Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wie kommen Sie dazu, Mariahilf derart zu verschandeln?

Unser Wien – mit tollen Entwicklungen außerhalb des Gürtels und einer völlig verkrampften Stadtbildplanung innerhalb.

Erster tatsächlicher Arbeitstag in der Neuzeit der Wiener Mariahilfer Straße, später Vormittag, Montag, 19.August. Wir gehen bergauf ab der Kirchengasse. Hinter uns reicht der Stau fast bis zum Ring. Vor uns marschiert die neue Zeit. Fußgeher und Fußgeherinnen, Radfahrer und Radfahrerinnen, Autofahrer und Autofahrerinnen haben eine Spielwiese bekommen, die sie zwar nicht annehmen, die aber wie ein Schiefer mitten in der Stadt steckt.

Ein kurzes Stückerl von Wiens Einkaufsmeile Nummer eins sieht nun so aus: Eine rote vor allem Busspur windet sich inmitten, nach wenigen Tagen bereits zerkratzt und verdreckt. Daneben werden unmotivierte Radwege kaum benützt, solche, die vor allem in Betonabsperrungen enden, als stünde da eine amerikanische Botschaft. Fast alles aber hatscht weiter auf den Gehsteigen. Die Mitte der Mariahilfer Straße wirkt wie ein scheu gemiedener Seuchenteppich.

 

Scheintotes Stadtgebiet

Liebe Frau Vizebürgermeisterin/Verkehrsstadträtin, fragen Sie Bewohner und Arbeitende in den umliegenden Gassen, welche ja diesen ganzen Plunder kanalisieren müssen, bitten Sie einen Buschauffeur hinter vorgehaltener Hand um seine Meinung. Oder, noch besser – fragen und bitten Sie lieber nicht.

Bergauf, Neubaugassenkreuzung: Ampel, kein Radfahrer hält sich dran, Autos kommen von vorn und von hinten. Allein, der Zauber ist schon irgendwie wieder vorbei. Man kann zwar hier überall gehen, radeln, Auto fahren; aber kaum wer traut sich auf die gepflasterten Streifen rechts und links, ehedem gute Parkmöglichkeiten.

Es ist scheintotes Stadtgebiet mit neuen Belehrungen an den Enden der Zufahrtsstraßen: Verbote, krude Schilder (stets deren zwei untereinander platziert, die sagen, dass für Radfahrer das alles nicht gilt); lustig, denn es wird auch den Fußgängern verboten, sich rascher als 20 Stundenkilometer zu bewegen. Abermals egal. Alle fahren wie sie mögen, die meisten Einbahnen führen sowieso stadtauswärts. Einsatzwagen (!) patrouillieren permanent und schauen weg, die Straßenpolizei lächelt milde.

 

Disneyland light

Bei der Ziegelofengasse ist dann der Zauber nur mehr Disneyland light. Dafür gibt es einen neuen Schilderwald, frische Stangen und brutale Bodenmarkierungen, parallel weiß/gelb, wie sie so in keiner Straßenverkehrsbroschüre zu finden sind.

Dieses Wien – mit tollen Entwicklungen außerhalb des Gürtels und der krampfhaften Verschandelung innerhalb. Es ist recht still geworden in der Straße, so ähnlich wie am Pratervorplatz der weiland Frau Laska. Laut sind nur die gelegentlichen Aggressionen.

Abermals, liebe und verehrte Frau Vizebürgermeisterin/Stadträtin + Anhang: Das Kasperletheater im sechsten Bezirk hält sich eh nicht lang. Aber! Wie kommen Sie dazu, einen wichtigen Stadtteil derart zu bemalen, zu verschandeln! Das übersteigt voll Ihre Kompetenz und lässt Fürchterliches für die Ringwege ahnen (man übe sich etwa in Graz schon im Schaudern). Sie haben nicht derart lächerlich, bunt und den Begriff einer brodelnden Stadt verhöhnend vorzugehen und herziges Stadtspießertum zu bedienen!

 

Wien lässt sich viel gefallen

Zurück. Ring, parkende Riesenbusse, laufende Motoren und Kühlungen, kein Vergleich zur Stadtberuhigung da oben. Tja, das urbane Publikum Wiens lässt sich viel gefallen im inneren Wien – oder ist es von der komplexbeladenen Stadtbildplanung weitgehend vertrieben oder zum Kuschen gebracht worden?

Dr. Otto Brusatti (*1948) ist Musikwissenschaftler, Autor, Radiomoderator – und Fußgänger zu Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2013)