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Ausflug in die Katastrophe von Hiroshima

Ausflug Katastrophe Hiroshima
Ausflug Katastrophe Hiroshima(c) EPA (KIMIMASA MAYAMA)

Vor 68 Jahren wurden am 6.August die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki von Atombombenausradiert. Aber nur das moderne Hiroshima lockt historisch interessierte Touristen an.

Diese Woche ist in Japan etwas Besonderes. Es wird der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki gedacht. Beide Städte wurden ähnlich zerstört. Aber nur Hiroshima schlägt daraus heute richtig Kapital – mit Tourismus. Im Peace Memorial Museum reicht die Schlange bis auf den Vorplatz. Es sind Japaner, Nordamerikaner, Europäer und Australier. Gelacht oder laut gesprochen wird nicht. Man scheint Respekt zu haben vor dem, was einen erwartet. Jeder weiß, dass es dort um eine Art der Zerstörung geht, von der die Welt an diesem Ort einst zum ersten Mal erfuhr. Es werden Atomwaffen ausgestellt, persönliche Schicksale und Modelle der Stadt vor und nach der Explosion. Es sind viele Leute da. Obwohl Hiroshima den größten Tag des Jahres gerade erst hinter sich hat.

Immer am 6.August schaut die ganze Welt auf die westjapanische Millionenstadt, die an diesem Tag im Jahr 1945 mit einem Schlag in Schutt und Asche verwandelt wurde. Um 8.15 Uhr morgens explodierte 600 Meter über den Dächern der Gebäude eine Uranbombe namens Little Boy, abgeworfen vom 30-jährigen Kampfpiloten Paul Tibbets. Auf einen Schlag starben 100.000 Japaner, rasch stieg die Zahl der Toten auf das Doppelte. Drei Tage später, am 9.August, ließen die USA auch über Nagasaki eine Atombombe fallen, diesmal aus Plutonium. Das Ausmaß der Zerstörung war ähnlich. Kaum ein Gebäude stand noch, überall lagen Tote oder Schwerverletzte. Eine knappe Woche später kapitulierte Japan bedingungslos, der Zweite Weltkrieg war zu Ende.

Heute würde ein Unwissender nicht erkennen, dass Hiroshima und Nagasaki ausgelöscht worden sind. Es sind moderne Städte mit Hochhäusern, Parks und öffentlichem Verkehr. Trotz des gemeinsamen Schicksals schlägt eine der beiden Städte deutlich mehr Kapital aus dieser erschütternden Geschichte: Hiroshima ist weltweit viel bekannter für seine Friedensbewegung um die Abschaffung nuklearer Waffen. Auch die jährliche Friedenszeremonie erfreut sich eines stärkeren internationalen Echos. Historisch interessierte Touristen besuchen daher eher Hiroshima als Nagasaki.

Zwar haben die beiden Städte ähnliche Besucherzahlen. Allerdings kommt nach Hiroshima ein Drittel aus historischen Gründen, während dies in Nagasaki nur ein Fünftel tut. Die lokale Wirtschaftskraft Hiroshimas schöpft sich zu 2,3 Prozent aus Tourismus, knapp doppelt so viel wie im japanischen Durchschnitt. In das Peace Memorial Museum in Hiroshima kommen jedes Jahr 1,3 Millionen Besucher, das Äquivalent in Nagasaki zieht weniger als eine Million an. Auf Reisewebsites wie Tripadvisor sind diese Museen als wichtigste Attraktion bewertet. Auch die beiden Friedenszeremonien bestätigten das Bild: In Hiroshima kamen rund 30.000 Gäste, in Nagasaki 6000.

Erste Bombe fiel auf Hiroshima. Warum dieser Unterschied? „Der wichtigste Grund ist wohl, dass die erste Bombe auf Hiroshima fiel“, sagt Norio Shiotani vom Tourismusbüro der Stadt. Hinzu kommt der bekannte „Atomic Bomb Dome“, einst das Gebäude der Handelskammer, dessen Grundfesten der Atombombe wie durch ein Wunder widerstehen konnten. Die Ruine mit dem zerstörten Kuppeldach ist das Symbol für die Vergangenheit und Unesco-Weltkulturerbe. Nagasaki hat diese Ehre zumindest in Bezug auf die Atombombe nicht.

Aber es sind nicht nur rein historisch interessierte Besucher, die es nach Hiroshima zieht. In Hiroshima sitzt die Initiative „Mayors for Peace“, durch die sich die Bürgermeister mehrerer Städte für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzen. Den Vorsitz hat der Bürgermeister Hiroshimas. Jener von Nagasaki ist Vizechef, gemeinsam mit jenen mehrerer anderer Städte. „Zu uns kommen auch viele Menschen, die nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern auch die Zukunft formen wollen“, sagt Shiotani. Diese Mischung mache den Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Besucher in Hiroshima geben jährlich 1,7 Billionen Yen aus (ca. 13 Milliarden Euro). Das Geld fließt auch in Souvenirs wie Postkarten und T-Shirts.

Dass die Geschichte der Stadt zur Ware verkommen sei, wie Friedensaktivisten kritisieren, findet Shiotani nicht. „Die Botschaft der Stadt ist die Verbreitung von Frieden. Wer sich dafür interessiert, ist willkommen. Das ist nur positiv.“ Es scheint zu klappen. In den letzten Jahren sind die Besucherzahlen in Hiroshima gestiegen.

Allerdings hat die Stadt ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft. „Die meisten ausländischen Besucher stammen aus westlichen Ländern. Aus Asien kommt kaum jemand“, sagt Randy Summers, der für die außenwirtschaftlichen Beziehungen der Stadt Hiroshima verantwortlich ist. Der Grund: Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg, als es China, Korea und mehrere südostasiatische Länder kolonisierte und deren Menschen für militärische Zwecke missbrauchte, wurde kaum aufgearbeitet. Eine Entschuldigung der japanischen Regierung gegenüber diesen Ländern blieb bis heute aus.

So wird in Hiroshimas Peace Memorial Park vor allem das Leiden der Japaner betont. Dass auch Koreaner, Chinesen und westliche Kriegsgefangene starben, wird kaum erwähnt. Das Tourismusbüro berücksichtigt das. „Unsere Marketingstrategie orientiert sich an den unterschiedlichen Interessen in verschiedenen Ländern“, sagt Norio Shiotani. Gegenüber der westlichen Reiseindustrie wird die Geschichte um Little Boy beworben. Im Kontakt mit der asiatischen Branche rückt man den jahrhundertealten Schrein von Miyajima in den Vordergrund, der außerhalb der Stadt auf dem Wasser schwebt und als eine der schönsten Sehenswürdigkeiten Japans gilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2013)