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"Drei Kugeln Bier-Eis!" Japans Brauer im Rausch

Drei Kugeln BierEis Japans
Drei Kugeln BierEis Japans(c) EPA
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Seit Jahren kämpfen Japans Brauereien gegen den demografischen Wandel. Neue Biervariationen erschließen nun neue Konsumenten. Der Trend könnte auch auf Europa überschwappen, befürchten Bierpuristen hierzulande.

Links und rechts ragen die mit bunten Reklamen bestückten Wolkenkratzer in die Luft, die Ampeln blinken, auf der sonst dicht befahrenen Straße in der Mitte ist ist kein Auto zu sehen. Stattdessen: schlendernde Menschen, Sonnenschirme und Bänke. Tokios berühmteste Shoppingmeile, die Ginza Dori, bietet an Sommersonntagen ein untypisches Bild. Unter freiem Himmel wird Bier getrunken. Auch das ist bemerkenswert: Es ist nicht bloß gewöhnliches Bier, sondern cocktailartige, für europäisches Verständnis merkwürdige Variationen.

Den Brautrunk gibt es hier mit Ananasaroma, Paradeisergeschmack oder Schwarzer Johannisbeere. Besonders beliebt ist das Bier mit einer Krone aus Softeis oder jenes, das sich mit einem süßen, auf Milch basierenden Softdrink mischt. „Der Eisschaum oben drauf ist super“, schwärmt Miki Futamura. Sie sitzt auf einer der Bänke mitten auf der Straße und schleckt die Krone vorsichtig vom Glas. „Eigentlich trinke ich Bier nicht gern, weil es so bitter ist. Aber diese Mischung schmeckt wirklich gut.“

Das Urteil von Leuten wie der 28-Jährigen zeigt, dass die Brauereien etwas richtig machen. Seit Jahren sinken die Umsätze in Japans Biergeschäft. Heute liegen die mengenmäßigen Absätze ein Viertel unter jenen von vor 20Jahren. Bier ist zwar das beliebteste alkoholische Getränk des Landes. Da Japan aber die am schnellsten schrumpfende Bevölkerung der Welt hat, müsste die Branche jährlich in neue Nischen expandieren, um ihre Größe zu halten. Bei diesem Versuch erfinden sich die größten Brauereien Japans derzeit neu.

Asahi Breweries bietet neben fruchtigen Bieren noch das Asahi Super Dry Extra Cold an, das bei einer Temperatur nahe dem Gefrierpunkt serviert wird und in Japans heißen Sommern beliebt ist. Auf der Ginza Dori befindet sich vor einer Asahi-Bar jeden Tag eine lange Schlange. Für diese Saison, die einen der heißesten Sommer der Geschichte verzeichnet, erwartet Asahi 400.000 Kunden in seinen acht Extra-Cold-Bars, wo auch Minzbier mit Eiswürfeln getrunken werden kann. Kirin Brewery, der größte Rivale von Asahi, hat unterdessen eigene Biergärten eröffnet, auf deren Karte unter anderem zwölf Biercocktails stehen.


Süßer und poppiger. Nicht durch Zufall versuchen die Brauereien, ihre Biere süßer und poppiger zu machen. Eine begehrte Konsumentengruppe sind Frauen. Auch in Japan trinken weibliche Verbraucher seltener Bier als Männer, nicht zuletzt, weil viele von ihnen süße Geschmäcker bevorzugen. Hinzu kommt, dass Bier als männliches Getränk gilt, die meisten Frauen in Japan aber lieber niedlich als burschikos daherkommen. „Wir wollen die Grundlage für die Wiederbelebung unserer Marken in Japan legen“, sagte Senji Miyake, Chef von Kirin, kürzlich.

Gleichzeitig ist die Offensive der japanischen Brauer auch ein Blick auf andere Märkte. Japans Betriebe haben zuletzt mehrere Getränkehersteller in Asien aufgekauft, um neue Biere zu kreieren und Konsumenten zu gewinnen. Eine Hoffnung ist auch, dass die unorthodoxen neuen Mischungen den Weltmarkt erreichen könnten. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Produkt zuerst in Asien und dann global beliebt wird. Der japanische Softdrink Calpis verkauft sich etwa unter dem Name Calpico in den USA gut. Auch Sake, japanischer Reiswein, ist unter Liebhabern bekannt.

Dass überraschende Geschmäcker auch in fremden Kulturen gut landen können, zeigt derzeit die österreichische Brau-Union. Deren Besitzer Heineken hat mit Radlergetränken Teile Afrikas erschlossen und verkauft in Kongo und La Réunion. Die Brau-Union berichtet von schnellem Wachstum. Und wenn Japaner Bier mit Eis mögen, Kongolesen Bier mit Zitronensaft, fragt sich Miki Futamura, schon leicht angeheitert: „Warum sollen Europäer nicht auch mal etwas Neues probieren?“ Womöglich eine Frage der Zeit, bis die Bier-Eiskugeln nach Österreich rollen. In Shanghai, Los Angeles und Paris sind sie schon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2013)