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Wirtschaftsbuch: "Kann ich besser sein als der Markt?"

Traders work on the floor of the New York Stock Exchange
REUTERS
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Lawrence H. Officer erklärt, warum der Staat gegen Börsencrashs machtlos ist und warum Lehrer und Sozialarbeiter weniger verdienen als Spitzensportler.

Wien. Was, wenn es eine Börsenregel gäbe, die eine absolute Untergrenze für Aktienkurse festlegt? Oder wenn die Notenbanken durch gezielten Kauf und Verkauf von Aktien Börsenblasen und Marktcrashs verhinderten? Als im Jahr 2009 das Buch „Everyday Economics: Honest Answers to Tough Questions“ in New York erschien, saß der Schock der Finanzkrise, die im Herbst 2008 infolge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers eskaliert war, tief.

Knappes Angebot an Sportprofis

Die Frage, ob sich Ähnliches in Zukunft vermeiden ließe, beschäftigte viele. Die Antworten von Lawrence H. Officer, Professor an der University of Illinois at Chicago, sind desillusionierend, unterhaltsam, erfrischend subjektiv und lehrreich zugleich: Ein Mindestkurs würde viele Aktien einfach unverkäuflich machen, wovon die Inhaber dann erst recht nichts hätten. Und eine Intervention der Notenbank würde erstens voraussetzen, dass diese mehr weiß als der Markt, und zweitens die Geldpolitik durcheinanderbringen.

Fazit: „Solange die Marktteilnehmer lieber einen schnellen Gewinn einfahren möchten, als sich mit einer langfristig orientierten ,Buy-and-hold‘-Strategie zu bescheiden, sind Boom- und anschließende Bust-Phasen unvermeidlich. Jede Lösung, die auf die Verhütung von Börsencrashs abzielt, ist entweder effektiv unrealisierbar oder extrem riskant für die Gesamtwirtschaft.“ Jetzt erscheint das Buch in deutscher Sprache unter dem Titel „Wirtschaftswissen für jedermann. Die nützliche Alltagsfibel für Geld, Finanzen und Co.“

Officer beantwortet darin selbst gestellte, aber durchwegs originelle Fragen, etwa, warum Lehrer und Sozialarbeiter weniger verdienen als Sportprofis und Filmstars– weil das Angebot an Ausnahmesportlern knapper ist als das an potenziellen Lehrern. „So funktioniert das marktwirtschaftliche System. Wenn Sie wollen, können Sie ihm Ungerechtigkeit vorwerfen.“ Eine staatliche Umverteilung von Sportlern zu Lehrern und Sozialarbeitern würde dazu führen, „dass zu viele Menschen Lehrer oder Sozialarbeiter werden wollen, statt sich auf andere Berufe mit (aus Effizienzperspektive) größerer wirtschaftlicher Bedeutung vorzubereiten“.

Officer gibt auch Anlagetipps, freilich explizit ohne Garantie. Im Konjunkturabschwung sollte man eher Aktien kaufen als Anleihen, da Erstere dann billig und Letztere teuer sind. „Doch bei den meisten Menschen gewinnt die Angst Oberhand über die Vernunft“, räumt er ein. Auch die Frage, ob man den Markt schlagen kann, findet Beachtung. Officers Antwort: Irgendjemand schafft es immer. Am Ende werden aber diejenigen, die zu niedrigen Kursen kaufen und zu hohen Kursen wieder verkaufen wollen, oft vom Markt geschlagen. Eine breite Streuung von Käufen und Verkäufen über längere Zeit sei die sicherere Strategie.

Leider wurde im Zuge der Übersetzung versucht, die Aussagen auf deutsche oder überhaupt allgemeine Verhältnisse zu beziehen, was nicht wirklich gelingt und zu Irritationen führt, wenn plötzlich von „deutschen Unternehmen“ die Rede ist– es aber offensichtlich um „American companies“ geht. Oder wenn die interessante Frage „New York City has rent control. Is that a good policy?“ durch die allgemeine „Ist Mieterschutz eine gute Einrichtung?“ ersetzt wird. Officers Antwort lautet übrigens nein, da Mieterschutz dazu führe, dass Mieter nicht umziehen, Wohnungssuchende daher keine Wohnung finden und Eigentümer nicht investieren wollen.

Armut hängt von Definition ab

Doch erfährt man noch immer viel Interessantes über US-Spezifika, etwa, warum es in den USA eher möglich wäre, dass offiziell keine Armut mehr herrscht, als in Europa: In den USA wird meist eine absolute Armutsgrenze herangezogen, die ein Vielfaches der Mindestausgaben eines Haushalts für Nahrungsmittel ist. Das europäische Konzept, wonach die Armutsgrenze ein bestimmter Anteil des Medianeinkommens ist (und sich mit den Einkommen immer weiter nach oben verschiebt), hat sich in den USA nie durchgesetzt.

Lawrence H. Officer
Wirtschaftswissen für jedermann
Die nützliche Alltagsfibel für Geld, Finanzen und Co.
Börsenbuchverlag, 240 Seiten, 19,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2013)