Nick Cave glaubt an Gott und Nixen, Tricky verliert seinen Kopf, Hurts schließen in der Disco die Augen. Und James Blake scheut den Tag. Die letzten Konzerte auf der "Green Stage" boten eine dichte Seelenschau.
Männer, die allein im Licht stehen. Schlanke bis magere Männer, die sich ans Herz und in den Schritt greifen, die Rosen und sich selbst in die Menge werfen, sich ihrer Hemden entledigen, die jäh von Verzückung in Verzweiflung fallen und umgekehrt, Männer, die es schier zerreißt, die etwas wollen, unbedingt wollen, und sei es nur für Sekunden unsere Seele...
Hätte ein Anthropologe aus einem fernen, fremden Land die drei letzten Konzerte auf der „Green Stage“ des heurigen Frequency-Festivals verfolgt, er würde begeistert berichten: Was für eine reiche Kultur der männlichen Zurschaustellung hat doch die englisch dominierte Zivilisation des frühen 21.Jahrhunderts entwickelt!
Zu den Fakten. Die Männer, die sich da produzierten, waren: Theo Hutchcraft, 26, aus Richmond, England, vom Duo Hurts; Adrian Thaws vulgo Tricky, 45, aus Bristol; Nick Cave, 56, aus Australien. Große Buben aus mindestens zwei Generationen also.
Doch zunächst kam eine nicht nur sehr englische, sondern vor allem engelhafte Erscheinung: James Blake aus London, 24 Jahre alt, fest angeklammert an seine Keyboards, verwirrte mit seiner geschlechtslosen Stimme, seinen zitternden Klängen, mit Beats, die aus dem Nichts entstanden und wieder vergingen wie Teilchenpaare im Vakuum. Und hin und wieder ein Bass, der so heftig vibrierte, dass es alle Organe schüttelte: Schwingungen, die nichts mehr mit Groove oder gar Erotik zu tun haben, sondern Unbehagen erzeugen. Er tue sich schwer im Tageslicht, sagte der Sänger entschuldigend, und wirklich: Diese in ihrem Wesen zaghafte, virtuos mit keimender Angst spielende Musik passt besser ins Dunkle. Denn dort leben die Geister des James Blake.
Wenn Theo Hutchcraft von Hurts die Augen schließt, dann sieht er in seinem Dunkel keine Geister, sondern die Geliebte. „When I close my eyes I see you“, sang er, „in the dead of the night I feel you, when I open my eyes you disappear“, und man glaubte ihm diese Beschwörung einer entzogenen Liebe aufs Wort. Natürlich, die Seelenschau, die dieses auf der Bühne von etlichen Musikern unterstützte Duo vorführt, steht in der alten Discopop-Tradition, die einst Depeche Mode perfektioniert haben, aber sie wirkt. Da passt sogar die Mikrofonständer-Akrobatik, die Hutchcraft eingeübt hat. Glaubt man ihm auch den Satz „I just need somebody to die for“? Egal, hier gibt ein Sehnsüchtiger Versprechen ab, hier kommt es auf die große Geste an, und die Erfüllung findet ohnehin nur bei geschlossenen Augen statt...
In der Halle versuchten sich Besucher im Breakdance, draußen gaben Street-Art-Künstler Anschauungsunterricht: Das Frequency Festival 2013 unterhält auch abseits des Musikprogramms. Die Sprayer werken üblicherweise in der Nacht, damit haben sie etwas mit den Höhepunkten des Abschlusstages des dreitägigen Festivals gemein: James Blake und Nick Cave. Fotos und Text: Heide Rampetzreiter (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Nach gemütlicherem Nachmittagsprogramm mit Jake Bugg auf der größeren Space Stage, Max Herre auf der kleineren Green Stage, begannen The Gaslight Athem aus New Jersey mit dem Aufwärmübungen für das Abendprogramm. Schnörkelloser Punkrock und alltagsgeschichten-inspiriertes Songwriting in der Tradition von Bruce Springsteen. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Die Springsteen-Vergleiche mag die Truppe um Brian Fallon nicht mehr hören. Die Dauer-Tour merkt man der Band an. Müdigkeitserscheinungen zeigen sich in Songs wie "Boxer", den die Band auf das halbe Tempo entschleunigt. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Nebenan auf der Green Stage wünschte man sich die Sonne bereits untergegangen. Der 24-jährige Brite James Blake webte Melodietexturen über bedrohliche Bässe. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Blakes natürliches Metier sind nächtliche Hallen, in denen Leiber unter Stroboskoplicht zucken. Der Brite macht Musik zum Genauhinhören - und ist somit begrenzt festivaltauglich. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Mit überirdisch schönen Melodien, die sich elliptisch wiederholten, bannte der passionierte Sitztänzer Blake das durch Dauerbeschallung erschöpfte Publikum. Allein: Mit 50 Minuten war der Auftritt viel zu kurz (und zu hell). (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Auf der größeren Bühne performte Skunk Anansie, die Autorin dieser Zeilen gab Blake den Vorzug. Sängerin Skin, mit Irokesenhaarschnitt und silberner Hose, gastierte mit ihrer Band zuletzt 2010 in der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Damals wie heuer ebenfalls zu Gast: Die Toten Hosen und Billy Talent. Foto: (c) APA (Herbert P. Oczeret) (c) APA (Herbert P. Oczeret)
Nach James Blake: Das britischen Duo Hurts, bestehend aus Theo Hutchcraft und Adam Anderson. Melancholisch, melodiös, pathosschwanger. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Die Herren aus Manchester, die erstaunlich viele Mitsinger im Publikum hatten, sind ebenfalls keine Neulinge am Frequency. Vor zwei Jahren waren sie bereits im Programm. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Auf der großen Bühne wurde es trotz nachlassender Temperaturen wärmer: Billy Talent dienten dem Headliner Toten Hosen als Anheizer - und diese Rolle spielten die Kanadier perfekt. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Punkrock-Rumpelstilzchen? Benjamin Kowalewicz, Rampensau aus Leidenschaft. Billy Talents Songs mögen nicht besonders gefinkelt sein, aber sie funktionieren - auch im gigantischen Chor, wie die Band bei "Rusted from the Rain" bewies. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Den wohl meisten Fan-Kontakt hatte Tricky. Der konsequente Bühnenraucher aus Bristol holte sich Beistand von den Fans - gut hundert Festivalbesucher erklommen die Green Stage und zwar gleich zu zwei Gelegenheiten, was teils in bizarren Selbstdarstellungen mündete. Abgesehen davon war Trip-Hop schon einmal spannender. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Der große, der düstere Nick Cave begann mit "We No Who U R" aus dem wunderbaren "Push the Sky Away", dem aktuellen 15. Album, das er mit den Bad Seeds aufnahm. Der Australier exerzierte seine drei Grundthemen - Tod, Gott und die Frauen - direkt am Publikum auf- und abtrabend. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
In Variationen und Wiederholungen steigerten Cave, Geiger Warren Ellis, Tastenmann Conway Savage, Bassist Martyn Casey, Drummer Thomas Wydler und Perkussionist Jim Sclavunos ihre Songs bis zur ekstatischen Verzückung. Der 55-Jährige reichte Hände, einen Fan holte er gar zu sich. Dieser klammerte sich an Cave, während der Barde sang: "I believe in God, I believe in Mermaids too." (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Besonders euphorisch aufgenommen wurde "The Mercy Seat", gewaltig und zerstörerisch. Während der Balladen wummerte leider die Unterhaltungsmaschine Toten Hosen auf der Space Stage. Mit dem Titeltrack "Push the Sky Away" entließ Cave seine Kinder in die Nacht. Das war kein Konzert, das war eine Messe, die am 24. November im Wiener Gasometer wiederholt werden dürfte. (c) DiePresse.com (Heide Rampetzreiter)
Der Schluss des Frequency Festivals gehörte den Toten Hosen, die früher auf die Bühne gekommen waren als Kontrapunkt Cave und länger spielten. Die Düsseldorfer luden Billy Talent zu einer Live-Session. Im dicht gedrängten Publikum brannten bengalische Feuer, während Campino und Konsorten alte und neuere Hits zum Besten gaben. Die Band bleibt Phänomen und Publikumsmagnet. Foto: (c) APA (Herbert P. Oczeret)Weiter: Rückblick auf Tag zwei und eins des Frequency Festivals 2013 (c) APA (Herbert P. Oczeret)
Auch am Freitag, dem zweiten Tag des Frequency Festivals, strahlten Festivalveranstalter und -besucher um die Wette. Sonne und heiße Temperaturen von rund 30 Grad untertags, angenehme 20 Grad nach Anbruch der Dunkelheit. Die Massen strömten zu Casper, Leftboy und System of a Down. Der musikalische Reigen wurde von einem Up-and-coming-Star aus London eröffnet:Text und Fotos: Maciej Palucki (c) Presse Digital
Willy Moon, 24-jähriger Neuseeländer mit Wohnsitz in der britischen Metropole, musste am frühen Nachmittag vor der Hauptbühne, der Space Stage, mit nur rund 200 Interessierten Vorlieb nehmen. Dabei hatte der Liebling der internationalen Mode-Gazetten einen interessanten Mix zu bieten. (c) Presse Digital
Rock'n'Roll der 50er Jahre, 60s-Beatmusik, gemischt mit Hiphop-Klängen und zeitgenössischer Elektronik. Statt "Yeah Yeah"-Rufen, so der Titel seiner groovenden Hit-Single, gab es vom Publikum nur verhaltenen Applaus. (c) Presse Digital
Mehr Festivalgäste versammelten sich anschließend bei älteren Hasen des Rock-Geschäfts, wie den kalifornischen Punks Pennywise und ... (c) Presse Digital
... Fall Out Boy, der Emo-Kapelle von Ashlee Simpsons Ex-Mann Pete Wentz. Letztere coverte in St. Pölten "Beat it" - Michael Jackson versus Punkrock. "Zurückziehen" konnten sich Besucher in den Artpark. Dort wurden nicht nur Sportlich-Akrobatisches geboten, sondern auch Fashion: (c) Presse Digital
Wem die Merchandising-Stände mit Band-T-Shirts nicht zusagten, konnte dort junge österreichische Mode von Mark & Julia sowie Schirach+Rosenthal erwerben. (c) Presse Digital
Zur Primetime stand die Entscheidung an: Geht man zu Casper, dem deutschen Rap-Phänomen, oder doch zu ...Im Bild: Casper beim Frequency 2012 (Archivbild). (c) Presse Digital
... den Crystal Castles (im Bild Sängerin Alice Glass). An beiden Bühnen wurde man nicht enttäuscht: Casper mobilisierte vor der Hauptbühne die Massen und sang zum Abschluss seines Sets sogar ein Oasis-Cover ("Don't look back in anger"). (c) Presse Digital
Das kanadische Elektronik-Duo Crystal Castles bewegt sich zwischen Lo-Fi, Noise und 8-Bit-Synth-Klänge, die an Videospielmusik der ersten NES-Konsole erinnern. (c) Presse Digital
Fotografen hatten beim Auftritt von Alice Glass und Ethan Kath auf der Green Stage angesichts der Melange aus Stroboskop-Gewitter und Nebelschwaden nicht immer den Durchblick. (c) Presse Digital
Für eine klarere Sicht der Pop-Dinge sorgte Leftboy. Der Sohn von André Heller ist - abgesehen von den großen Posen - kein Abbild seines Vaters: (c) Presse Digital
Locker-flockiger Westküsten-Rap mit Dubstep und Elektronik-Einsprengseln. Noch amerikanischer waren die Weihnachts (!)-Samples ("All I want for Christmas is you", "Wonderful Christmas Time").Leftboy äußerte seine Freude, in seiner Heimatstadt "Vienna" zu spielen, aber nur auf Englisch. (c) Presse Digital
Härtere, und deutlich ernstere Klänge ertönten kurz vor Mitternacht auf der Hauptbühne beim Headliner-Auftritt der wiedervereinigten System of a Down.Wer lieber auf der elektronischen Welle bleiben wollte, blieb entweder bei der Green Stage (Nero) oder pilgerte in den Night Park zu Major Lazer.Weiter: Rückblick auf Tag eins des Frequency Festivals 2013 (c) Presse Digital
Am Donnerstag erfolgte der Auftakt des dreitägigen Festival-Dauerbrenners in St. Pölten. Die Headliner der Hauptbühne konnten unterschiedlicher nicht sein: Empire of the Sun, Franz Ferdinand und Tenacious D:Text: Maciej Palucki, Sabine Hottowy; Fotos: Maciej Palucki (c) Presse Digital
Bis es soweit war, konnten sich die Festivalbesucher austoben: Etwa an den zahlreichen Merchandising-Ständen. T-Shirts von Jack Blacks Klamaukrock-Formation gingen übrigens am besten. (c) Presse Digital
Auch die hauseigenen Devotionalien wurden an die Frau und den Mann gebracht. In diesem Jahr haben sich die Designer am Internetphänomen Grumpy Cat Anleihen genommen. (c) Presse Digital
Eine "Gemeinschaftsdusche" war ein probates Mittel gegen die hohen Temperaturen. (c) Presse Digital
Manche zogen sich in die Hallen des VAZ zurück und sahen sich Rad-Akrobraten aus nächster Nähe an. (c) Presse Digital
Der Platz vor der Space Stage, der Hauptbühne, füllte sich am Nachmittag nur langsam. Gegen die kühle Traisen konnte sich der heiße Asphalt eben nicht gleich durchsetzen. (c) Presse Digital
Die nur schwer zu schubladisierende Londoner Band Archive frönte pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee dem Eklektizismus. Kein "Fuck You" hört sich so gut an wie ihres - ein erster kleiner Höhepunkt des Festivals. (c) Presse Digital
Vor der Green Stage wurden zunächst - bei der deutschen Hiphop-Formation Blumentopf - "die Hände in die Luft geworfen". Anschließend schüttelten die sympathischen Shout Out Louds aus Schweden ihre Indie-Hits wie "Impossible" aus den Ärmeln. (c) Presse Digital
Auf Tuchfühlung mit den Musikern konnte man im Autogrammzelt gehen, etwa mit der isländischen Indie-Folkband Of Monsters and Men und ... (c) Presse Digital
... 3 Feet Smaller, die nach ihrer Ankündigung zur Bandpause, noch eine Handvoll Abschiedskonzerte für ein spürbar dynamisches Publikum spielen. Zeitgleich zum energiegeladenen Live-Set des Punkrock-Quartetts ... (c) Presse Digital
.... lud das australische Synthpop-Duo Empire of the Sun auf eine audiovisuelle Reise durchs Pop-Wunderland. (c) Presse Digital
Schon bei den Kostümen wurden Genre-Ketten gesprengt: Der Kopfschmuck des Drummers erinnerte an Zack Snyders "300", die Outfits der Barbarella-Tänzerinnen an retro-futuristische Filme à la "Tron". (c) Presse Digital
Auch Sänger Luke Steele stand der optischen Extravaganz um nichts nach. Kürzlich meinte er, dass Empire of the Sun bessere Songs als Daft Punk schreiben. "Alive" versus "Get Lucky" - Diese Wertung darf jeder selbst abgeben. Trotz Halb-Playback lieferten die Australier zur Primetime eine Gute-Laune-Show ab. (c) Presse Digital
Das traf auch für Franz Ferdinand zu. Die schottischen Indie-Rocker zappelten sich ruhelos und wie gewohnt durch ihr Greatest-Hits-Repertoire - von "Take me out" bis "Do you want to" - spielten auch neue Nummern wie den Ohrwurm "Right Action". (c) Presse Digital
Auf der Bühne machte die Kapelle um Alex Kapranos - getreu dem Titel ihrer neuen Platte "Right Thoughts, Right Words, Right Action" - alles richtig. (c) Presse Digital
Damit war alles angerichtet für den Auftritt von Jack Black. Der US-Komiker mit der aufgeregten Mimik und eine Hälfte von Tenacious D wurde vom Publikum umjubelt. Vielleicht lag das auch an seinen Komplimenten: (c) Presse Digital
"Ein gut aussehendes Publikum. Vielleicht ein bisschen zu gut aussehend", schmeichelte Black den Besuchern. Bis weit nach Mitternacht praktizierte er gemeinsam mit Kyle Gass den "School of Klaumauk-Rock". (c) Presse Digital
Die Herren der Nacht
Tricky sang „Ace Of Spades“
So berechnend Hurts sind, so unberechenbar ist Tricky, der dürre, düstere Mann des Trip-Hop, den man schon erlebt hat, wie er nur verkehrt zum Publikum kauerte, in den dichten Rauch gehüllt, den er in sich saugen muss. Nun, auch diesmal ließ er das Rauchen nicht sein, aber er zeigte sich von vorne, sich wild windend, die jähen Erregungen seiner Musik steuernd, aber nie kontrollierend. Tricky ist Manns genug, um seinen Musikern – zwei davon Frauen – und seiner kongenialen Ko-Sängerin Francesca Belmont viel Platz zu lassen, einen Schritt zurückzutreten. Ja, sogar in der Menge zu verschwinden. Er ließ gut hundert Besucher auf die Bühne, erst bei einer Version von „Ace Of Spades“ von Motörhead, dann bei der Schlussnummer, die zugleich Höhepunkt war: dem albtraumhaften „Vent“, in dem der Asthmatiker sein eigenes Medikament versteckt. Doch diesmal ergänzte Tricky die Schlüsselzeile „Can hardly breathe“ durch ein zweites Mantra: „I lose my head.“ Während all die Selbstdarsteller aus dem Publikum endlich die Bühne für sich hatten und glücklich ihre Tänze, Luft- und Gummigitarren vorführten, sah man Tricky nicht mehr. Das bohrende Bassthema von „Vent“ blieb noch lange im Kopf.
Schließlich Nick Cave, einst der besessenste aller besessenen jungen Männer, geplagt von Schuld und Sühne, Todesahnung und Liebesqual. Er hat sich in drei Jahrzehnten allmählich eine Altmänner-Beschaulichkeit erarbeitet, die einem zart auf die Nerven gehen kann, gerade wenn man ihn früher als Wilden geschätzt hat. Wenn er zu edlem Arrangement „I believe in god, I believe in mermaids too“ singt, dann hat das schon etwas von Reflexion auf der Parkbank auf sich. Auf Platte. Live nicht. Da explodierte auch dieser Song, da schwappten die Wogen über, wenn er das Meer besang. Er trieb sich selbst an, seine furiosen „Bad Seeds“ trieben ihn weiter: ein Ensemble, das aussieht wie ein Verein verschrobener Schrebergärtner, aber alle Geister rufen kann, allen voran Geiger Warren Ellis, der den Bogen von sich zu werfen pflegt, wenn er ausgetobt hat.
Nick Cave beschwor Elvis Presley
„There's no need to forgive.“ Mit diesem Motto begann Nick Cave – und machte im Weiteren klar, dass noch einiges zu vergeben, aber nicht zu vergessen ist. Dass noch immer ein Wurm an seinem Herzen nagt. „The desire to possess her is a wound“, gellte er in „From Her To Eternity“: Was für ein irrwitziges Liebeslied! Es folgten „Tupelo“, die hämmernde Beschwörung des Geburtsortes von Elvis Presley, und „Deanna“, mit den Schlüsselzeilen: „I ain't down here for your money, I ain't down here for your love. I'm down here for your soul.“
Nach dieser Ekstase konnte Cave sich ein wenig drosseln, seinen „Love Letter“ empfangen, im skurrilen „Higgs Boson Blues“ über den Ort seiner letzten Ruhe sinnieren („Bury me in my favourite yellow patent leather shoes“, eigentlich eine Variation über das Elvis-Thema „Blue Suede Shoes“), das Feuer, das er entfacht hatte, brannte weiter. Bis zum bewegenden Abschied mit „Push The Sky Away“, in dem es abermals hieß: „Some people say it's just rock 'n' roll, oh, but it gets you right down to your soul.“
Ja, das war es. Seelenfängerei. Ein würdiger Abschluss der Männerparade, die nur einen Wunsch ließ: Möge ein Frequency-Festival kommen, bei dem vier Konzerte von Frauen hintereinander ein ähnlich vielfältiges, dichtes Bild ergeben. Es ist möglich.
Am zweiten Tag des Frequency-Festivals sahen die Fans Deutschland im Länderwettkampf der Rapper siegen. Zwei Auftritte – einmal Hip-Hop als Kinderjause, und einmal Lebensfreude im Hochgeschwindigkeitsmodus.
Quietschiger Eskapismus von Empire Of The Sun, röhrende Metal-Parodien von Tenacious D, zackiger Indiepop von Franz Ferdinand: Ein bunter Eröffnungstag in St.Pölten.