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Schlachtfeld Ägypten

Vor Gläubigen und Theologen fürchtet man sich in aufgeklärten westlichen Ländern offenbar viel mehr als vor Generälen.

Wie leise die Proteste aus Brüssel und Washington gegen das gezielte Morden in Kairo doch sind. Bloß um den Schein zu wahren, werden sie zeitweise ein wenig schärfer. Die Medienberichterstattung ist tendenziös – überwiegend Anti-Mursi und Pro-Sisi.

Hunderte Tote, dennoch wird das Wort Massaker in Anführungszeichen gesetzt. Da ist die Rede von „Räumung“ oder „Auflösung“ der Protestlager, obwohl sie doch niedergewalzt und leer geschossen wurden. Da kann man lesen: „Es sieht aus wie ein Schlachtfeld“ – dabei ist es doch eines.

Hätten aber diejenigen, die man hierzulande „Islamisten“ zu nennen pflegt, zum wiederholten Mal ein Gemetzel angerichtet, mit Höhepunkt am 14. August in Kairo – ein mediales Höllenspektakel wäre losgebrochen.

Die Partei Mursis ist mit demokratischen Mitteln an die Macht gelangt, und sie wurde mit undemokratischen Mitteln von ihr hinweggefegt. Seither muss sie zusehen, wie ihre Anhänger – Männer, Frauen, Kinder – abgeschlachtet werden. Man mag gar nicht daran denken, was die Muslimbrüder in aller Welt und ihre Gefolgschaft in Hinkunft von westlichen Werten, von Demokratie und Menschenrechten halten werden. Vergangene Woche mussten sie Hunderte der ihren zu Grabe tragen. Und mit jedem Toten werden sie die Märtyrerrolle noch mehr zelebrieren.

Die Auswirkungen auf die Kräfteverhältnisse in der Region sind noch gar nicht absehbar. Wie entwickelt sich die Lage in Palästina – jetzt, da die Hamas im Gaza mit Mursis Sturz ihren wichtigsten internationalen Unterstützer verloren hat? Wie entwickelt sich die Lage in Tunesien und in der Türkei? In beiden Ländern regieren Gesinnungsgenossen der Muslimbrüder, in beiden Ländern wächst die Unzufriedenheit mit ihnen.

 

Westliche Doppelzüngigkeit

In Ägypten wollen die Gerüchte, dass der Militärputsch von langer Hand geplant und mit kräftiger saudiarabischer Finanzhilfe durchgeführt wurde, nicht verstummen. Zudem sind die Generäle, die sich zynisch als Hüter der Demokratie aufspielen, der Unterstützung der USA sicher. Man darf annehmen, dass Ägyptens Führung mit Wissen und Billigung der USA und Israels zuschlug, Saudiarabiens sowieso. Denn die Gelder, die die USA nach Ägypten fließen lassen, finanzieren im Wesentlichen Waffen und Kriegsgerät. Diese Dollar sind in Wirklichkeit eine Exporthilfe für die US-Wirtschaft.

Mit Recht warf der türkische Premier Erdoğan dem Westen vor, mit zweierlei Maß zu messen. Denn es zeigt sich gerade wieder in größter Deutlichkeit die westliche Doppelzüngigkeit: Die Forderung nach Demokratie ist bloß eine rhetorische Volte, die USA, die EU pfeifen auf Demokratie in der arabischen Welt. Hauptsache, die Machthaber in Nordafrikas wichtigstem Land sind berechenbar. Dann kann man mit ihnen Verträge und Geschäfte abschließen, außerdem sichern sie Europas Südflanke vor unerwünschter Zuwanderung.

Mursis Partei hat ihre Regierungsunfähigkeit eindrucksvoll bewiesen. Aber nun besteht die absurde Situation, dass die einzige relevante politische Kraft, die in Kairo noch für Demokratie kämpft und stirbt, die Muslimbrüder sind, denen ihre Demokratiefähigkeit immer abgesprochen wurde.

Dr. Ingrid Thurner ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2013)