Bei mir sind es der Geruch und Geschmack eines frischen warmen Baguettes und die warme Motorhaube von Vaters Mercedes, auf der ich dabei in den 1970ern irgendwo in Südfrankreich saß.
Die große, lange Brotstange war noch warm und roch so, wie ich’s nie zuvor gerochen hatte. Ich saß auf der Motorhaube des beigen Mercedes 220D meines Vaters und biss in mein erstes Baguette. Das war irgendwo in Südfrankreich zwischen Grenoble und dem Mittelmeerstädtchen Hyères nahe Toulon, denn wir fuhren den langen Weg von Bregenz über die Schweiz mit dem Auto dorthin, um die Familie meiner Tante Elvira zu besuchen, die dort 20 Jahre zuvor hingeheiratet hatte. Ihr Mann Joseph war Korse - und Lehrer für Mathematik und Deutsch.
Nun war Sommer 1973 oder 74 – und das meine erste Erinnerung an eine Reise. Es gab sogar, glaube ich, ein Foto davon: Ich hatte noch lange blonde Haare und trug ein rotes Wams und eine braune Hose wie ein Waldzwerg. Leider find ich das Bild nicht mehr. Mit drei bis vier Jahren setzt die frühkindliche Amnesie ein: In der Regel erinnert man sich nicht an Dinge, die man vorher erlebt/gesehen/gehört etc. hat. Es verpufft ins All der Vergangenheit, aber da bleibt wohl etwas im Unterbewusstsein und formt uns.
Dann also die erste Reiseerinnerung. Meist nur ein Schemen, ein Hauch, ein statisches Bild. Ein Freund erzählte, bei ihm sei’s der erste Schluck Salzwasser irgendwo in Italien gewesen. Bei einer Kollegin ist’s das wattige Gefühl weichen Waldbodens und der Geruch von Nadelbäumen irgendwo in Tirol. Ich hörte vom Geschmack der ersten Pizza in Caorle, dem Gesang weinseliger Männer im Elsass, einem kurzen Aufwachen bei einer nächtlichen Autofahrt von Vorarlberg ins Burgenland und dem Gefühl, wie dir an der Küste von Holland kalte Meeresluft ins Gesicht bläst.
Mit der ersten Reiseerinnerung geht dann vieles los. Im Guten wie im Schlechten. Und an was erinnern Sie sich?