Der serbische Vizepremier Aleksander Vućić will Österreichs ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als „Spezialberater“ engagieren.
Belgrad. Wenn die Lösung der drängenden Probleme eines Landes zu schwer fällt, beschäftigen sich auch Serbiens Politiker am liebsten mit sich selbst. Schon ein gutes halbes Jahr, rund die Hälfte ihrer bisherigen Amtszeit, ringt die nationalpopulistische Regierung mit der Umbildung des Kabinetts. Der Großteil des Staatsapparats stehe still oder arbeite mit verringerter Kapazität, jammert die Zeitung „Blic“: „Genug der Strippenzieher, es wird Zeit zu arbeiten.“
Die Klage scheint erhört zu werden: Bis zum Wochenende soll das Geheimnis der neuen Regierungstruppe, in der über die Hälfte der Kabinettsposten frisch zu besetzen sind, endlich gelüftet werden. Und auch die angekündigte Verpflichtung von „Auslandsexperten“ dürfte das Kabinett wahr machen. Einer davon kommt aus Österreich: Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer soll den angeschlagenen Balkanstaat als Berater aus dem Krisensumpf führen.
Der 53-Jährige werde „Spezialberater“ für Wirtschaft, EU-Integration und Politik von Vizepremier Aleksander Vućić, dem Chef der größten Regierungspartei SNS, berichtete das Boulevardblatt „Informer“ am Mittwoch, das bekannt ist für seine guten Verbindungen in SNS-Kreise. Seine Verpflichtung sei eine „ausgemachte Sache“. Gusenbauer selbst sprach laut APA von einer „Einladung“. Er sehe einer möglichen Zusammenarbeit mit Serbiens Regierung „positiv“ entgegen: Gespräche seien geführt, eine Vereinbarung aber noch nicht getroffen worden.
Tatsächlich hat Gusenbauer seit seinem Abschied vom Politparkett 2009 als Berufslobbyist nur wenig Berührungsängste gezeigt. Ob als außenpolitischer Berater des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, als Aufsichtsratsmitglied heimischer Baukonzerne oder des kanadischen Bergbaukonzerns Gabriel Resources, der hinter dem ökologisch umstrittenen Goldprojekt im rumänischen Rosia Montana steht: Der gut honorierte Rat des Sozialdemokraten scheint weltweit gefragt.
„Ungeheuerliche Erfahrung“
Als „großen Experten mit ungeheuerlicher Erfahrung“ lässt „Informer“ einen nicht genannten Informanten aus Regierungskreisen die geplante Kabinettsverstärkung aus Österreich preisen. Doch obwohl Vućić angeblich auch noch den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn als Finanzexperten ins Regierungsboot lotsen will, löst die geplante Verpflichtung der Auslandsprominenz bei den heimischen Internetsurfern nicht nur Beifallsstürme aus. „Wer soll die ganzen Experten bezahlen?“, fragt sich auf der Website des TV-Senders B92 ein User namens Dejan. Gusenbauer sei einer der erfolglosesten Politiker Österreichs, schreibt ein weiterer Surfer.
Die Verpflichtung von Auslandsexperten bewertet derweil das Wochenmagazin „Nin“ als „ernsthaften Versuch“, „bis zu den nächsten Wahlen noch Zeit zu gewinnen“. Das Blatt schlägt sarkastisch eine anhaltende Kabinettsumbildung bis zum nächsten Urnengang vor: „Das wäre das beste für das Land.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2013)