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„Herr aus gutem Haus“

Kommende Woche wird Johann Christoph Allmayer-Beck 95. Erst jetzt legt der Historiker seine Kriegserinnerungen vor. Sie richten sich weniger an seine Generation als an jüngere Leser und sind in erster Linie Selbstreflexionen.

Sie sind selten geworden, die Kriegserinnerungen der Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Das ist aber nicht nur ein Generationenproblem, sondern hat wohl auch damit zu tun, dass die Veröffentlichung von vielleicht schon vor langer Zeit geschriebenen Erinnerungen eine Gratwanderung ist: Nicht alles, was einmal geschrieben worden ist, entspricht dem heutigen Verständnis für die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs. Und seit einmal ein ehemaliger Oberleutnant gesagt hat: „Ich habe nur meine Pflicht getan“, sind die Dinge nicht einfacher geworden. Zwar hat die damals hochbrandende Erregung dazu geführt, dass kritischer und vielfach auch aggressiver auf Nationalsozialismus und Kriegsjahre geblickt wird, doch der Kriegsgeneration selbst ist das Reden – und Schreiben – mehrheitlich vergangen. Es sind wohl auch die Adressaten andere und weniger geworden. Denn das waren zunächst die ehemaligen Kameraden gewesen. Erinnerung stand im Vordergrund. Und bei höheren und hohen Offizieren die Rechtfertigung. Diese Zeiten sind definitiv vorbei.

Die Kriegserinnerungen eines hoch angesehenen österreichischen Historikers und ehemaligen Offiziers der Deutschen Wehrmacht, wie sie mit Allmayer-Becks autobiografischem Band „Herr Oberleitnant, det lohnt doch nicht!“ vorliegen, wenden sich denn auch zum wenigsten an Kameraden, ehemalige Vorgesetzte oder Untergebene. Die Erinnerungen haben zwei andere Adressaten: die gegenwärtigen und von Generalsmemoiren ebenso wenig wie von „Landsergeschichten“ geprägten und vorbelasteten jüngeren Leser sowie den Autor selbst. Es sind seine ganz persönlichen Aufzeichnungen, sie waren eigentlich nie dazu gedacht, veröffentlicht zu werden. Umso erstaunlicher und dankenswert, dass sie nun doch erschienen sind.

Es ist ein ungemein inhaltsreiches, erklärendes, reflektierendes Buch, keine Anklage. Auch keine Selbstanklage. Wohl aber lässt sich durchgängig die Frage verfolgen, wie ein „Herr aus gutem Haus“, der Berufsoffizier im Österreichischen Bundesheer werden wollte, im Herbst 1938 nach Mohrungen in Ostpreußen kommen konnte, um dann mit der ostpreußischen 21. Infanterie-Division und anderen Heeresverbänden mehr oder weniger durchgängig bis 1945 an der Front zu stehen. Krieg, wie er ihn erlebte. Nun stehen Artillerieoffiziere nicht so unmittelbar an der Front wie Infanteristen, und vielleicht war es auch jene Distanz, die den Tagebuch führenden Oberfähnrich und zuletzt Hauptmann nicht nur Ereignisse und Begegnungen zu Papier bringen, sondern auch über den Kriegan sich (unter einer falschen Fahne), dessen Ursachen, seine Kriegsherren und die eigene Rolle nachdenken ließ.

Alles schien zunächst und bis zu einem gewissen Grad selbstverständlich: die ostpreußische Garnison, der Feldzug in Polen, jener in Frankreich, der Überfall auf die Sowjetunion, die Einschließung von Leningrad, der Rückzug, die letzten Monate in der Kriegsakademie und schließlich das Ende in Tirol im Mai 1945. Nur eines war für Allmayer-Beck nicht selbstverständlich: dass er ohne schwere Verwundung den Krieg überstanden hat, während neben ihm massenhaft eigene und gegnerische Soldaten fielen und die Totenstatistiken anschwellen ließen.

Obsorge und fallweise immer noch zu spürendes Mitleid leuchten in den Aufzeichnungen immer wieder durch, auch dann, wenn es um die Schilderung einer Episode wie der Bergung eines schwerstverwundeten Rotarmisten geht, ein Unternehmen, das von einem Ostpreußen der Bewachungsmannschaft mit den für das Buch titelgebenden Worten kommentiert wurde: „Herr Oberleitnant! Det lohnt doch nicht mehr!“ Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass die Aufzeichnungen zwischen katholischer Erziehung, militärischem Alltag und allmählich stärker werdenden Zweifeln angesiedelt sind. Passagen wie jene, in denen sich Allmayer-Beck die Schuld am Tod eines Untergebenen zuschreibt, weil er ein unrichtiges Feuerkommando gegeben hat, machen das überdeutlich.

Vielleicht sollte man den ersten und den letzten Kapiteln besondere Aufmerksamkeit widmen, denn mit fortschreitender Kriegsdauer und lückenhafter werdenden Aufzeichnungen mutieren die Eintragungen immer mehr zur Selbstreflexion. Endsieg war kein Thema mehr, „aber auch für Kritik an der eigenen Führung war es wohl noch zu früh“. Man bewegte sich in einer „Sphäre der Unwirklichkeit“. In der Kriegsgefangenschaft las Allmayer-Beck dann Hitlers gesammelte Reden und zum Drüberstreuen noch ein bisschen was von Joseph Goebbels und meinte, dass nichts mehr zu seiner Umerziehung beigetragen hätte als deren Inhalt und Tenor. Die Kriegserinnerungen des mittlerweile 95-jährigen Autors enden mit einem einfachen Bekenntnis: Er wollte mit ihrer Abfassung und letztlichen Veröffentlichung ein Zeichen der Dankbarkeit setzen. Nicht so sehr Menschen gegenüber (doch auch denen), sondern Gott. Er sei, schreibt er, „durch eine höhere Fügung davor bewahrt worden, schuldig zu werden“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. ■

Johann Christoph Allmayer-Beck

„Herr Oberleitnant, det lohnt doch nicht!“

Kriegserinnerungen an die Jahre 1938 bis 1945. Hrsg. von Erwin Schmidl. 560 S., geb., 83 SW-Abb., 2 Karten, €39 (Böhlau Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2013)