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Die neue Finanzwelt des Papstes

neue Finanzwelt Papstes
neue Finanzwelt Papstes(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Mit revolutionärer Offenheit, neuen Regeln und Untersuchungsausschüssen sucht der Vatikan den Ruf eines dubiosen Geldparadieses mitten in Europa loszuwerden. Die Festung namens Vatikanbank öffnet sich.

Aus ihrem monumentalen, spätmittelalterlichen Wehrturm ist die Vatikanbank plötzlich ins Internet getreten. Das Institut für Werke der Religion (IOR) präsentiert sich der Welt auf einer Seite von blütenweißer Eleganz, ohne Schnickschnack, ohne Geheimniskrämerei. Und auf einmal, das war noch nie da, steht man selbst mittendrin: in der kreisrunden, schmucklosen Schalterhalle, die in dem Bollwerk aus dem 15. Jahrhundert ein ganzes Stockwerk ausfüllt. Der Pförtner wundert sich nicht einmal, wenn man ihn nach dem Weg zur Chefetage fragt. Wortlos zeigt er auf den Lift.

Zu rigoroser Transparenz hat sich das IOR entschlossen, seit der Deutsche Ernst von Freyberg im Februar dort Präsident geworden ist. Die Öffentlichkeitsarbeit hat der 55-Jährige in Umgehung der vatikanischen Dienstwege auch gleich selbst in die Hand genommen: Schon in seinen ersten Amtstagen hat er eine Münchner PR-Agentur angeheuert, die nun den Kontakt zu den Journalisten pflegt.


Zwanzig junge Finanzdetektive. Seit Anfang Juli – im Gefolge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen – die beiden Geschäftsführer des IOR, Paolo Cipriani und Massimo Tulli, zurückgetreten sind, führt von Freyberg auch die operativen Tätigkeiten des päpstlichen Geldinstituts. Und trotz der grandiosen Aussicht auf den Petersplatz ist der Presidente aus seinem Büro ausgezogen. Dort arbeiten jetzt, dicht um viele Computer gedrängt, an die zwanzig junge Finanzdetektive. Sie kommen von der US-amerikanischen Firma Promontory, die auf Unternehmensberatung und Bekämpfung von Geldwäsche spezialisiert ist.

Bis Jahresende wollen sie alle 18.900 Konten des IOR durchleuchtet haben: Gehören sie tatsächlich den Klerikern, den Ordensgemeinschaften oder den Vatikanbediensteten, die als Inhaber eingetragen sind, oder verstecken sich dahinter irgendwelche Leute, die alles andere als fromme Interessen haben?

Gibt es zweifelhafte Finanzbewegungen? Auffällige Verschiebungen bedeutender, nicht deklarierter Bargeldmengen?

Aber einen Koloss wie Promontory auf ein Geldinstitut anzusetzen, das mit 7,1 Milliarden Euro verwalteten Vermögens (2012) kleiner ist als so manche deutsche Kreissparkasse – heißt das nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen?

Gewiss nicht, sagen die freundlichen Herren von der PR-Agentur: Beim weltweiten „Kampf gegen die Geldwäsche und die Finanzierung des internationalen Terrorismus“, dem sich der Vatikan nun anschließen will, „kann keine Kanone groß genug sein“. Und dann, so kommt es zwischen den Worten durch, könnte der Hilferuf an Promontory ja auch ein genialer Einfall gewesen sein: Wer einmal deren Prüfung überstanden hat, der hat vor der Weltöffentlichkeit mit Sicherheit eine weiße Weste.


Peinliche Sperre von Bankomaten. Alle kleineren Lösungen, internen Untersuchungen und Besserungsversprechen des IOR waren ja unzulänglich; das zeigen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die damit vorsichtshalber verbundene, diskrete Abwendung italienischer Partnerinstitute sowie die zunehmende Feindseligkeit der Italienischen Nationalbank, die Anfang des Jahres in der peinlichen Sperre vatikanischer Bankomaten gipfelte: Italien argumentierte, die Vatikanbank sei – mitten in der Europäischen Union – ein Offshore-Paradies für zweifelhafte Finanzgeschäfte; nationale Banken dürften dem IOR nicht auch noch mit Dienstleistungen wie dem Betrieb von Geldautomaten helfen.

Wer sich in italienisch-römischen Bankenkreisen umhört, erfährt, dass diese Zwangsmaßnahme für sich allein genommen womöglich genauso wenig gerechtfertigt war wie die neunmonatige Sperre von 23 Millionen Euro Vatikangeld in den Jahren 2010 und 2011. Bei Italiens Bankbehörden hatte sich jedoch im Lauf der Jahre eine Menge Frust über den Kirchenstaat und das IOR angestaut – etwa darüber, dass Rechtshilfeersuchen systematisch unbeantwortet blieben –, und so musste ein Exempel statuiert werden.


Gefängnis „Zur Himmelskönigin“. Auf dem Tisch der IOR-Presseleute liegt ein hundertseitiger Bericht, den Journalisten vorerst nur von außen zu sehen bekommen: die Untersuchungen von Promontory zu Nunzio Scarano. Der Monsignore hat Ende Juni seinen Arbeitsplatz in der Buchhaltung der Vatikanischen Güterverwaltung mit einer Zelle im römischen Gefängnis „Zur Himmelskönigin“ („Regina Coeli“) tauschen müssen. Italienische Staatsanwälte beschuldigen ihn des Schwarzgeldschmuggels. Für einen neapolitanischen Reeder – von dem er für ungeklärte Gegenleistungen auch noch eine Art Gehalt bezog – soll der Priester versucht haben, mehr als 20 Millionen Euro illegales Bargeld aus der Schweiz zu holen; darüber hinaus habe er seine gehobene Stellung im Vatikan für krumme Kumpelgeschäfte über das IOR genutzt.

Im Umfeld dieses Falles und im päpstlichen Erschrecken darüber, dass so etwas im eigenen Haus immer noch möglich war, passierten dann gleich mehrere wegweisende Dinge: Mit handschriftlichem Erlass – „So haben Wir beschlossen ...“ – setzte Franziskus am 24. Juni einen ausschließlich ihm selbst zugeordneten Untersuchungsausschuss zum IOR ein und entmachtete damit faktisch die fünfköpfige Kardinalskommission, die das Geldinstitut beaufsichtigen sollte. Der Rücktritt der IOR-Chefs Cipriani und Tulli, auch wenn ihnen Papst und Staatsanwaltschaft persönlich offenbar nichts vorwerfen, öffnete eine Woche danach den Weg für die operative Führung durch Ernst von Freyberg und die Einsetzung eines vatikanfernen obersten „Risikoprüfers“.

Im nächsten Erlass berief der Papst am 18. Juli ein achtköpfiges Expertengremium zum Gesamtumbau der vatikanischen Finanz- und Wirtschaftswelt, welchem das IOR – die Sache bleibt vorerst offen – eines Tages auch zum Opfer fallen könnte. Und während er in dieser Runde nur vatikanexterne Personen versammelte, auch keine Priester oder Bischöfe, schob Papst Franziskus am 8. August eine Kommission zur Finanzsicherheit hinterher, in welcher er die zuständigen Kurienchefs an einen Tisch mit der Vatikan-Gendarmerie und der Finanzaufsicht zwingt.


Frieden mit der Nationalbank. Dieser von Benedikt XVI. begründeten Vatikanischen Finanzaufsicht (AIF) unter Führung des renommierten Schweizer Antigeldwäsche-Spezialisten René Brülhart gelang es im selben Zeitraum, Frieden mit der Italienischen Nationalbank zu schließen. Im Memorandum vom 26. Juli verpflichten sich beide Seiten zum vereinten Kampf gegen Geldwäsche und zum Austausch einschlägiger Informationen – im Fall des Monsignor Scarano konnten sie passenderweise gleich damit beginnen.

Vor einer Woche hat Papst Franziskus die Befugnisse der AIF auch noch so erweitert, wie es die Moneyval-Kommission des Europarats vergangenes Jahr in ihrem Untersuchungsbericht verlangt hatte: War die AIF bisher nur Melde- und Registrierstelle für Fälle von Geldwäsche, so kann sie nun auch „prudenziell“, aktiv einschreitend, vorbeugend tätig werden – so umfassend wie in Deutschland die Bankenaufsicht Ba-Fin und so stark wie im Vatikan bisher einzig der Papst. „Wir sind auf dem rechten Weg“, resümiert Brülhart, „aber zum Beispiel bei der praktischen Umsetzung sind noch einige Schritte zu gehen.“

Dann bleibt noch ein großer Brocken: die APSA, die Vatikanische Güterverwaltung, in der Don Scarano gearbeitet hat. Da geht es nicht nur um kunsthistorisch wertvolle und auf dem Wohnungsmarkt heiß begehrte Immobilien, da geht es auch die Anlageformen eines Kapitalvermögens von nominell 680 Millionen Euro.

In den Beratergremien der APSA sitzen bisher zahlreiche Vertreter des römisch-hauptstädtischen Finanzklüngels. Sie sind untereinander verbandelt und manche Familie ist – völlig unhinterfragt – schon in zweiter oder gar dritter Generation in dem Gremium. „Der Vatikan ist denen ausgeliefert wie mittelalterliche Päpste dem römischen Stadtadel“, meint ein langjähriger Beobachter, der seinen Namen nicht genannt haben will: „Spätestens wenn Franziskus in dieses Wespennest sticht, gibt's Ärger.“

Die Bank des Papstes

Das Istituto per le Opere di Religione ist besser bekannt als die Vatikanbank. Sie ist im Besitz des Heiligen Stuhls und gilt de facto als Staatsbank des Vatikan (nicht zu verwechseln mit einer Nationalbank, die für Geldpolitik zuständig ist). Die Vatikanbank wurde 1887 von Papst Leo XIII. gegründet.

Geldwäschevorwürfe begleiten die Bank seit Langem. Aber unter Papst Franziskus hat man sich einer neuen Transparenz verschrieben. Ein US-Unternehmen prüft alle Konten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)