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Körperpolitik: Wir leben in der Ära des Waschbrettbauchs

Körperpolitik: Wir leben in der Ära des Waschbrettbauchs
SymbolbildReuters

Strache und Stronach ließen sich ohne Hemd abbilden – wie vor ihnen Putin, Obama, Haider usw. Wieso ist der trainierte männliche Oberkörper ein so beliebtes Motiv geworden? Und was signalisiert er?

Auf seinen Körper ist er stolz“, schrieb die Zeitung „Österreich“ am Sonntag über Frank Stronach – in einer „Homestory“, in der man Stronach u. a. beim Bereiten eines Frühstücks und beim Bügeln eines Hemdes sah. Und ohne Hemd, gleich in zwei Varianten, einmal mit eingezogenem, einmal mit entspanntem Bauch.

Am Tag danach legte das Boulevardblatt nach und rief „Das Nackt-Duell“ aus – zwischen dem 80-jährigen Stronach und dem 44-jährigen H.-C. Strache. Dieser ist auf Facebook in der Badehose zu sehen, was immerhin eine steirische Anhängerin zum Eintrag „Geile Sau!“ animierte. Eva Glawischnig von den Grünen dagegen reagierte gelassen: „Als Frau von Volker Piesczek bin ich schwer zu beeindrucken.“ (Dieser, einst Fußballer, ist ein ziemlich fescher TV-Moderator.)

Jörg Haider war schon 1986 „Playmate“

Strache und Stronach sind nicht die ersten Politiker, die ihren Oberkörper zeigen. Vom russischen Präsidenten, Wladimir Putin, werden seit 2007 Oben-ohne-Aufnahmen verbreitet, mit Motiven, die – für mitteleuropäische Augen schon fast plump – seine Männlichkeit illustrieren sollen, mit Gewehr etwa oder mit selbst gefangenem tollem Hecht. Als Putins US-Kollege, Barack Obama, im Magazin „The Washingtonian“ in der Badehose zu sehen war, empfand das die Hälfte der Leser als deplatziert oder gar als „Schande“. Der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger hatte seine Brust in seinem Vorleben als Bodybuilder und Action-Ikone schon oft genug entblößt.

In Österreich war Jörg Haider ein Vorbote der Oben-ohne-Welle bei Politikern: 1986 war er „Playmate“ auf dem Titelblatt der „Wienerin“. Im Begleittext dazu hieß es: „Jörg Haider stellt sich wie schönes Freiwild an die Wand, wie die Boys in Herrenmagazinen für Herren.“ Was suggerierte, dass solche Darstellungen sich vor allem an homosexuelle Männer richten. Als Helmut Zilk sich 1995 in der „Krone“ oben ohne auf Hawaii abbilden ließ, war diese These, die die Bedeutung der wählerischen Blicke der Frauen krass unterschätzt, nicht mehr so verbreitet.

Die Parade der nackten männlichen Oberkörper beschränkt sich freilich nicht auf Politiker. In der Werbung sind sie heute häufiger als weibliche Brüste. In der Zeitung „Heute“ ist das Pin-up des Tages (auf Seite drei) circa jeden zweiten Tag männlich und barbrüstig, das wäre vor zehn Jahren, als die „Kronen Zeitung“ noch verlässlich jeden Tag (außer im Advent) eine (zumindest fast) Nackte ins Blatt rückte, unmöglich gewesen.

Am radikalsten wird dieser Aufstieg des männlichen Oberkörpers in den Charts der erotisch aufgeladenen Körperteile wohl durch die Einkaufssackerln des hippen US-amerikanischen Modeunternehmens Abercrombie & Fitch illustriert: Auf ihnen sieht man einen Mann in Jeans von der Brust bis zum Schritt. Ohne Gesicht. Im Mittelpunkt des Bildes ist der Nabel. Der Mann, reduziert auf seine glatte Brust und seinen Sixpack.
Man stelle sich entsprechende Brust- und Bauchbilder von gesichtslosen Frauen vor: Sie würden wohl als unverschämt sexistisch empfunden, nicht nur Feministinnen würden beklagen, dass die Frau zum Sexobjekt herabgewürdigt werde.

Ist der Oberkörper ein Sexualsignal?

Aber ist der Vergleich gültig? Als sekundäres Geschlechtsmerkmal geht der männliche Oberkörper nicht durch. Aber ist er ein Sexualsignal? Hier sind sich die Verhaltensbiologen wohl uneinig. Pragmatisch könnte man sagen: Ein Körperteil, der (auch) vorgezeigt wird, um potenzielle Sexualpartner zu beeindrucken, dient offenbar als solches. Und dass sich die erotische Aufladung von Körperteilen im Lauf der menschlichen Geschichte ändern kann, ist bekannt. Unsere Vorlieben sind auch kulturell geprägt. So ist die Bedeutung von weiblichen Brüsten durchaus unterschiedlich.

Jedenfalls sollten Sexualsignale im biologischen Sinn etwas über die Fitness dessen aussagen, der sie sendet. Fitness im genetischen Sinn, das heißt: Dieses Signal deutet auf Gene, die so sind, dass ihr Träger sich – und damit die Gene – überdurchschnittlich oft fortpflanzen wird. Das muss ganz und gar nicht immer mit der Fitness im allgemeinen Sprachgebrauch korrelieren. So ist das Rad eines Pfauen teuer und hinderlich, aber es signalisiert: Ich kann mir's leisten.

Es gibt menschliche Gesellschaften, in denen Bäuche beiderlei Geschlechts als sexy gelten. Das kann man doppelt interpretieren: Erstens bezeugt der dicke Bauch, dass sein Träger besser durch karge Zeiten kommt als andere. Zweitens ist er ein Luxus, er macht's Leben schwerer und signalisiert also: Mein Träger hat so gute Gene, dass er sich nicht nur ein faules Leben, sondern auch den zugehörigen Bauch leisten kann. Es könnte gut sein, dass in Epochen, in denen Bäuche als schön gelten, die Gemütlichkeit eher geschätzt wird als in Zeiten der Waage.

Was signalisiert ein muskulöser, schlanker Oberkörper? Gewiss auch Gene, die den Aufbau von Muskeln begünstigen und das Ansetzen von Fett erschweren. Aber vor allem Konsequenz beim Trainieren und Disziplin beim Essen. (Die natürlich teilweise genetisch beeinflusst sind.) Das ist beim weiblichen Busen anders: Er lässt sich kaum trainieren, große und/oder straffe Brüste deuten weder auf Konsequenz noch auf Disziplin, nur auf Alter, Hormonstatus und Ernährung. Es mag auch sein, dass die Bedeutung des Busens als Sexualsignal leicht zurückgegangen ist, weil er so oft durch chirurgische Eingriffe verändert wird, dass er kein zuverlässiges Signal mehr darstellt.

Kann man die Werte einer Zeit an ihren bevorzugten Herzeige-Körperteilen ablesen? Wenn ja, dann lehrt uns die Herrschaft des Waschbrettbauchs: Wir leben in einer sehr disziplinierten Zeit. Und jetzt genug geschrieben und gelesen: Sit-ups und Liegestütze wären noch zu absolvieren . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2013)