Platz 1 der US-Charts

„Rich Men North of Richmond“: Rechte glauben, das sei ihr Lied

Wird Oliver Anthony für „Rich Men North of Richmond“ politisch vereinnahmt?
Wird Oliver Anthony für „Rich Men North of Richmond“ politisch vereinnahmt?Getty
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Der bisher kaum bekannter Countrysänger Oliver Anthony landet mit „Rich Men North of Richmond“ in Rekordzeit auf Platz Eins der Billboard- Charts. Von Republikanern wird er gefeiert – als Teil eines neuen Phänomens. Zu Recht?

Das Städtchen Richmond war während des Amerikanischen Bürgerkrieges die Hauptstadt der Konföderation. Heute ist es Regierungssitz des US-Bundesstaates Virginia und gibt die Perspektive vor in jenem Song, der derzeit die US-Hitparade toppt: „Rich Men North of Richmond“ landete überraschend auf Platz eins der Billboard Charts. Musiker Oliver Anthony ist der erste Mensch, der es an die Spitze schaffte, ohne je zuvor in den Charts vertreten gewesen zu sein. Was liegt nördlich von Richmond? Das Machtzentrum der USA, Washington DC, wo die politische Elite lebt.

Im Musikvideo steht der Endzwanziger in einem verwaschen grünen T-Shirt in einem Wald, Hunde zu seinen Füßen, hinter ihm ein Baumhaus. Mit seinen kurzen hellen Haaren, üppigem rotem Bart und sonnengeröteter Haut sieht er aus wie ein prototypischer Redneck. „Working all day/ Overtime hours/ For bullshit pay“, singt er. „It‘s a damn shame/ What the world‘s gotten to/ For people like me/ And people like you“. Die Schuld am Niedergang gibt er den titelgebenden reichen Männern im Norden, die alles kontrollieren wollen, auch was man denke. Anthony bedient klassisch konservative Themen wie hohe Steuern, und das Stereotyp der „Welfare Queen“, das oft rassistisch konnotiert ist: Die übergewichtige Frau, die auf Kosten der Allgemeinheit gut von Sozialhilfe lebt, sollte ihre fetten „Fudge round“-Kekse nicht mit Steuern bezahlen sollen, meint Anthony.

Politikern hält er vor, sich zu wenig für Minenarbeiter zu interessieren und zu viel für Minderjährige auf einer Insel, womit er auf die prominent besetzten Partys des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein anspielt.

„Der Donald Trump der Musik“

Ein paar Demokraten, vor allem aber Republikaner und rechtskonservative Meinungsmacher feiern das Lied. Es sei das, „was Washington DC hören muss“, schrieb die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene auf Twitter (X). „Authentisch“ nennt es der umstrittene Podcaster Joe Rogan. Als „Donald Trump der Musik“ bezeichnet ihn der Afroamerikaner Jason Whitlock, der die Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ einmal mit dem Ku Klux Klan verglich. „Wahr und berührend“, fand das Lied die Republikanerin Keri Lake, die zum innersten Kreis um Donald Trump gehört.

Konservative in Amerika reagieren auch deshalb so enthusiastisch auf Anthony, weil sie sich in der Popkultur marginalisiert fühlen. Das Gros der großen Stars steht auf Seite der Demokraten. Aber zwischen Vertretern des Country-Genres und Republikanern wird schon länger geflirtet, auch weil deren Hörer eher konservativ wählen. Prominentes Beispiel: Country-Star Toby Keith unterstützte George W. Bush und veröffentlichte nach den 9/11-Terroranschlägen das ultrapatriotische Loblied auf Soldaten „Courtesy of the Red, White and Blue“. Vor kurzem in den Charts und in den Schlagzeilen war Jason Aldean, der mit Trump schon Silvester feierte. In „Try That In a Small Town“ preist er recht unverhohlen Selbstjustiz und Waffengewalt, im Video dazu wurden Demonstrationen von „Black Lives Matter“ gezeigt. Einige Szenen wurden nach Protesten entfernt.

In rechtskonservativen Kreisen in den USA wird derzeit auch der Kinofilm „Sound of Freedom“ gefeiert. Die Hauptrolle darin spielt der ultrareligiöse James Caviezel, der Verschwörungstheorien der rechtsextremistischen QAnon-Gruppe verbreitet. Er verkörpert den (real existierenden) Menschenrechtsaktivisten Tim Ballard, der Kinder von einem Menschenhändlerring rettet. 178 Mio. Dollar spielte der von der Kritik eher positiv bewertete Thriller in Nordamerika bisher ein – ein Rekord für einen Independent-Film in den USA. Wie viele Menschen „Sound of Freedom“ tatsächlich gesehen haben, ist unklar: Am Schluss werden Zuschauer gebeten, eine Kinokarte für jemanden zu kaufen, der den Film sonst nicht sehen könne, berichtete der „Guardian“. Sind die Kinokassen also trotz halbleerer Säle voll?

Infrage gestellt wird auch der Erfolg von „Rich Men North of Richmond“. Den Ausschlag gaben bezahlte Downloads: 99 Cent ließen sich 147.000 Menschen das Lied kosten, schreibt die „New York Times“. Verhältnismäßig wenige zahlungswillige Fans können auf diese Weise viel bewirken, denn in der Gewichtung der Charts zählen Downloads mehr als Streams oder wenn es im Radio läuft. Konkrete Hinweise auf eine gesteuerte Kampagne gibt es aber nicht, und er erreicht auch auf Youtube und Spotify respektable Zahlen.

„Bin politisch in der Mitte“

Der Musiker selbst zeigt sich wenig begeistert von der politischen Vereinnahmung. „Ich bin bei der Politik ziemlich genau in der Mitte, und das war ich schon immer“, sagte er in einem Video, das er Anfang des Monats auf Youtube veröffentlichte. „Wir sind der Schmelztiegel der Welt und unsere Vielfalt macht uns stark“, sagte er in einem Interview mit Fox News.

In einem langen Post auf Facebook bezeichnet er sich als „nur einen Idioten mit Gitarre“ . Eigentlich heißt er Christopher Anthony Lunsford. Oliver Anthony sei der Name seines Großvaters, der als eines von sieben Kindern zur Zeit der Großen Depression aufwuchs. Die Highschool hat er abgebrochen, dann für den Stundenlohn von 14,50 Dollar in einer Papierfabrik geschuftet. Nach einem Arbeitsunfall war er sechs Monate ohne Job.

Er lebt in einem Wohnwagen. Er kämpfte mit Depressionen und gegen Alkoholismus. Plattenverträge habe er abgelehnt, schreibt er. Er wolle nicht im Rampenlicht stehen. Dass seine Songs ankommen, liege daran, dass „sie von jemandem gesungen werden, der den Text spürt“. Mit seinem Hit spricht er den Verlierern und Abgehängten Amerikas aus der Seele. Und die „Rich Men North of Richmond“ freuen sich, wenn Steuern und Sozialleistungen infrage gestellt werden.


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