Fahrbericht

Mercedes EQE SUV: Samtpfötchen am Elektrofahrpedal

Mercedes EQE 350.
Mercedes EQE 350.Clemens Fabry
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Kleiner Fußabdruck? Allenfalls des Karmas. Sonst Pracht und Opulenz im EQE SUV ohne Reichweitensorge.

Wie viele andere Hersteller hat auch Mercedes mit Micro-Cars experimentiert. Die Studie Nafa (für Nah­verkehrsfahrzeug, von 1981) mit Schiebetüren und Allradlenkung, nur zweieinhalb Meter lang, nahm den Smart um fast zwei Jahrzehnte vorweg. Die interessante kleine Kiste, gleich hoch wie breit, erschien damals aber nicht crashsicher genug und ging nicht in Serie.

Die „Studie A“ von 1991 kündigte wiederum die A-Klasse an, die es ab 1997 gab – allerdings nicht batterieelektrisch angetrieben, wie es ursprüngliche die Idee war. Die Sandwichbauweise mit doppeltem Boden war eigentlich für eine Batterie vorgesehen – dass frühe Exemplare der A-Klasse beim Elchtest kippten, lag auch am zu hohen Schwerpunkt, wie ihn eine Batterie an der Stelle stark abgesenkt hätte.

Top down, eher oben

Auch den Smart hatte sich sein Urschöpfer (Swatch-Erfinder Nicolas Hayek) eigentlich elektrisch vorgestellt. Die ersten E-Autos, die (viel später) bei uns auffuhren, waren dann auch solche in seinem Geiste: schmalgepickte Vehikel, mobile Notbehelfe, wirklich nur für den Stadtverkehr zu gebrauchen. Einzig Tesla ging die Sache bekanntlich grundlegend anders an, und dort sind wir heute: Bei der „Top-down“-Strategie, und dort offenkundig noch ziemlich weit oben. Der Durchschnittspreis, der in Europa für ein E-Auto bezahlt wird, liegt bei 55.000 Euro.

Top down, das muss man gerade Mercedes nicht erklären: Groß und Luxus zuerst. Für kleine Hüpfer fühlt man sich in Stuttgart generell nicht mehr zuständig. Stattdessen läuft man bei Autos wie dem EQE SUV zu einer Form auf, als hätte man nie anderes gebaut als elektrische Luxuskutschen.

Während klar sein sollte, dass man mit 2,6 Tonnen Kampfgewicht eher nicht die Welt retten wird, egal, mit welchem Antrieb, vermag der EQE immerhin den Karma-Fußabdruck des Menschen am Steuer zu verringern.

Seine technische Plattform teilen sich vier Modelle: EQE und EQS (als Elektropendants zu E- und S-Klasse) jeweils als Limousine und SUV. Die Variantenvielfalt beruht auf Allradoption und Antriebsleistung; gülden in der Mitte: der EQE 350 4Matic, mit Allrad und knapp 300 PS bewehrt. Was wirklich die Musik macht, ist das Drehmoment, das mit über 720 Newtonmetern üppig und vor allem ansatzlos, ohne Drehzahlaufbau, zur Verfügung steht.

Dass diese Charakteristik E-Autos saftig beschleunigen lässt, ist bekannt. Der EQE tut es mit dem Samtpfötchen eines Tigers: gleichermaßen sanft wie druckvoll. Das hängt weniger vom Feingefühl des aufliegenden Fußes am Fahrpedal ab als vielmehr von der meisterhaften Abstimmung des gesamten Systems. Man kann’s an der Ökonomie ablesen.

19,4 Kilowattstunden/100 km im ausgewogenen Schnitt – Stadt, übers Land, Autobahn: Dass der EQE als doch massiges SUV beim Verbrauch so zu glänzen vermag, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Es ist neben dem Set-up samt der im eigenen Haus entwickelten E-Motoren maßgeblich der Aerodynamik geschuldet – ein Feld, auf dem Mercedes traditionell viel Aufwand treibt und vermutlich die Messlatte darstellt. So stellt die vollgeladene Batterie an die 600 Kilometer in Aussicht, und das ließ sich mit geringen Abstrichen auch einfahren, notabene bei um die 30 Grad Außentemperatur, das schätzen Akkus ja weniger. Die ausgerufenen 170 kW Ladeleistung sahen wir am 300-kW-Charger zwar nicht, der Wert kam über 138 kW nicht hinaus. Länger als 20  Minuten brauchte es für die nächste längere Etappe damit aber auch nicht.

Die sich einstellende Reichweitensorglosigkeit passt zum gesamten Fahrgefühl: flauschig, leichtgängig – peace of mind, wie man sagt. Das Rangieren mit dem großen Auto ist ein Kinderspiel – freilich muss als wichtigstes Aufpreisextra die Hinterachslenkung an Bord, um 1560 Euro vergleichsweise eine Lappalie. Die Luftfederung ist serienmäßig.

Viel Digitales, aber auch Atmosphäre: Interieur in Manufakturqualität.
Viel Digitales, aber auch Atmosphäre: Interieur in Manufakturqualität. Fabry
Mercedes EQE 350.  Foto: Clemens Fabry
Mercedes EQE 350. Foto: Clemens FabryClemens Fabry
Eher kein Weltenretten, dafür Reichweitensorglosigkeit im Mercedes EQE SUV: Elektrischer Luxuskokon mit viel Platz auf üppigen drei Metern Radstand.
Eher kein Weltenretten, dafür Reichweitensorglosigkeit im Mercedes EQE SUV: Elektrischer Luxuskokon mit viel Platz auf üppigen drei Metern Radstand. Clemens Fabry

Mercedes EQE 350 SUV 4M

Maße: L/B/H: 4863/1940/1685 mm. Radstand: 3030 mm. Laderaum: 520–1675 l. Leergewicht: 2580 kg.

Antrieb: PSM v./h. Max. 215 kW (292 PS), 765 Nm. Akku: 89 kWh. Laden DC: max. 170 kW. 0–100 in 6,6 Sek. Vmax: 210 km/h. Testverbrauch 19,4 kWh.

Preis: ab 94.440 Euro.


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