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Jedes zweite Spital verkauft Daten

IMS zahlt pro Spital und Jahr 1700 Euro
APA/HELMUT FOHRINGER

Exklusiv: Nach „Presse“-Recherchen liefern 120 bis 150 Spitäler Informationen an IMS Health. Der Lohn: 1700 Euro und Daten von anderen Spitälern.

Die österreichische Filiale des US-Pharma-Marktforschers IMS Health bezieht offenbar deutlich mehr Informationen über Medikamente, Patienten und Ärzte, als bisher bekannt. Der „Presse“ liegen in diesem Zusammenhang mehrere Dokumente vor.

Bisher hatte das  Unternehmen öffentlich bestätigt, „nur“ mit 350 Ärzten und 280 Apotheken Verträge über die Lieferung von – so die Behauptung – anonymisierten Patienten-, Rezept- und Arztdaten zu haben, und dafür auch zu bezahlen. Diese Größenordnung muss nun berichtigt werden.

Zitat aus einer Rechercheunterlage: „Das Institut bezieht Daten von 800 niedergelassenen Ärzten, über 200 Apotheken, 120 Krankenhäusern und nahezu allen Pharmagroßhändlern.“

Abgesehen von der neuen Dimension des Handels mit Gesundheitsdaten wird nun klar, dass anscheinend auch Spitäler im großen Stil Informationen an IMS Health und damit – indirekt – an die pharmazeutische Industrie verkaufen.

IMS Health bestätigt

Die Zahlen stammen aus einem Referenzschreiben eines EDV-Consulters, der vor einigen Jahren ein IT-System bei IMS Österreich implementiert hat. Die Unterlage ist eine Art Visitenkarte, um potenzielle Neukunden von den eigenen Fertigkeiten und der Qualität bereits abgeschlossener Projekte zu überzeugen.

Nun könnte man meinen, dass der EDV-Consulter, er betreibt Unternehmen in Wien und Bratislava, in dem Referenzschreiben bewusst übertreibt. Tut er aber nicht, denn: Das Papier wurde von IMS Österreich autorisiert, genau genommen vom IT-Chef des Unternehmens, Martin L. Das war laut Zeitstempel im November 2006.

Neben dem IT-Chef des Unternehmens bestätigen jedoch auch von der Firma selbst angefertigte Dokumente aus dem Jahr 2012 die große Anzahl von Ärzten und die Mitarbeit von Krankenhäusern. In einem solchen Papier ist gar von „850 niedergelassenen Ärzten, 280 Apotheken, 150 Krankenhäusern und nahezu allen Großhändlern“ die Rede, die bei IMS „mitwirken“.

Wer wirkt nun mit? Nach der Statistik des Gesundheitsministeriums gibt es in Österreich 273 Spitäler (Stand: 2011). Knapp die Hälfte davon kooperiert mit IMS. „Die Presse“ stellte an einige ausgesuchte Betreiber Anfragen.

Der größte unter ihnen, der Wiener Krankenanstaltenverbund, schließt Datenlieferungen aus. Zum KAV gehört mit dem AKH auch das größte Spital im Land. Zu genau diesem Thema existiere seit zehn Jahren eine Anordnung der Generaldirektion, die die Weitergabe – von welchen Informationen auch immer – verbietet.

Anders die private, aber gemeinnützige Spitäler betreibende Vinzenzgruppe. Dort bestätigte eine Sprecherin, mit dem Pharma-Marktforscher zusammenzuarbeiten, legt jedoch Wert auf folgende Feststellung: „Wir übermitteln an unseren Vertragspartner keinerlei auf Patienten bezogene Daten.“ Was IMS jedoch erfährt, sind regelmäßige Informationen über den Verbrauch aller Medikamente. Informationen, die das Unternehmen dann an andere pharmazeutische Betriebe weiterverkauft.

Die Vinzenzgruppe führt derzeit 10 Spitäler. Jedes von ihnen füllt vier Mal jährlich selbstständig eine Liste über den Medikamentenverbrauch aus, heruntergebrochen bis auf die Packungsgröße, und schickt die Daten an IMS. Die Österreich-Zentrale des US-Konzerns überweist dafür pro Haus jährlich 1700 Euro und stellt Informationen zum Medikamentenverbrauch anderer, vergleichbarer Spitäler zur Verfügung. Die Namen dieser Spitäler bleiben jedoch unter Verschluss. Laut Vinzenzgruppe sind das wertvolle Informationen, die bei der Optimierung des Medikamenteneinsatzes helfen.

Auch öffentliche Spitäler liefern

Erika Sander, laut Firmenbuch Prokuristin der österreichischen Filiale, bestätigt der „Presse“ die Kooperation mit den Spitälern. Unter ihnen, sagt sie, befinden sich auch öffentliche, also von den Ländern betriebene Häuser. "Erhoben werden sogenannte Verbrauchsdaten von Medikamenten."

Theoretisch ist es damit möglich, dass Kunden von IMS, etwa Medikamentenhersteller, genaue Einblicke in die Verschreibepraxis der Häuser bekommen. Diese Informationen sind vor allem bei teuren und hochspezialisierten Medikamenten wertvoll, weil bei ihnen detaillierte Rückschlüsse auf die zu Grunde liegende Erkrankung gezogen werden können.

Sander weist das jedoch zurück. Obwohl ihr Unternehmen jede verabreichte Pille oder Infusion dem meldenden Spital zuordnen kann, würden Kunden von IMS nicht mit Daten beliefert werden, die einem bestimmten Haus zuordbar wären.