Wachstumsmarkt. Multinationale Konzerne haben sozial Schwache der Dritten Welt als Zielgruppe entdeckt.
In Österreich wächst die Zahl der für die einkommensschwache Klientel eröffneten Sozialmärkte.
Auch die sozial Schwächsten verfügen über Mittel, die sie ausgeben. Das wissen nicht nur die Glückspielbetreiber, die sich in der Werbung mit dem Traum vom guten Leben an eben diese Klientel wenden. Auch multinationale Konzerne, die in den entwickelten Industrieländern kaum mehr Wachstumspotenzial sehen, haben eigene Businesspläne mit dieser Zielgruppe im Visier entwickelt.
British Petroleum (BP) etwa identifizierte in den Schwellenländern einen Milliarden-Menschen-Markt mit in Sachen Energie unterversorgten Haushalten. 100 Millionen von ihnen will der Mineralölkonzern bis 2020 als Kunden gewinnen.
Milliardenmarkt Dritte Welt
Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) entwickelten in Zusammenarbeit mit NGOs, Universitäten und Stiftungen einen kleinen Ökoherd für günstiges und gesundes Kochen in der Dritten Welt.
Geschäfte mit sozial Schwachen machte auch schon Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der 1874 eine Kreditunion für arme Bauern gründete. 130 Jahre später erhielt Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank, den Friedensnobelpreis für seine Idee, mit Kleinstkrediten Armut aus der Welt zu schaffen. Laut Schätzungen beträgt der weltweite Umsatz der Mikrofinanz heute mehr als 50 Milliarden Euro.
Wer im vergleichsweise reichen Österreich über eine Shoperöffnung nachdenkt, hat wohl kaum die Zielgruppe besonders einkommensschwacher Personen im Visier. Aber allein in Wien soll es 200.000 Menschen geben, die zu dieser potenziellen Klientel gehören. Zeitgenossen mit den gleichen Grundbedürfnissen wie alle anderen, aber Mitteln, die kaum für die Deckung des täglichen Bedarfs an Nahrung reichen.
An die 30.000 von ihnen bescheren Alexander Schiel zwar keine Millionenumsätze, aber sein Auskommen. Der gelernte Elektro- und Nachrichtentechniker kam nach einer Fahrt durch Villach, wo er auch einen Sozialmarkt besuchte, auf die Idee, das Modell nach Wien, wo es noch keine derartige Einrichtung gab, zu importieren.
Diese Idee setzte der 35-Jährige vor fünf Jahren um. Heute bieten drei Märkte mit dem Namen SMW (Sozialmarkt Wien) in der Bundeshauptstadt Versorgung für ihre Klientel, die nachweislich über nicht mehr als 900 Euro Einzeleinkommen verfügen darf.
In den Läden gibt es 120 unterschiedliche Produkte – von Lebensmitteln über Shampoos bis hin zum Tierfutter – zu Preisen, die durchschnittlich zwei Drittel unter jenen herkömmlicher Supermärkte liegen. Und manchmal gibt es auch etwas geschenkt. Etwa wenn das Ablaufdatum knapp bevorsteht, wie aktuell bei ein paar Paletten Manner-Lebkuchen.
Startkapital von der Börse
Das Startkapital zur Unternehmensgründung stammte von der Börse. Nein, weder aus Crowd-Sourcing noch aus Aktienspekulationen, sondern aus einer fürstlichen Abfertigung in Höhe von drei Jahresgehältern. Die lukrierte der damals 25-jährige Mitarbeiter der EDV-Abteilung der Wiener Börse, als deren Belegschaft von 90 auf 60 Köpfe reduziert werden sollte. „Ich war mit 23 Jahren jüngster Betriebsratsobmann und auch etwas querulantisch. Die Geschäftsführung fragte mich also, unter welchen Umständen ich bereit wäre, zu gehen“, erinnert sich Schiel.
Neben der Abfindung nahm er als Grundausstattung noch betriebswirtschaftliche Kenntnisse mit: „Als Betriebsratsobmann landete ich automatisch im Aufsichtsrat, wo ich dann zwei Jahre gemeinsam mit Kalibern wie Claus Raidl, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Böhler Uddeholm AG, und dem Ex-AUA-General Vagn Sörensen arbeitete. Mit 20.000 Euro habe ich einen gemeinnützigen Verein ohne Gewinnabsichten gegründet, den ersten Markt im 10. Bezirk angemietet und hergerichtet und einen Lieferwagen um 300 Euro angeschafft.“ Seit September vorigen Jahres gehören zwei neuere Lieferwägen, die jährlich rund 50.000 Kilometer fahren, zum Fuhrpark. Drei Viertel der Waren kauft Schiel zu, der Rest besteht aus Spenden von Herstellern.
Elf Personen arbeiten mit – zwei Angestellte und neun Ehrenamtliche. Früh- oder Mindestpensionisten gehören ebenso zu Letzteren wie Arbeitslose, die sagen, „bevor ich zu Hause sitze, mache ich lieber etwas Sinnvolles.“
Sinnstiftende Tätigkeit
Der Arbeitstag des inzwischen 35-Jährigen beginnt um 6.30 Uhr, wenn ihn der angestellte Fahrer von Daheim im 10. Wiener Gemeindebezirk abholt und in den größten Markt im 22. Bezirk führt, und endet spätabends mit Bestellungen, Buchhaltung und E-Mails.
Schiel selbst zahlt sich 1500 Euro netto Geschäftsführergehalt aus bei 17.000 Euro monatlichen Fixkosten, die das Unternehmen zu decken hat.
„Ich brauche nicht mehr“, sagt der führerscheinlose Vespafahrer und Öffi-Nutzer. Er lebt lieber sparsam, als eines der Angebote, fürs Doppelte oder gar Dreifache im Dienste eines fremden Chefs tätig zu werden, anzunehmen.