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Schiele-Familienaufstellung: „Verpestete Triebe“

Familie Schiele Anfang der 1890er-Jahre.
Familie Schiele Anfang der 1890er-Jahre.Slg. Gradisch
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Tulln gedenkt seines berühmten Sohnes endlich würdig. Das Schiele-Museum glänzt mit hervorragender Dauerausstellung zum jungen Schiele. Die adaptierte Geburtswohnung im Bahnhof setzt neue Standards.

Es ist schon ein seltsames Gefühl, in der Schauwohnung im ersten Stock des ausgestorbenen historischen Tullner Bahnhofsgebäudes zu stehen, in glühender Hitze, unter einer „Sound-Dusche“. Und zu hören, was sich hier, genau hier, vor rund 120 Jahren abgespielt hat. Familie Schiele wohnte hier, für damalige Verhältnisse luxuriös auf 125m2. Vor der Türe lungerten damals keine fertigen Typen herum, sondern hier spielte man große Welt.

Hier war die große Welt, der Bahnhof war das Tor dazu. Und sein Hüter war der Bahnhofsvorstand, Herr über alles. Auch über seine Familie, Adolf Schiele war ein echter Patriarch, elitär bis zum Protz. Seine vier Kinder (eine Tochter starb als Kind) durften nur mit „Gleichrangigen“ spielen, also praktisch niemandem, ausgefahren wurde in der Kutsche, getragen wurden dazu vom Vater Federhelm und Degen. Das Leben hier bedeutete für seine Frau, die kleine Gertie, Egon und die große Melanie ein Leben unter totaler Beobachtung.

Der Blick gleitet von der auf dem Boden aufgebauten Spielzeugeisenbahn – Schiele hatte Unmengen an Spielsachen – aus dem Fenster, auf die Bahngleise. Das ist er, der Ausblick, der Schiele prägte, fast die Hälfte seines kurzen Lebens immerhin, von seiner Geburt, bis er zwölf war. Seit Kurzem ist die Wohnung zu einem interaktiven Museumsort adaptiert, wie man ihn bisher nicht kannte. Vorbildlich wurde gelöst, woran vergleichbare Plätze kranken, Geburtshäuser, Sterbezimmer berühmter Personen. Immer wird versucht, Authentizität vorzutäuschen, fast immer ist es ein Fake.

 

Wie ein begehbares Schwarz-Weiß-Bild

Auch aus der Schiele-Wohnung sind keine Originalmöbel erhalten. Die von Schiele-Experte Christian Bauer mit dem Gestaltungsteam Toikoi entwickelte Lösung ist nahezu genial: Es wurden zwar historistische Möbel genommen, sie wurden aber grau lackiert. Wie in einem Schwarz-Weiß-Bild fühlt man sich so, man hat eine Vorstellung, wird aber nicht hinters Licht geführt. Auch die ausgestellten Archivalien sind Reproduktionen. Schließlich befindet man sich in einer Art Automatengedenkstätte. Zwei Euro muss man einwerfen, dann erst öffnet sich die Tür, überwacht wird nur elektronisch.

Über die in der Wohnung überall von der Decke hängenden Lautsprecher rieseln Originalzitate von Schiele und seinen Geschwistern, die Gedanken werden auf Zeitreise geschickt, der Blick schweift. Hier, im Kachelofen des Elternzimmers, verbrannte der Vater das erste Skizzenbuch Schieles, er hatte es in nur einem Tag gefüllt, die Blätter über die ganze Wohnung verteilt. Der Vater war überfordert vom Talent. Wie von seinem Leben überhaupt. Bauer hat die ÖBB-Akte ausgegraben, schon früh zeichneten sich die Folgen einer Syphiliskrankheit ab, Adolf Schiele wurde so verwirrt, dass die Familie im Salon fiktive Gäste unterhalten musste.

Der Vater scheint überhaupt wichtiger als gedacht, kein einziges Schiele-Porträt von ihm ist bekannt, was auffällig ist, dafür legt die Forschung mittlerweile nahe, dass auf dem berühmten Eremiten-Doppelbildnis Schieles im Leopold-Museum nicht Klimt zu sehen ist. Sondern der Vater. Er könnte auch ein genealogischer Schlüssel sein für Schieles Neigung zu sehr jungen Mädchen. Auch der Vater verliebte sich mit Mitte 20 in Schieles Mutter, sie war zwölf.

Der Vater wusste also, warum er seinen Sohn verdächtigte, eine erotische Beziehung zu seiner jüngeren Schwester zu haben. Als Schiele 16 war, wiederholte er mit ihr sogar die Hochzeitsreise der Eltern bis nach Triest. In einem Brief an die Mutter erklärte er später, „verpestete Triebe“ seien schuld gewesen. Auch diese Aussage wird hier in der Bahnhofswohnung nicht verschwiegen. Wie auch in der ambitionierten Neuaufstellung zum jungen Schiele im Tullner Schiele-Museum beachtlich offen damit umgegangen wird, dass Schiele in Neulengbach nicht nur aufgrund bürgerlicher Verleumdung wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ unter Minderjährigen einsaß. Sondern dass im Hintergrund Vereinbarungen getroffen worden sein mussten, um größeren Schaden vom Künstler abzuwenden. Einer seiner Mäzene hatte ihm den Anwalt bezahlt. Und Schiele nach dem Prozess das Duwort entzogen.

Geburtswohnung: tägl. 9–20h, Bahnhof Tulln. Museum Tulln: www.egon-schiele.eu. Bei Hirmer erschienen: „Egon Schiele. Der Anfang“, Hg. von Christian Bauer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2013)