Auf der Spur des Mädchens im roten Kleid

Roman im Roman: Joël Dickers etwas konstruiertes Buch über die Gier des Literaturbetriebs. Vor 33 Jahren verschwindet die15-jährige Nola Kellergan spurlos, ein hübsches, blondes Mädel, das im Diner aushilft und in der ganzen Stadt beliebt scheint.

Vor 33 Jahren verschwindet die15-jährige Nola Kellergan spurlos, ein hübsches, blondes Mädel, das im Diner aushilft und in der ganzen Stadt beliebt scheint. Lolita, bloß nicht so hinterhältig. Die letzte Person, die sie im roten Kleid (Achtung, Symbol!) im Wald sieht und die Polizei verständigt, wird kurz darauf ermordet. Wilder Verdacht wuchert lange im Geheimen. Als nach Jahrzehnten des langsamen Vergessens die sterblichen Überreste des Mädchens und eine Tasche mit einem alten Romanmanuskript im Garten des Literaturprofessors und berühmten Schriftstellers Harry Quebert ausgegraben werden, glaubt die Stadt schnell, den Mörder gefunden zu haben. Hat der stattliche, distanzierte Quebert, was sich später herausstellte, eine romantische Beziehung mit der Minderjährigen, ungeahnte Mitwisser, Feinde gehabt?

Doch es kommt anders, als es in einem herkömmlichen Krimi verliefe: Der gute Quebert steht nicht lange am Pranger, denn ihm springt einer seiner besten Schüler bei. Dieser junge Marcus Goldman macht sich an die Recherche, um das übergroße Bild seines Lehrmeisters zu retten – und im Berichten darüber seine eigene Schreibkrise zu überwinden. Seine Chronik ist ein Freundschaftsdienst, doch nicht ganz eigennützig, denn Goldmans Verlag ist von der Idee höchst angetan, die Wahrheit über Quebert aufzudecken.

Und siehe da: Halb Aurora ist involviert, dieses nette neuenglische Kaff an der Ostküste, das sich für Settings von US-Romanen immer wieder anbietet. Der schöne Schein der kleinstädtischen Idylle, die perfekte Hölle für einen Autor wie Joël Dicker, der es allzu offensichtlich darauf anlegt, literarische Bezüge zu ventilieren und den großen Wurf zu machen – nun, über 700 Seiten hat das Buch immerhin.

In Frankreich weltberühmt

Doch so viel offensichtlicher Vorsatz und Ehrgeiz schadet dem Buch. Der Plot überzeugt, doch die Konstruktion, ihr Wollen, wird allzu sichtbar: eine Manuskript-im-Manuskript-Situation, einedoppelt verschränkte Struktur, die viele unerwartete Wendungen bringt, immer neue Perspektiven und zwei Geschichten gleichzeitig erzählt. Gut, dass die Dialoge ganz solide laufen, der Erzählmodus handwerklich überzeugt. Insgesamt ist der Roman aber wohl zu konventionell, um Dicker in die Reihe der Giganten zu stellen, wie es die französische Literaturkritik nun tut. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ wurde in Frankreich zum Bestseller, der 27-jährige Westschweizer Joël Dicker wie selten ein Nachwuchsschriftsteller gehypt.

Der Leser dieses (fraglosen) Pageturners bleibt besser am Boden, dann macht ihn die Lektüre durchaus glücklich. Er hat da einen Roman vor sich, der über Strecken vieles sein kann: ein Thriller und ein Enthüllungsbuch, ein Schlaglicht auf den Literaturbetrieb und den Entwicklungsroman eines unbequemen Chronisten, der es mit seinem literarischen Übervater aufnimmt und dabei seine eigene Wehleidigkeit verliert. Interessant ist die Figur des Erzählers auf jeden Fall: ein junger Schriftsteller, geplagt von Ohnmacht und Größenwahn, bedrängt von seinem Verleger und souverän letztlich gegenüber dem unmoralischen Ansinnen eines gierigen Literaturbetriebs. ■

Joël Dicker

Die Wahrheit über den Fall Harry
Quebert

Roman. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg. 736S., geb., €23,70 (Piper Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2013)

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