handel, heiratete zusammen etc. Was Jahrhunderte gut funktionierte, wurde im Wahnsinn des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen in wenigen Jahren zerstört: Zuerst wurde in Südböhmen die tschechischsprachige Bevölkerung vertrieben, dann die deutschsprachige, schließlich wurde der Eiserne Vorhang herabgelassen.

Die Folge: Die Orte im Grenzgebiet gingen nun verschiedene Wege. Der Linksruck in der Tschechoslowakei führte zu Agrargenossenschaften und Staatsbetrieben, die alten Führungseliten wurden durch die Partei ersetzt, v.a. nach dem Prager Frühling erstarrte das System. „Der Staatssozialismus der Tschechoslowakei blieb in einer Art ,konservierten‘ Spätmoderne stecken – und scheiterte dann auch daran“, schreibt der Historiker Niklas Perzi in dem von ihm konzipierten Buch „So nah, so fern“ über die Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945–1989. Es ist das Ergebnis des von der EU geförderten Projekts „Stories“, das von der Waldviertel Akademie, dem Museum für Fotografie in Jindřichův Hradec (Neuhaus) und dem Südböhmischen Museum in Český Budějovice (Budweis) durchgeführt wurde. Der Kern sind Mikrogeschichten ausgewählter Orte auf beiden Seiten der Grenze, die v.a. auf Interviews mit Zeitzeugen beruhen.

Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend: Allen Systemunterschieden zum Trotz gibt es viele Parallelen. Die Orte hatten die gleichen Probleme – etwa bei der Modernisierung der Infrastruktur oder mit der Abwanderung. Selbst die politischen Strukturen ähnelten einander: Die Gemeinden wurden von jeweils einer politischen Kraft dominiert – in Südböhmen von den Kommunisten, im Waldviertel meist von der ÖVP, mancherorts von der SPÖ. „Die Partei bot da wie dort die Möglichkeit einer ,alternativen‘ Laufbahn“, merkt Perzi an. Auf beiden Seiten wurden die einmal geschaffenen Lebenswelten für die Menschen selbstverständlich, man habe nicht die Systeme hinterfragt, sondern Abläufe innerhalb der Systeme, kommentiert der Historiker.

Schließlich begehrten hüben wie drüben die neuen Mittelschichten auf, die sich, so Perzi, „immer weniger in ihren Leben ,dreinreden‘ und vorschreiben lassen wollten – nicht von Partei(en) und nicht von der (katholischen) Kirche“.


„So nah, so fern: Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945–1989“, 478 Seiten, 24Euro (Verlag Bibliothek der Provinz).

martin.kugler@diepresse.com diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2013)